Beziehung

Sie und wir

Dialog: Die Notwendigkeit gegenseitiger Akzeptanz und pragmatischer Zusammenarbeit ist augenfällig. Foto: dpa

Die Beziehung zwischen Juden und der katholischen Kirche darf heute als freundlich bezeichnet werden. Seit den frühen 60er-Jahren ist das Verhältnis zwischen den beiden Religionsgruppen jedoch durch ein Wechselbad aus Ermutigungen und Irritationen gegangen.

Der zeitliche Kontext, in dem die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum sich entscheidend zu wandeln begann, ist durch verschiedene Ereignisse markiert. Im Mai 1962 wurde nach ausführlichem Prozess in Jerusalem Adolf Eichmann, einer der führenden Organisatoren der Judenvernichtung, hingerichtet. Wie kein anderes Ereignis brachte der Fall Eichmann den lange verdrängten Holocaust in der öffentlichen Wahrnehmung als zentrales Trauma des Zweiten Weltkriegs ins Bewusstsein.

Rattenlinie Auch die Kirche konnte sich diesem Sog nicht entziehen – selbst wenn damals noch nicht öffentlich diskutiert wurde, dass Eichmann auf der sogenannten Rattenlinie mit aktiver Unterstützung des Vatikans überhaupt erst nach Argentinien hatte entkommen können.

Es folgte 1963 Rolf Hochhuths Drama Der Stellvertreter, in dem erstmals lauthals die Passivität von Papst Pius XII. angesichts der Deportationen von Juden, unter anderem vor seiner eigenen Haustür in Rom, angeklagt wurde. Auch nach Erlöschen der heftigen Reaktionen und regelrechten Kulturkämpfe, die dieses Stück und seine Aufführung auslösten, blieb die Diskussion über die Rolle des Vatikans im Zweiten Weltkrieg ein Thema, das die Öffentlichkeit umtrieb – bis heute.

Wegbereiter des neuen Kurses des Vatikans war Papst Johannes XXIII., der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das er 1962 einberief und dessen Erklärung 1965 unter seinem Nachfolger Paul VI. veröffentlicht wurde, eine explizite Anerkennung des Judentums durch die katholische Kirche anbahnte und ermöglichte. Als Paul VI. 1964 auf einer Pilgerreise israelischen Boden betrat, konnte dies auch als eine zumindest implizite Anerkennung Israels verstanden werden – selbst wenn es noch weitere 30 Jahre bis zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Vatikan und Israel dauern sollte.

Dass dies unter Johannes Paul II. geschah, ist kein Zufall. Kein Papst in der Geschichte der Kirche war den Juden mehr verbunden – durch persönliche Erlebnisse in Polen während des Krieges und danach sowie durch den tiefen Glauben daran, dass nur ein geklärtes Verhältnis zum Judentum der Kirche inneren Frieden bringen würde. Er war der erste Papst, der – wenn auch verklausuliert – eine Mitschuld der Kirche am Holocaust eingestand.

Einheit Anders als Johannes Paul II. ist Benedikt XVI. in seiner Beziehung zum Judentum nicht emotional, sondern sachlich und politisch engagiert. Er sieht sich nicht als Diplomat, sondern als Nachfolger Petri auf dem Heiligen Stuhl. Für ihn haben andere Dinge Vorrang: die Einheit der Kirche, die Authentizität von Gebetsformeln, der theologische Diskurs. Nur so ist zu verstehen, dass Gesten wie Besuche in Synagogen und in Israel oder theologische Erklärungen wie in seinem zweiten Jesus-Buch, in dem die Verursachung der Kreuzigung Jesu durch die Juden verneint wird, ganz anderen Erscheinungen gegenüberstehen.

Man denke an die Wiederaufnahme der Pius-Bruderschaft und eines Holocaust-Leugners wie Richard Williamson, die restaurative Abänderung der Karfreitagsfürbitte in eine für die Juden inakzeptable ältere Fassung, die Betreibung der Seligsprechung Papst Pius’ XII. – ungeachtet der noch längst nicht gelösten Fragen über seine wahre Rolle während des Holocaust. Auch anderen Gemeinschaften gegenüber, der evangelischen Kirche etwa und dem Islam, hat dieser Papst gezeigt, dass er sich nicht primär als Diplomat sieht.

Tausende von Juden und Christen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten um einen Dialog verdient gemacht, der weit über die Tagespolitik des Vatikans oder Israels hinausging. In Zukunft dürfte sich hier einiges ändern: Viele, Juden wie Christen, finden eine Begegnung auf theologischer statt auf rein zwischenmenschlicher Ebene in der Zeit der Postmoderne unecht und aufgesetzt.

Auch hat sich – gerade im Judentum, das kein klerikales Zentrum besitzt – eine Vielheit von Stimmen politischer ebenso wie theologischer Provenienz etabliert, die »das Judentum« als Gesprächspartner zu einer Fiktion machen. Und dennoch wird sich die Notwendigkeit der gegenseitigen Akzeptanz noch verstärken.

Schon nur das derzeit unberechenbare und wuchtige Eindringen des Islam in politische und gesellschaftliche Diskurse weltweit, ebenso wie der antiislamische, aber auch der antisemitische Reflex (im Islam und außerhalb), die in den vergangenen Jahren freigesetzt worden sind, all dies ruft nach mehr als theologischer, es ruft nach praktischer, pragmatischer Zusammenarbeit. Strategien dazu sind dringend erwünscht – aber nicht wirklich auffindbar.

Der Autor ist Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums an der Universität Basel.

Hintergrund

Wenn Juden- und Israelfeindlichkeit Extremisten aller Couleur vereint

Der Verfassungsschutzbericht 2025 verdeutlicht einmal mehr: Antisemitismus und Antizionismus sind der Bindekitt zwischen ansonsten inkompatiblen extremistischen Strömungen

von Michael Thaidigsmann  01.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026

Extremismus-Bericht

Auschwitz Komitee macht AfD für gestiegenen Rechtsextremismus verantwortlich

Die Zahl der Extremisten in Deutschland ist nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz weiter gestiegen. Dafür macht das Komitee vor allem die AfD verantwortlich

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Berufung

Hamburg hat wieder eine Beauftragte gegen Antisemitismus

Nach Monaten der Vakanz ist das Amt wieder besetzt: Anna von Villiez wird Hamburgs neue Beauftragte gegen Antisemitismus. Ein Rechtsstreit hatte die Auswahl verzögert

von Michael Althaus  30.06.2026

Kommentar

Für Islamisten existiert kein Kindeswohl

In glühender Hitze wurden Kinder von Islamisten gefesselt durch Berlin geführt. Dass so etwas mitten in der Hauptstadt geschehen kann, ist die Folge einer fehlgeleiteten Migrationspolitik

 30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026