München

Sieben Mordopfer und noch immer keine Spur

Eine Überlebende des Brandes Foto: dpa

München

Sieben Mordopfer und noch immer keine Spur

Zum Anschlag auf jüdische Rentner 1970 gibt es Hinweise auf linksradikale Täter. Doch viel weiß man nicht

von André Anchuelo  09.07.2012 17:37 Uhr

»Wir werden vergast! Wir werden verbrannt!« Was wie verzweifelte Rufe in einem NS-Vernichtungslager klingt, war in Wirklichkeit ein Vierteljahrhundert später zu hören: In der Münchner Reichenbachstraße stand im Februar 1970 ein jüdisches Gemeindezentrum in Flammen. Sieben Bewohner der dortigen Altenwohnungen, mehrere von ihnen Schoa-Überlebende, kamen dabei um. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, die alle Opfer persönlich kannte, erinnert sich: »Es war schrecklich.«

Trotz intensiver Ermittlungen der Polizei konnten die Täter nie ermittelt werden. Lange wurden Neonazis als Täter vermutet. Das Magazin Focus berichtete vergangene Woche von einem neuen Zeugen sowie Indizien, weswegen die Münchner Staatsanwaltschaft eine Wiederaufnahme der Ermittlungen prüfe. Laut Focus stehen als Urheber die »Tupamaros München« im Verdacht – eine Vorläufergruppe der RAF. Der Hamburger Historiker Wolfgang Kraushaar hat ein Buch zu dem Fall verfasst, das demnächst erscheinen soll. Bereits vor sieben Jahren veröffentlichte der Wissenschaftler Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus. Darin untersuchte er die Hintergründe eines versuchten Anschlags in der Berliner Fasanenstraße.

Dort war am 9. November 1969, am Jahrestag der »Kristallnacht«, eine Brandbombe deponiert worden, die zum Glück nicht zündete. In einem Flugblatt bekannten sich die »Schwarzen Ratten/Tupamaros Westberlin« zu der Tat. Kraushaars Recherchen zufolge war der Kopf der Gruppe, Dieter Kunzelmann, zugleich Drahtzieher des Anschlags.

Genossen Stand Kunzelmann auch hinter dem Anschlag in München? Schon damals gab es laut Kraushaar eine erfolglose Durchsuchung der Wohngemeinschaft des ehemaligen Berliner Kommunarden Fritz Teufel, der inzwischen Kopf der Münchner »Tupamaros« war. Michael »Bommi« Baumann, um 1970 in ähnlichen Zusammenhängen wie Kunzelmann und Teufel unterwegs, sagte der Jüdischen Allgemeinen, seine Berliner Gruppe habe nicht geglaubt, dass die Münchner Genossen hinter dem Anschlag auf die Reichenbachstraße steckten. Man habe aber sicherheitshalber nachgefragt. Ergebnis: Die dortigen Genossen waren es nicht, »für den Fritz Teufel leg’ ich meine Hand ins Feuer«, so Baumann. Kunzelmann hingegen hätte er die Aktion zugetraut, der habe sich zu der Zeit aber »leider in Berlin« aufgehalten.

Auch die Münchner Staatsanwaltschaft rückt von der Darstellung des Focus ab. Der angeführte Zeuge sei schon seit 2007 bekannt, seine Aussagen hätten sich als unzutreffend herausgestellt, es gebe derzeit keine erfolgversprechende neue Spur. Am kommenden Dienstag läuft in der ARD ein Film von Georg M. Hafner, der sich ebenfalls mit der Thematik befasst. Der sehr persönliche Film nähert sich den vier zwischen dem 10. und 21. Februar 1970 erfolgten Anschlägen über Rudolf Crisolli, den Onkel Hafners, der bei einem der Attentate ums Leben kam. Der Fernsehreporter saß in einem Flugzeug der Swiss Air von München nach Tel Aviv. Alle Insassen starben beim durch eine Bombe verursachten Absturz. Die Passagiere einer Maschine der Austrian Airlines entgingen nur knapp dem gleichen Schicksal.

Beide Attentate wie auch die versuchte Entführung eines El-Al-Fluges waren von Palästinensern der Fatah verübt worden. Möglicherweise halfen die »Tupamaros« ihnen und verübten zwischendurch einen eigenen Anschlag. Vielleicht hatten sie mit allen vier Attentaten gar nichts zu tun. Bislang gibt es mehr offene Fragen als Antworten.

»München 1970«. Ein Film von Georg M. Hafner,
Das Erste, 17. Juli, 22.45 Uhr

Washington

USA widerrufen Visa für Repräsentanten von PLO und PA

Vergangenen Monat haben die USA bereits Visa-Sanktionen gegen Palästinenser-Gruppen verhängt. Wenige Wochen vor der UN-Vollversammlung macht das Außenministerium eine neue Ansage

 29.08.2025

Antisemitismus

Michel Friedman: »Man will uns töten«

Michel Friedman berichtet von wachsender Unsicherheit für Juden in Deutschland. In Berlin etwa gehe er mancherorts nicht entspannt spazieren

 29.08.2025

Schweiz

Antisemitische Hetze in Zürich

In den Stadtvierteln Enge und Wollishofen, wo viele Juden leben, sind israelfeindliche Plakate an öffentlichen Orten aufgetaucht

 29.08.2025

Meinung

Islamisten bekämpft man nicht mit Worten, sondern mit Taten

Zu spät und trotzdem richtig: Die europäischen Staaten haben den Weg für härtere UN-Sanktionen gegen den Iran freigemacht. Jetzt heißt es, konsequent zu bleiben

von Michael Spaney  29.08.2025

Hamburg

Block-Prozess: Mehr Fragen an mutmaßlichen Kindesentführer

Ein israelischer Angeklagter gesteht, an der Entführung der Block-Kinder Silvester 2023/24 beteiligt gewesen zu sein. Er sah sich aber als »Superman«, der Kinder rettet. Das Gericht hat viele Nachfragen

 29.08.2025

Markus Lanz

Wolkige Rhetorik und rhetorische Volten

In der ZDF-Sendung bemühte sich Kanzleramtsminister Thorsten Frei, den Rüstungsexportstopp seiner Regierung zu erklären, während taz-Journalistin Ulrike Herrmann gar einen »Regimewechsel« in Israel forderte

von Michael Thaidigsmann  29.08.2025

Kopenhagen

Sanktionen gegen Israel? Außen- und Verteidigungsminister beraten

Was ist mit möglichen Sanktionen gegen den jüdischen Staat? Wie geht es weiter mit der Unterstützung der Ukraine? Um Fragen wie diese geht es jetzt bei zwei EU-Treffen in Dänemark

 29.08.2025

Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Er ist Diplomat, Menschenfreund, Opernliebhaber und der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Zum Geburtstag eines Unermüdlichen

von Evelyn Finger  29.08.2025

Justiz

Gericht erlaubt israelfeindliche Demonstration in Frankfurt

Gegen den Beschluss kann die Stadt Beschwerde beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel einlegen

 28.08.2025