Antisemitismus

»So kann es nicht weitergehen«

Der Jahrestag der Eröffnung der documenta 15 rückt näher, doch vergessen sind die Vorgänge keineswegs. »So kann es nicht weitergehen«, sagte Josef Schuster am Donnerstagabend im Haus der Wannsee-Konferenz. Unter dem Titel »Von der Kunstfreiheit gedeckt?« hatten die Gedenk- und Bildungsstätte, der Zentralrat der Juden, das American Jewish Commitee und die Amadeu Antonio Stiftung am 11. Mai zur Diskussion über Antisemitismus in Kunst und Kultur eingeladen.

Zahlreiche Besucher versammelten sich in dem Zelt im Garten mit Seeblick, auf den Podien ging es unter anderem um die documenta, den Einfluss der Israel-Boykott-Bewegung »Boycott, Divestment, Sanctions« (BDS) und die Initiative »GG 5.3 Weltoffenheit«.

Mehr als ein interessantes Detail ist, dass die Tagung bereits vor dem documenta-Skandal geplant wurde. Nun wurde dieser zum zentralen Thema, auf das immer wieder Bezug genommen wurde. Judenfeindliche Darstellungen und Propaganda gegen Israel, wie sie auf der Kunstschau öffentlich gezeigt wurden, seien »absolut keine Überraschung« gewesen, so Schuster. In diesem Zusammenhang erinnerte er an die Tatsache, dass das Banner »People’s Justice« von Taring Padi vor rund 20 Jahren entstanden war – und bereits mehrfach ausgestellt wurde. »Die Warnungen waren da«, sagte Schuster. Doch das Ergebnis ist bekannt.

EXPERTENGREMIUM Auf der Tagung wurde auf den verschiedenen Podien konstatiert, dass die documenta in mehrfacher Hinsicht gescheitert sei. Nicht nur wurden antisemitische und israelfeindliche Werke ausgestellt, die Verantwortlichen der Kunstschau zeigten sich zudem unfähig, nach öffentlicher Kritik darauf angemessen zu reagieren. Lobend erwähnte Schuster den inzwischen vorliegenden Abschlussbericht des Expertengremiums, der »erfrischend deutlich« sei. Institutionen wie die documenta müssten ihrer großen Verantwortung gerecht werden, fügte Schuster hinzu.

Mehr als ein interessantes Detail ist, dass die Tagung bereits vor dem documenta-Skandal geplant wurde.

Der Kampf für Meinungs- und Kunstfreiheit und der Kampf gegen Antisemitismus schließen sich nicht aus, sagte Schuster – das war auch der Tenor der Tagung. Wie das gehen kann, wurde diskutiert. Bei Reden und Appellen dürfe es nicht bleiben, robustere Mittel müssten erwogen werden.

In Bezug auf die documenta wurde beispielsweise eine »Verwendungsnachweisprüfung« ins Spiel gebracht, Terrorpropaganda dürfe nicht als Kunst durchgehen. Denkbar wäre, dass strittige Fälle bis vor Gericht gehen, wie der Theatermacher Benno Plassmann argumentierte, um den zugrundeliegenden Kunstbegriff zu klären.
Abseits solcher praktischen Erwägungen wurde die documenta auch als Institution in den Blick genommen. Mit deren Gründung verbanden sich ausbleibende Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, Verdrängung des Antisemitismus und Ausgrenzung der Juden.

Die Gründerfigur Werner Haftmann, Kunsthistoriker mit NSDAP- und SA-Mitgliedschaft, nutzte die zuvor verfemte moderne Kunst zum Zwecke der Rehabilitierung. Doch blieb diese »judenfrei« – den Juden attestierte Haftmann, keine Rolle in der modernen Kunstgeschichte zu spielen. Ein »Meisterstück der Entlastungserzählung« heißt es in dem Film Der Erlösungskomplex von Leon Kahane und Fabian Bechtle, der auf der Tagung erstmals gezeigt wurde.

FILM Der Erlösungskomplex verdeutlicht, wie sich deutsche Künstler als »Erlöser und Befreier« verstanden, von Richard Wagner bis zum documenta-Star Joseph Beuys. Doch wovon wollten sie sich oder Deutschland befreien oder erlösen? Vom westlichen Materialismus, den sie in den Juden verkörpert sahen, so zu finden auch bei Rudolf Steiner und Martin Heidegger. Der Film zeigt, wie sehr die idealistische Vorstellung deutscher Kunst und Kultur mit dem Judenhass verwoben ist – wie auch in Avishai Milsteins Theaterstück Die Friedensstifterin in Kassel zu sehen. Kunstfreiheit wird nicht juristisch als mit anderen Rechten korrespondierend, sondern als metaphysisches Phantasma begriffen.

Claudia Roths Amtschef Andreas Görgen gab sich eher wortkarg und defensiv.

Solche großen Perspektiven, wie sie Der Erlösungskomplex aufmachte, wurden auf den Podien eher nur am Rande angesprochen, drängendere Fragen standen im Vordergrund. Zurzeit ist zu beobachten, wie sich die jüngere Antidiskriminierungspolitik institutionalisiert. Doch nicht selten hantieren die neu eingerichteten Antidiskriminierungsbeauftragten mit einem Werkzeug, bei dem Juden nicht vorkommen, wie es David Baddiel in seinem Buch Jews Don’t Count zeigte. Juden werden als »privilegiert« verstanden, nicht als eine stark angefeindete Minderheit.

INTERSEKTIONALITÄT Hinter den ausgetüftelten Begriffsapparaten der Intersektionalität verbirgt sich oft ein manichäisches Weltbild, wie unter anderem Samuel Salzborn und Karin Stögner diagnostizierten. Die Folge ist, dass sich der Kampf gegen Rassismus und der gegen Antisemitismus als einander ausschließend aufgefasst werden, wie es sich auch bei ruangrupa beobachten ließ.

Aus Protest gegen solche Vereinfachungen hatte Hito Steyerl damals ihre Arbeit in Kassel abgebaut. Sie bezeichnete es als »verrückt«, die Angriffe von Halle und Hanau gegeneinander auszuspielen, wie es im vorherrschenden postkolonialen Weltbild geschieht.

Der mit postkolonialem Vokabular einhergehende theoretische Paradigmenwechsel zeigt sich auch in der großen Unterstützung, die BDS inzwischen im Kulturbetrieb erfährt. Katja Lucker erzählte eindrücklich, wie das Berliner Festival Pop-Kultur bis heute von der BDS-Kampagne unter Druck gesetzt wird. Aus dem Kulturbetrieb komme kaum Solidarität, stattdessen wird mitgemacht oder geschwiegen. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat sagte, dass man sich mit BDS nicht für Kunstfreiheit einsetzen könne. Er forderte eine »klare politische Positionierung des Kulturbetriebs«. Zu sprechen kam Zimmermann auch auf »GG 5.3 Weltoffenheit«, die sich gegen den BDS-Beschluss des Bundestages wandte. Er warf der Initiative »Orwell’sche Wortverdrehungen« vor.

LERNPROZESS Neben Lucker und Zimmermann saß auf dem Abschlusspodium auch Andreas Görgen, Amtschef der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien – und ehemaliger Berater von »GG 5.3«. Görgen, der sich eher wortkarg und defensiv gab, warb für ein »gemeinsames Verständnis« und sprach von einem »Lernprozess«. Nur wie und was gelernt werden soll, blieb nebulös.

Auf Nachfrage verteidigte er seine Chefin Claudia Roth: Bereits wenige Tage nach dem ersten Pressebericht über Antisemitismus auf der documenta im Januar vergangenen Jahres habe man versucht, eine Expertenkommission einzusetzen. Gescheitert sei das am Widerstand aus der documenta. Neu war das nicht, das ist die bereits bekannte Sprachregelung. Was seitdem getan wurde oder noch getan werden soll, war an dem Abend von Görgen nicht zu erfahren.

Mehr Diskussion hätte der Tagung an der einen oder anderen Stelle gutgetan. Beispielhaft dafür war das Podium, auf dem einschließlich der Moderation alle Beteiligten demselben Kunstkollektiv angehörten – eine Fehlkonstruktion. Mehr Zeit für Beiträge aus dem Publikum hätte auch nicht geschadet.

Doch war es für eine kritische Bestandsaufnahme eine wichtige Veranstaltung. Zentralratspräsident Schuster sagte in seiner kurzen Rede, man dürfe nicht nur zurückschauen, sondern müsse den Blick auch nach vorn richten. Entwicklungen müssten angestoßen, antisemitismuskritische Vorhaben gefördert werden. Es bleibt viel zu tun, auch fast ein Jahr nach der Eröffnung der documenta.

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