Massenproteste

»Sie sind das Hindernis für einen Deal!«

Demonstranten fordern einen »Geiseldeal - jetzt!« Foto: Flash90

Das Einzige, was blieb, war ein überdimensionaler Bildschirm, auf dem ein Satz in roten Buchstaben flackerte: »Kommen Sie mit uns zur Begin und zur Dizengoff Straße, um unseren Rufen Gehör zu verschaffen. Alle! Jetzt!« Die Stimmung ist gekippt. Fast sechs Monate nach den Massakern des 7. Oktobers ist die Geduld vieler Angehörigen der Geiseln in Gaza am Ende.

Die Familien wollen nicht mehr stillschweigend darauf warten, dass etwas geschieht. Sie werden keine separaten Kundgebungen auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv mehr abhalten, sondern schließen sich den Protesten gegen die Regierung an. Eli Albag, Vater der von der Hamas festgehaltenen 19-Jährigen Liri, sagte: »Dies ist der letzte Schabbat, an dem wir hier sein werden. Sie werden uns an diesem Ort nicht mehr antreffen. Dies ist der Moment, an dem wir das Licht ausschalten.« Chaim Rubinstein, der Sprecher des Forums der Familien von Geiseln und Vermissten, twitterte nach der Ankündigung: »Die Kundgebungen sind vorbei, die Proteste haben gerade erst begonnen.«

Proteste im ganzen Land mit Zehntausenden Menschen

Zur selben Zeit fanden nach dem Ende des Schabbats im ganzen Land Proteste gegen die Koalition in Jerusalem mit Zehntausenden Menschen statt. Bei der größten, auf der Kaplan-Straße in Tel Aviv, sprachen auch die Eltern des verschleppten Soldaten Nimrod Cohen. Yehuda Cohen, Nimrods Vater, erzählte auf der Bühne, dass er Premierminister Benjamin Netanjahu getroffen und ihn gefragt habe, welchen Preis Israel bereit sei zu zahlen, damit sein Sohn zurück nach Hause kommen kann. Er habe nie eine Anwort erhalten. »Wenn Sie den Job nicht tun können, räumen Sie Ihren Sessel und lassen Sie zu, dass jemand anders es tut«, rief er unter dem Jubel der Menge.  

Immer wieder forderten die Demonstrantinnen und Demonstranten den Sturz Netanjahus und skandierten: »P’chirot Achschaw!«, »Wahlen jetzt!« Die Proteste gehörten zu den größten seit Kriegsausbruch am 7. Oktober, als Terroristen der Hamas etwa 1200 Menschen ermordeten und 253 als Geiseln nahmen, von denen noch immer 130 in Gaza festgehalten werden.

»Hörst du mich, Bibi? Hör auf, über Sieg zu reden, hör auf, über militärischen Druck zu reden. Nichts wird funktionieren. Bisher hat nichts funktioniert.«

ehemalige geisel aviva siegel

Nach dem Ende der Kundgebung an der Kaplan-Straße, versammelten sich einige Tausend an der nahegelegenen Begin-Straße, wo sich die Reservistengruppe Brothers and Sisters in Arms (Waffenbrüder und -schwestern) befand, die zu den Anführern der Proteste gegen die Justizreform zählte, und forderte einen sofortigen Geiseldeal.

Dabei sprach Aviva Siegel, die befreit wurde, und deren Ehemann Keith Siegel noch in Gaza ist. Sie forderte die Regierung auf, die Geiselverhandlungen nicht mehr so zu behandeln, als sei es ein Kinderspiel. »Man kann die Delegation nicht ohne ein Abkommen zurückholen. Hörst du mich, Bibi? Ich weiß nicht, ob mein Mann noch lebt. Hör auf, über den Sieg zu reden, hör auf, über militärischen Druck zu reden. Nichts wird funktionieren. Bisher hat nichts funktioniert. Sie sterben dort jeden Tag.«

Bemühungen, nach dem Abkommen zwischen Israel und der Hamas Ende November, bei dem 105 Geiseln aus Gaza freigelassen wurden, einen zweiten Deal einzugehen, scheiterten immer wieder, wurden aber bislang nicht abgebrochen. Derzeit gehen die Verhandlungen in Kairo weiter. Netanjahu stimmte zu, eine israelische Delegation zu entsenden.

Während der Proteste nahmen Sicherheitskräfte an mehreren Orten mehr als ein Dutzend Personen fest und setzten in Tel Aviv Wasserwerfer ein, um die Versammlungen aufzulösen, als einige Hauptstraßen blockiert wurden.

Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei

Demonstranten versammelten sich zudem in Sderot, Or Akiva, Caesarea, Beerschewa und Jerusalem. Auch dort kam es zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Protestierenden, als etwa 200 Leute eine Reihe von Polizeiabsperrungen durchbrachen, um etwa 100 Meter von der Residenz des Premiers zu demonstrieren.

Als »unverständlich und kriminell« bezeichnete Einav Zangauker, die Mutter der Geisel Matan Zangauker, Netanjahus Umgang mit der Geiselfrage in Jerusalem. »Premierminister Netanjahu, nachdem Sie unsere Familien am 7. Oktober im Stich gelassen haben und nach 176 Tagen, in denen Sie keine Einigung für ihre Rückkehr erzielt haben, und weil Sie ständig eine Einigung torpedieren, haben wir erkannt: Sie sind das Hindernis für den Deal. Sie sind derjenige, der zwischen uns und der Rückkehr unserer Lieben nach Hause steht.«

Daher werde man daran arbeiten, den Premier abzusetzen. »Wir werden demonstrieren und Sie öffentlich verfolgen«, rief Einav in den Nachthimmel vor der Residenz des Premierministers. »Denn wir sind zu dem Schluss gekommen, dass dies der schnellste Weg zu einem Deal ist.«

Ab Sonntag sind vier Tage lang Anti-Regierungs-Demonstrationen in Jerusalem angekündigt, zu denen verschiedene Protestorganisationen aufgerufen hatten. Vor der Knesset soll eine Zeltstadt errichtet werden, es wird erwartet, dass unter anderem Oppositionsführer Yair Lapid dort bei der Kundgebung sprechen wird.

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