27. Januar

»Seid nicht gleichgültig!«

Überall Schienen. Schon auf dem Weg zur Gedenkstätte Auschwitz wird klar, warum die Nazis gerade diesen Ort für die Umsetzung ihres mörderischen Vernichtungsplans auswählten. Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf seinem Rundgang durch die Gedenkstätte des früheren Stammlagers Auschwitz die Baracke Nummer 4 betritt, sieht er eine großflächige Wandgrafik, die genau das zeigt: ein wohldurchdachtes Streckennetz, das jeden auch noch so entlegenen Ort in Europa mit dem einen Ziel verband – Auschwitz-Birkenau, versteckt im polnischen Süden.

Aber Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen. Mit diesen Worten wird der Zeitzeuge Marian Turski, Journalist und Vorsitzender des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, später am Abend daran erinnern, dass die Nazis schon seit den 30er-Jahren kein Geheimnis daraus machten, worauf die schrittweise Demütigung, Ausgrenzung und Dämonisierung von Juden und anderen Minderheiten hinauslief – auf ihre physische Vernichtung.

ghettos »Erst durften Juden nicht mehr auf Parkbänken sitzen – und die Menschen gewöhnten sich daran«, wird Turski bei der internationalen Gedenkzeremonie sagen. Es kamen immer mehr Verbote hinzu: Juden durften keine Schwimmbäder mehr betreten, weder in Vereinen singen noch ihre Berufe ausüben. Bis sie in Ghettos und Konzentrationslager gepfercht wurden.

Dass Juden schließlich mit Zyklon B in den Gaskammern ermordet wurden, folgte aus den Vorstufen Gleichgültigkeit und Gewöhnung, mahnt Turski später.

In das größte deutsche Vernichtungslager nahe der polnischen Kleinstadt Oswiecim in der Nähe von Krakau wurden zwischen 1940 und 1945 mehr als eine Million Menschen aus ganz Europa deportiert, die meisten von ihnen Juden, sowie etwa 140.000 Polen, Zehntausende Sinti und Roma und Tausende politische Häftlinge.

RAMPE Hierher kommt im Juni 1944 auch Peter Gardosch, im Viehwaggon. Bis dahin hatte der 13-Jährige mit seiner Familie glücklich in Neumarkt am Mieresch gelebt, das damals zu Ungarn gehörte und heute in Rumänien liegt. Als die Nazis Ungarn besetzen, werden von 500.000 ungarischen Juden 480.000 ausgelöscht, innerhalb von nur acht Wochen, darunter auch Gardoschs Mutter, seine Großeltern und seine kleine Schwester. Zu diesem Zeitpunkt ist sie acht Jahre alt.

An der Bahnrampe von Auschwitz, bei der Selektion, sieht Peter Gardosch seine Familie zum letzten Mal, bevor sie in der Masse der verängstigten Menschen verschwindet. 1945, auf dem Todesmarsch in Bayern, gelingt dem Jugendlichen die Flucht. Die Befreiung erlebt der 14-Jährige im bayerischen Fürstenfeldbruck. Als er den ersten amerikanischen Soldaten sieht, weiß er: »Jetzt bin ich frei.«

»Wir wissen, was geschehen ist, und wissen, dass es wieder geschehen kann.« Frank-Walter Steinmeier

75 Jahre später begleitet Peter Gardosch als Ehrengast den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in die Gedenkstätte Auschwitz. Repräsentanten aus 61 Ländern erinnern dort an die Befreiung des Todeslagers – das wie kein anderer Ort zum Symbol für die Vernichtung von sechs Millionen Juden wurde – am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee.

Er zögert keine Sekunde, als die Einladung aus dem Bundespräsidialamt kommt. »Man reist doch nicht alle Tage mit dem Bundespräsidenten – es ist eine große Ehre, gefragt zu werden«, sagt Peter Gardosch am Morgen vor der Abreise.

SCHÜLER Nach Auschwitz zu fahren, bewege ihn, ja, aber aufgeregt sei er nicht. »Wenn man mit 13 Jahren ins KZ kommt und das überlebt, bekommt man eine hohe Resilienz«, stellt er nüchtern fest und beschreibt seine Gefühle angesichts der bevorstehende Reise so: »Ich besuche das Grab meiner Mutter, meiner Großmutter, meiner kleinen Schwester und meiner gesamten Familie, die dort ermordet wurde.«

Es ist nicht seine erste Rückkehr nach Auschwitz. Ende der 50er-Jahre fuhr Peter Gardosch schon einmal dorthin, als rumänischer Fernsehreporter anlässlich der Jugendfestspiele in Warschau. Jener Besuch habe ihn sehr mitgenommen, doch inzwischen gehe es ihm gut, sagt er. Und dennoch: Über das Erlebte schwieg er.

»Niemand mit diesem Schicksal ging damit hausieren. Auch ich nicht. Ich war als Jude inkognito – im Alltag, im Job und privat. Sieben Jahre lebte ich mit meiner Frau Ramona zusammen und habe ihr nicht gesagt, dass ich in Auschwitz war – bis 1999«, erzählt Gardosch.

Schülern sagt Peter Gardosch: »Ihr werdet erwachsen, ihr werdet Familien gründen, Kinder haben. Sagt ihnen, dass sich das nie wiederholen darf!«

Mit ihrer Hilfe schrieb er ein Buch. Jetzt könne er darüber sprechen. Vor allem mit Schülern. Das ist ihm wichtig. »Die Kinder fragen immer: Was wollen Sie uns noch sagen?«, beschreibt er diese Begegnungen. »Dann antworte ich: ›Ihr werdet erwachsen, ihr werdet Familien gründen, Kinder haben. Sagt ihnen, dass sich das nie wiederholen darf!‹«

Den Bundespräsidenten und dessen Engagement für Erinnerungsarbeit schätzt Peter Gardosch umso mehr. Besonders nach dessen Rede in Yad Vashem. »Das habe ich ihm heute Morgen auch gesagt«, betont der 89-Jährige. Am Morgen vor der Reise hatte Steinmeier mit Peter Gardosch, Pavel Taussig und Mano Höllenreiner drei Auschwitz-Überlebende ins Schloss Bellevue eingeladen. »Er wollte von unserem Schicksal erfahren«, erzählt Peter Gardosch.

KRANZ Wenige Stunden später klappt Ramona Gardosch den Rollstuhl für ihren Mann aus, sodass er an Steinmeiers Rundgang teilnehmen kann. Stufen hinaufzusteigen, ist zu beschwerlich für den 89-Jährigen. Er wartet daher draußen, während der Bundespräsident, der zum ersten Mal die Gedenkstätte besucht, einen Raum in Baracke 4 betritt.

Dort, hinter einer Glasvitrine, stapeln sich leere Dosen Zyklon B. An den Wänden daneben hängen Fotos von Menschen, die in Gaskammern getrieben werden, heimlich aufgenommen vom Sonderkommando. Unter Glas bewahrt sind auch Notizen, abgerissene Zettel, Formulare, Augenzeugenberichte – unwiderlegbare Zeitdokumente.

Nachdem er an der Todeswand einen Kranz niedergelegt hat, verharrt der Bundespräsident dort lange mit gesenktem Haupt. Seine Frau Elke Büdenbender steht einige Meter hinter ihm. Die Zeit scheint stillzustehen. Steinmeier wirkt versunken. Er verneigt sich. Wieder und wieder. So, als könne er die Schuld der Deutschen nicht genug betonen.

Seine Botschaft hat er da längst klargemacht, auch vier Tage zuvor bei seinem Besuch in Jerusalem: kein Schlussstrich unter die Geschichte.

Spontan ergreift Mano Höllenreiner Steinmeiers Hand. »Sie sind ein guter Mensch«, sagt der 86-Jährige, der 1943 nach Auschwitz deportiert wurde.

Spontan ergreift Mano Höllenreiner Steinmeiers Hand. »Sie sind ein guter Mensch«, sagt der 86-Jährige, der 1943 im Alter von neun Jahren mit seiner Familie von München ins »Zigeunerlager« Auschwitz deportiert wurde. »Das wollte ich ihm unbedingt sagen«, erklärt Höllenreiner bewegt.

Denn Steinmeiers ehrliche Erschütterung, hier, wo die Deutschen mehr als eine Million Menschen ermordeten, sei spürbar gewesen.

Diese Beobachtung teilt auch Zentralratspräsident Josef Schuster: »Dem Bundespräsidenten und seiner Frau war deutlich anzumerken, dass sie diesen Besuch der Gedenkstätte nicht als Pflicht betrachteten oder gar als Routine. Beide waren sehr berührt von den Eindrücken, mit denen sie in Auschwitz konfrontiert wurden.«

VERANTWORTUNG Steinmeier macht offenbar alles richtig. Er weiß, es geht nicht um ihn an diesem Tag. Die Überlebenden stehen im Mittelpunkt. Menschen wie Peter Gardosch, Peter Taussig und Mano Höllenreiner. Steinmeier nimmt sich bewusst zurück, lässt ihnen Raum – es ist ein würdiges, ein angemessenes Gedenken des Bundespräsidenten.

Umso klarer ist seine Botschaft, als er wenige Minuten später vor die Presse tritt. Kurz zuvor hat er ins Gedenkbuch geschrieben: »Auschwitz ist ein Ort des Grauens und deutscher Schuld. Es waren Deutsche, die andere Menschen herabgewürdigt, gefoltert und gemordet haben. Wir wissen, was geschehen ist, und wissen, dass es wieder geschehen kann. Ich verneige mich in Trauer vor den Opfern und den Überlebenden. Wir wollen und werden ihr Leid nicht vergessen. Diese Erinnerung ist aber auch Mahnung: Wer den Weg in die Barbarei von Auschwitz kennt, der muss den Anfängen wehren. Das ist Teil der Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt.«

Es sind unmissverständliche Worte. Mit deutlicher Schärfe benennt der Bundespräsident, wie auch später Marian Turski, jene Ideologien, die Auschwitz vorausgingen – und heute wieder um sich greifen.

»Auschwitz ist die Summe von völkischem Denken, Rassenhass und nationaler Raserei. Und deshalb reden wir hier – und das ist auch die Bitte der Überlebenden – nicht über die Vergangenheit, sondern begreifen es als bleibende Verantwortung, den Anfängen zu wehren. Auch in unserem Land.«

Peter Gardosch macht sich keine Illusionen über die Zukunft des Gedenkens.

Die Gedenkstätte setzt alles daran, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Zeugnisse werden so konserviert, dass die Spuren der Vernichtung spürbar und so auch späteren Generationen erhalten bleiben. Kleider, Schuhe, Koffer. Schüsseln, Rasierpinsel, Brillen.

Es sind Habseligkeiten jüdischer Männer, Frauen und Kinder, die in Auschwitz ermordet wurden. Alltagsgegenstände, die Menschen gehörten, die Namen und ein Leben hatten. Bis man ihnen all das nahm – an der Rampe, bei der Selektion. Wen die SS nicht sofort vergaste, dem wurde eine Nummer eingebrannt.

ZEITZEUGEN Auf Batsheva Dagans Unterarm sind die Zahlen 45554 noch so deutlich zu sehen wie vor 77 Jahren, als sie im Alter von 17 Jahren nach Auschwitz deportiert wurde. Die heute 95-Jährige hat als Einzige ihrer Familie überlebt.

Sie ist die erste von vier Zeitzeugen, die 75 Jahre nach der Befreiung vom Grauen berichtet, das sie in Auschwitz erlebte. Das Rednerpult steht vor dem Tor zur Rampe, durch das die Todeszüge ins Lager fuhren. Für die Gedenkzeremonie ist es mit einem großen Zelt überdacht worden.

Batsheva Dagan ist neben Peter Gardosch, Mano Höllenreiner und Pavel Taussig eine von 200 Überlebenden, die an diesem 27. Januar der Einladung der polnischen Regierung gefolgt sind. Viele sind es nicht mehr. Einige haben gestreifte Häftlingsmützen auf dem Kopf, manche tragen Fotos mit sich, viele weinen. Sie sind die letzten Zeugen, die erzählen können, was damals passiert ist.

»Ich blieb am Leben. Mein Haar wuchs wieder. Das Morgen kam«, sagt Batsheva Dagan. Aber die Erinnerungen blieben.

Das Schlimmste bei der Ankunft, sagt Batsheva Dagan, sei nicht der Moment gewesen, als man ihr die Nummer eintätowierte. »Das Schlimmste war für mich, als diese Verbrecher meinen Kopf anfassten und ihn kahl rasierten – mein Haar, meine Krone! Ich habe mich nicht wiedererkannt.«

Sieben Tonnen Menschenhaar liegen hinter sechs raumhohen Glasvitrinen in Baracke 4. Berge von Frauenhaar. Mädchenzöpfe. Es ist der Raum, den auch Frank-Walter Steinmeier auf seinem Rundgang gesehen hat, bevor er nun Batsheva Dagans Schilderungen zuhört.

»Sie traten meine Würde mit Füßen, wollten mir mein Menschsein nehmen«, sagt die 95-Jährige, die heute in Israel lebt. Doch das haben die Nazis nicht geschafft. »Ich blieb am Leben. Mein Haar wuchs wieder. Das Morgen kam.« Aber die Erinnerungen blieben.

ELFTES GEBOT Peter Gardosch macht sich keine Illusionen, was die Zukunft des Gedenkens angeht. »In 50 Jahren wird die Schoa dieselbe Bedeutung haben wie heute bereits der Völkermord an den Armeniern«, meint er trocken. Für junge Leute rücke diese Zeit in immer abstraktere Ferne, während parallel dazu überall Antisemitismus wachse.

Auch Steinmeier hatte nach seinem Rundgang durch die Gedenkstätte die Parallelen zur Gegenwart betont. »Die Last der Geschichte ist in Auschwitz spürbar.« Der Ort sei eine Mahnung, dass »wir erinnern, um im Hier und Jetzt vorbereitet zu sein«. Zeiten, Worte und Taten seien heute andere. »Aber manchmal, wenn wir in diese Zeit schauen, haben wir den Eindruck, dass das Böse noch vorhanden ist, dass es das gleiche Böse ist.«

Wohl auch deshalb appelliert Marian Turski umso eindringlicher an die Jugend: »Passt auf, dass es nicht noch einmal passiert. Achtet auf die Anzeichen, verteidigt die Gesetze, und respektiert Minderheiten. Haltet das elfte Gebot nach Auschwitz: Seid nicht gleichgültig!«

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