Oktoberfest-Anschlag

Spur nach Beirut

Karl-Heinz Hoffmann mit Mitgliedern seiner Wehrsportgruppe Ende der 70er-Jahre in Unterfranken Foto: Ullstein

Fast 40 Jahre nach dem Oktoberfestattentat von 1980, dem bis dahin schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik, suchen deutsche Behörden Tausende Kilometer vom Tatort München entfernt wieder nach Spuren – im Libanon.

Details wollte Frauke Köhler, Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens nicht nennen. Aber sie bestätigte, dass der sogenannte »Libanon-Komplex« in die Ermittlungen einbezogen ist: »Ja, wir befassen uns damit und tun das umfassend, gründlich und ohne Zielvorgaben.«

So unspektakulär die Aussage der Behördensprecherin auf den ersten Blick klingen mag, so viel Brisanz steckt in diesem von ihr angesprochenen Kapitel, das von Gewalt, Folter und Tod strotzt, in die bizarre Welt militanter Neonazis und Rechtsextremisten führt, aber auch noch viele unbeantwortete Fragen enthält. Sind die Antworten, die vor über drei Jahrzehnten nicht gefunden wurden, die sich die Ermittler jetzt im neuen Anlauf aber erhoffen, der Schlüssel zur Wahrheit und die Erklärung dafür, was im blutgetränkten Herbst 1980 und im Jahr danach geschah?

rabbinermord Zum »Libanon-Komplex« gehört auch Uwe Behrendt, Neonazi, Mitglied der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), sogar Stellvertreter des »Chefs« – und mutmaßlicher Doppelmörder. Die Behörden gehen davon aus, dass er es war, der 1980 in Erlangen den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke ermordete.

Die Frage, ob Behrendt im Alleingang und aus eigenem Antrieb handelte oder Auftraggeber, Hintermänner und Helfer hatte, war Mitte der 80er-Jahre bereits Gegenstand in einem Prozess gegen Karl-Heinz Hoffmann, die damalige Ikone der Rechten, und dessen Lebensgefährtin und spätere Frau. Trotz einiger Indizien wurden die beiden jedoch vom Vorwurf einer Beteiligung an dem Doppelmord freigesprochen.

Als freier Mann durfte Karl-Heinz Hoffmann den Gerichtssaal in Nürnberg damals trotzdem nicht verlassen. Neuneinhalb Jahre Haft lautete das Urteil gegen ihn, das sich aus einer ganzen Reihe von Delikten zusammensetzte. Dazu gehörten Nötigung, Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Das Sündenkonto hatte der Gründer der nach ihm benannten WSG im Ausland angesammelt – im Libanon.

libanon 1980 war das Land im Nahen Osten Schauplatz eines zerstörerischen Bürgerkriegs, kontrolliert von unterschiedlichen Warlords und Interessengruppen. Karl-Heinz Hoffmann, der damals mit ausrangierten Militärfahrzeugen handelte, unterhielt schon seit längerer Zeit Kontakte zur PLO, die einen Teil des Landes beherrschte. Diese Beziehung sicherte ihm und seiner Truppe zumindest eine Zeitlang das Überleben.

Die Existenzkrise und den »Umzug« der WSG aus der Beschaulichkeit des oberfränkischen Ermreuth in das Bürgerkriegschaos des Nahen Ostens hatte das Bundesinnenministerium im Januar 1980 mit einem Verbot der verfassungsfeindlichen Organisation ausgelöst. Hoffmann nutzte daraufhin seine Kontakte zur PLO und landete mit dem harten Kern seiner WSG und militanten Rechtsextremisten und Neonazis aus seinem Umfeld in einem militärischen Ausbildungslager in der Nähe von Beirut.

Einblicke in das Lagerleben, das auch innerhalb der Gruppe von Gewaltexzessen bestimmt wurde, lieferten die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat, der Prozess gegen Hoffmann und Aussagen von seinen zwielichtigen Gefolgsleuten, einer abenteuerlichen Mischung aus überzeugten Neonazis, gewaltbereiten Extremisten, einem Doppelmörder – und einem Spitzel der Stasi, der Jahre später auch in Zusammenhang mit dem Anschlag auf das Word Trade Center (2001) gesucht wurde.

einzeltäter Ausreichende Beweise dafür, dass Hoffmann Drahtzieher des Oktoberfestattentats war und Mitglieder seiner Gruppe an der Ausführung des Anschlags beteiligt gewesen sein könnten, wurden bei den früheren Ermittlungen nicht entdeckt. Der Geologiestudent Gundolf Köhler gilt noch immer als Einzeltäter, auch wenn die Zweifel an dieser Theorie im Lauf der Jahre immer weiter gewachsen sind.

An den anwachsenden Zweifeln, die zu den neuen Ermittlungen führten, haben auch abtrünnige Mitglieder der »WSG Ausland« mitgewirkt. In einer Bar in Beirut, wie bei den Ermittlungen herauskam, hatten sie zum Beispiel herumgegrölt, an dem Bombenanschlag in München beteiligt gewesen zu sein. Erhärten ließen sich diese Aussagen damals nicht, aber sie sind ein Faktor, der die Bundesanwaltschaft veranlasst hat, den »Libanon-Komplex« noch einmal aufzurollen.

Als »umfassend« hat die Sprecherin der Bundesanwaltschaft die neuen Ermittlungen ihrer Behörde charakterisiert. Unter dieser Prämisse rückt nicht nur der Tod Uwe Behrendts noch einmal in den Fokus, dessen spärliche Überreste, der Schädel und wenige Knochenfragmente, auf dem Gelände des Lagers gefunden wurden. Hat der kaltblütige Doppelmörder tatsächlich Selbstmord begangen?

Ein Schleier liegt auch über dem Schicksal von Kai-Uwe Bergmann. Karl-Heinz Hoffmann wurde verurteilt, weil er an sich über Wochen hinziehenden Gewalttätigkeiten und Folterungen seines Gefolgsmannes beteiligt war. Was aber nach dessen plötzlichen Verschwinden genau geschah, konnte nicht geklärt werden. Auch dies ist Gegenstand der neuen Ermittlungen.

Shelly Meyer

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