Kevin Kühnert

»Sigmar Gabriel hat mich zur Weißglut gebracht«

Kritisierte den früheren Außenminister wegen dessen Israel-Aussagen: Juso-Chef Kevin Kühnert Foto: Getty Images

Altbundeskanzler Gerhard Schröder, die neue SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, die langjährige Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul – sie alle begannen ihre parteipolitische Karriere einst als Bundesvorsitzende der Jusos. Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten war der Name des Chefs des SPD-Parteijugendverbands oft nur noch Politiknerds bekannt. Das sollte sich im November 2017 ändern. Kevin Kühnert wird zum neuen Bundesvorsitzenden des Verbandes gewählt, der nach eigenen Angaben bundesweit über 70.000 Menschen im Alter zwischen 14 und 35 Jahren als Mitglieder zählt.

Wenige Tage zuvor hatte die FDP die Verhandlungen mit Union und Grünen platzen lassen. Unterdessen nahm der Druck auf die SPD und ihren Vorsitzenden Martin Schulz zu. Die Sozialdemokraten sollten, so forderten viele, von ihrer Ankündigung, in die Opposition zu gehen, wieder abrücken und erneut eine Regierung mit CDU und CSU bilden. Die SPD-Spitze gibt dem Druck schließlich nach, der Unmut in der Partei wächst.

Ganz vorn im Lager derer, die eine neue Große Koalition verhindern wollen: Juso-Chef Kevin Kühnert. Auf dem Parteitag im Januar gilt es als das große Duell: der 62-jährige Politprofi Schulz gegen den 28-jährigen Studenten Kühnert. Für viele Beobachter ist Kühnert der Sieger, dennoch spricht sich der Parteitag mit einer schmalen Mehrheit für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen aus.

positionen Für den Juso-Vorsitzenden geht der Trubel da erst richtig los. Wochenlang ist er in ganz Deutschland unterwegs, um seine Genossen zu überzeugen, beim Mitgliedervotum die »Groko« abzulehnen. »Das waren gut drei Wochen, in denen ich nur mal kurz zum Wäschewaschen zu Hause war. 25 Veranstaltungen, 7000 bis 8000 Leute, die insgesamt bei den Veranstaltungen waren«, erzählt Kühnert im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, »für uns war das echt eine Hausnummer!«

Er ist im Fernsehen zu Gast, bei Jan Böhmermann und bei Markus Lanz. »Martin Schulz gegen Kevin Kühnert, Regierungspragmatismus gegen reine linke Lehre«, schreibt die »Wirtschaftswoche«. Am Ende votieren zwei Drittel der Mitglieder für den Pragmatismus; doch Schulz überlebt seinen eigenen Schlingerkurs am Ende politisch nicht. Kühnert hingegen kann sich nicht nur rühmen, dass er mit seiner »No-Groko«-Position »immerhin ein Drittel der Mitglieder vertreten« hat. Er dürfte damit zugleich in der deutschen Öffentlichkeit eine Bekanntheit erlangt haben wie schon lange kein Juso-Chef mehr.

Das mit der reinen linken Lehre will Kühnert übrigens so nicht stehen lassen: Es sei keine »Rechts-Links-Auseinandersetzung im eigentlichen Sinne« gewesen, um die es bei der Abstimmung über die Groko gegangen sei. Aber klar, zum linken Parteiflügel zählt der gebürtige Berliner durchaus. Abschaffung von Hartz IV, Erhöhung des Spitzensteuersatzes – in solchen Fragen ist Kühnert ein linker Sozialdemokrat. Bei anderen Themen hingegen hat er Positionen, die unter Linken eher minoritär sind.

antrieb Bei Israel und der Bekämpfung von Antisemitismus zum Beispiel. »Von der Haltung her ganz ähnlich dem«, was der neue Bundesaußenminister Heiko Maas schon vor seinem Antrittsbesuch in Israel gesagt hat: »Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen.« Diesen Satz von Maas könne er unterschreiben, so Kühnert. Auch für ihn sei das der wichtigste Antrieb gewesen, Politik zu machen.

Egal, ob es um die Bedrohung durch Neonazis oder die Gefahr durch islamistische Terroristen gehe – es sei wichtig, solche »Haltungen und politischen Handlungsweisen« zu bekämpfen.
Antisemitismus könne verschiedene Wurzeln haben. Für die Opfer sei es aber eben vollkommen egal, ob sie von deutschen Nazis oder von Islamisten angegriffen würden. Bei der antisemitischen Al-Quds-Demo, die jährlich in Berlin stattfindet, oder beim Umgang mit der Erdogan-treuen DITIB wünscht er sich eine klarere Haltung. Eine Haltung, wie er sie schon mit seinem Berliner Juso-Landesverband beim Gaza-Krieg 2014 und hinsichtlich des umstrittenen Atomabkommens mit dem Iran eingenommen hat und die »Solidarität mit Israel« heißt.

Vor diesem Hintergrund kritisiert Kühnert auch den früheren SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel scharf, der als Außenminister Amtsvorgänger von Heiko Maas war. »Nach Israel zu fahren und von Apartheid zu sprechen – allein schon auf die Idee zu kommen, finde ich so absurd und verräterisch. Das hat mich zur Weißglut gebracht.« So gesehen kann Kühnert der Großen Koalition dann doch noch etwas Positives abgewinnen: »Das Beste an der Großen Koalition ist – Stand jetzt – der Wechsel im Außenministerium.«

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Linke Luftnummer

Der Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus der Berliner Linken ist heuchlerisch. Die Partei ist derzeit nämlich nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems

von Ralf Balke  13.05.2026

TikTok

Antisemitismus per Algorithmus

Antisemitische Inhalte auf der Social-Media-Plattform treten häufig codiert auf. Reichweitenstarke Beiträge sind oft uneindeutig und werden erst im Kontext als antisemitisch erkannt

 13.05.2026

Meinung

Was Sachsen-Anhalt im Herbst droht

Nach den aktuellen Umfragen ist eine Alleinregierung für die AfD zum Greifen nah. Was das allein für die Erinnerungspolitik bedeuten würde, konnte man zuletzt an der Reaktion der Landespartei auf den 8. Mai beobachten

von Mascha Malburg  13.05.2026

Berlin

Ulf Poschardt gibt Herausgeber-Position bei »Welt« auf

Die Hintergründe

von Steffen Trumpf  13.05.2026

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026

London

Sie »fischten« mit Geld nach Juden: Zwei Männer verurteilt

»Fishing for Jews« mit einer Angel, an der ein Geldschein hängt: Im Stadtteil Stamford Hill, in dem viele Charedim wohnen, werden die Verdächtigen von den Shomrim gestellt und später festgenommen

 13.05.2026

Teheran

Weitere Hinrichtung im Iran nach Spionagevorwürfen

Die iranische Justiz hat in den vergangenen Wochen viele Männer exekutieren lassen. Nun wird wieder ein Todesurteil vollstreckt

 13.05.2026

Bern

Mengele-Akten endlich öffentlich

Der Schweizer Nachrichtendienst blockierte den Zugang zu diesen Unterlagen jahrzehntelang. Nun wird diese Sperre aufgehoben

von Nicole Dreyfus  13.05.2026