Bundestagswahl

»Solidarisch mit Israel«

Die religionspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion zu Besuch bei der Jüdischen Allgemeinen Foto: Marco Limberg

Frau Griese, was macht ein religionspolitischer Sprecher eigentlich?
Als SPD-Fraktionsbeauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften bilde ich eine Brücke zwischen Politik und Religion. In der SPD versuche ich, deutlich zu machen, was die Kirchen und Religionsgemeinschaften bewegt, was ihre Ansichten sind und wofür sie sich engagieren. Und auf der anderen Seite werbe ich um Verständnis für die manchmal schwierigen Entscheidungen, die die Politik zu treffen hat.

Ist die Bekämpfung von Antisemitismus Teil Ihres Zuständigkeitsbereichs?
Ich halte den Kontakt zu den jüdischen Gemeinden und Organisationen, und dazu gehört leider auch, dass ich mich viel mit dem Antisemitismus beschäftige, dem die Gemeinden ausgesetzt sind.

Jüngst wurde der Bericht des Unabhängigen Expertengremiums vorgestellt. Von Ihnen war da nicht so viel zu hören.
Dazu haben sich eine Reihe von Innenpolitikerinnen und Innenpolitikern der SPD geäußert, denn dieser Bericht liegt in der Zuständigkeit des Bundestagsinnenausschusses, und das ist auch richtig so. Im Ausschuss für Arbeit und Soziales, dem ich vorstehe, spielt das Thema Antisemitismus nur indirekt eine Rolle, wenn es beispielsweise um die Integration der zu uns gekommenen Menschen geht. Selbstverständlich beschäftige ich mich auch als Kirchen- und Religionsbeauftragte damit.

Wie stehen Sie zur Forderung, einen Antisemitismusbeauftragten einzusetzen?
Die SPD spricht sich in ihrem Regierungsprogramm dafür aus, die Forderungen des Antisemitismusberichts umzusetzen. Dazu gehört auch die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten. Es ist tragisch, dass zwischen dem ersten und dem zweiten Bericht nicht viel passiert ist. Und ich kann ihnen von vielen kontroversen Gesprächen berichten: Es ist für uns immer sehr schwer, mit der CDU/CSU in dem Bereich mehr zu erreichen.

Ist die CDU/CSU ein Hemmschuh bei der Bekämpfung des Antisemitismus?
Die Union ist schwierig zu überzeugen, wenn es um das Gesamtfeld der Arbeit gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit geht. Grundsätzlich gibt es beim Thema Antisemitismus einen großen Konsens aller demokratischen Parteien. Leider gibt es in der Linken-Fraktion einige, deren Positionen an antisemitische Parolen erinnern, was mich sehr erschreckt.

Woran hakt’s dann in der Regierung?
Der Koalitionsvertrag sah vor, dass wir ein Demokratiefördergesetz auf den Weg bringen, in dem die Präventionsarbeit langfristig verankert wird. Es lag eindeutig an der CDU/CSU, dass das nicht geklappt hat.

Inwiefern?
Wenn gegen Flüchtlingsunterkünfte Anschläge verübt oder Menschen angegriffen werden, die in Berlin eine Kippa tragen, darf die Antwort nicht heißen, Linksextremismus sei aber auch schlimm. Denn das führt dazu, dass Rechtsextremismus verharmlost wird. Das noch von Bundesministerin Manuela Schwesig auf den Weg gebrachte Programm »Demokratie leben!« richtet sich gegen jede Form von Extremismus, Islamismus und Antisemitismus – es ist also sehr vielfältig und sehr gut.

Hat nicht die Beschneidungsdebatte gezeigt, wie schnell antisemitische Topoi wieder aktuell werden können?
Ich habe noch nie in meinem Leben eine Debatte erlebt, die so unterirdisch, so emotional und auch so antisemitisch geführt wurde. Dieses Thema hat ein Fass geöffnet: Alle, die schon immer etwas gegen Juden und Muslime sagen wollten, haben es offen ausgesprochen. Ich war erschrocken, wie wenig Verständnis und Verstehenwollen über jüdische Identität quer durch alle Parteien existierte.

Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?
Dass wir mehr Wissen über Religion und religiöse Erziehung brauchen. Auch wenn die Religionsgemeinschaften und Kirchen weniger Mitglieder haben, brauchen wir gerade dann mehr religiöse Bildung.

Wie sieht es mit der Israel-Solidarität aus? Die SPD ist da ja in die Kritik geraten.
In der Nachkriegszeit war es die politische Linke, die Beziehungen zu Israel gefordert hat: Gewerkschaften, SPD, Jusos, Aktion Sühnezeichen ...

Und heute? Stichwort: Sigmar Gabriels Israelreise, Martin Schulz’ Lob der Wasserrede von Mahmud Abbas …
Die SPD ist solidarisch mit dem Staat Israel. Ich fand einzelne Formulierungen in Schulz’ Reaktion auf Abbas’ Rede zwar nicht gut. Tatsache ist aber, dass Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Martin Schulz zwar keine Freunde der Regierung Netanjahus sind, aber große Freunde Israels und viele Anstrengungen unternehmen, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu entschärfen. Ich finde die Kritik daran auch deswegen unangemessen, weil die Konservativen in diesem Feld entweder untätig sind oder konkrete Schritte verhindern. Ein Beispiel: Man könnte doch die Mittel für den deutsch-israelischen Jugendaustausch erhöhen. Die haben nämlich viel mehr Anträge als Geld.

Warum sollten Juden die SPD wählen?
Die SPD ist eine Partei, die sich seit mehr als 150 Jahren für ein gleichberechtigtes Miteinander aller Religionen einsetzt. Sie hat mit ihren jüdischen Gründungsvätern und -müttern eine wichtige Identitätslinie, und sie hat einen jüdischen Arbeitskreis. Die SPD steht für den sozialen Zusammenhalt sowie für gute und gleiche Bildungschancen. Das kann für jeden Menschen und genauso auch für die Mitglieder jüdischer Gemeinden ein wichtiger Anreiz sein, SPD zu wählen.

Gesprächsreihe
Am 24. September wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Die Jüdische Allgemeine hat die religionspolitischen Sprecher der Fraktionen eingeladen. Bis zum Wahltag dokumentieren wir diese Gespräche – kommende Woche mit Franz Josef Jung (CDU).

Stuttgart

»Der Nationalsozialismus war wunderschön«: AfD-Gemeinderat droht Parteiausschluss

Niels Foitzik behauptete in Videos, unter Adolf Hitler sei jeder willkommen und wertgeschätzt gewesen. Sein Landesverband will ihn ausschließen. Nach wie vor ist er Stadtrat der AfD

 07.05.2026

Hamburg

»Nakba«-Protestcamp am Ort der Judendeportation?

Auf dem ehemaligen Juden-Sammelplatz soll wieder ein antiisraelisches Camp errichtet werden. Die Jüdische Gemeinde und die Stadt Hamburg fordern die Verlegung an einen anderen Ort

von Michael Thaidigsmann  07.05.2026

Berlin

Wegner: Kannte Liste mit Antisemitismus-Projekten nicht

Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson war im Zusammenhang mit der umstrittenen Vergabe von Fördermitteln zurückgetreten. Der Regierende Bürgermeister wusste laut eigener Aussage über einen wichtigen Aspekt nicht Bescheid

 07.05.2026

München

»Hitlergruß«-Collage? AfD-Politiker Bystron freigesprochen

AfD-Mann Bystron teilt in sozialen Medien eine Fotomontage - unter anderem mit Angela Merkel mit ausgestrecktem Arm. Strafbar? Geschmacklos? Das Landgericht sieht die Sache anders als die Vorinstanz

 07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Bayern

»Antisemitismus ohne mich«: Parteiübergreifende Kampagne

Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Ministerpräsident Markus Söder sowie die Landtagsabgeordneten von CSU, Grünen, Freien Wählern und SPD nehmen Teil

 07.05.2026

Sachsen-Anhalt

Umfrage zur Landtagswahl: Rechtsextreme AfD stärkste Kraft

Die selbsternannte »Alternative« baut ihren Vorsprung zur CDU vor der Landtagswahl aus. Das zeigt eine Umfrage von Infratest dimap. BSW, Grüne und FDP wären nicht im mehr Landtag

 07.05.2026

Berlin

Gericht stoppt geplante Abschiebung israelfeindlicher Aktivistin aus Irland

Im Oktober 2024 dringen 20 Aktivisten in das Präsidium der Hochschule ein, beschädigten Büros und verletzten mindestens einen Mitarbeiter. Die Irin soll dabei gewesen sein

 07.05.2026

Meinung

Die Angst, als Jude erkannt zu werden

Der Lagebericht des Zentralrats offenbart, wie unsicher sich Juden in Deutschland fühlen. Eine Gemeindevorsitzende beschreibt, was das für den Alltag der jüdischen Gemeinschaft bedeutet

von Jeanne Bakal  07.05.2026