Bücher

Schwieriges Schreiben

Die Begriffsbestimmung von jüdischer Literatur in Deutschland beginnt schon bei den unterschiedlichen Schreibweisen. Foto: Thinkstock

Wo bleibt die deutsch-jüdische Gegenwartsliteratur, werde ich gefragt. Sie wartet darauf, geschrieben zu werden, und natürlich von uns, von Juden in Deutschland. Bloß ist es schwierig mit ihr und mit uns.

Was eigentlich ist deutsch-jüdische Gegenwartsliteratur? Jedenfalls nicht jüdisch-deutsche Gegenwartsliteratur. Der Unterschied ist einfach. In der jüdisch-deutschen Gegenwartsliteratur erzählen Juden von sich, von ihren Eltern und dem seelischen Schlamassel, trotz allem lieber in Deutschland als in Israel zu leben.

Hierhin gehört unbedingt das Wort, welches mal so, mal so und dann mal so geschrieben wird. Schoa. Oder lieber Shoa auf English? Die Ultraorthodoxen setzen noch ein H ans Ende: Shoah. In dieser jüdischen Zeitung wird es auf Deutsch geschrieben: Schoa. Und daran könnte etwas richtig sein.

Gegenwart Nun zur deutsch-jüdischen Gegenwartsliteratur. Was macht sie anders als die jüdisch-deutsche? Ich versuchte es herauszufinden, als ich mich plagte, einen Roman zu schreiben, in dem kein Jude vorkommen sollte. Ostdeutsche Thematik aus westdeutscher Perspektive. Ich wollte der populären DDRisch-deutschen Gegenwartsliteratur etwas entgegensetzen. Aber ich kriegte es ohne Juden nicht hin.

Warum zwang ausgerechnet ich mich dazu, in einem deutsch-deutschen Roman keinen Juden auftreten zu lassen? Hatten in den Kadern der DDR deutsche Juden sich nicht schon selbst weggemacht? Eigentlich ein schönes Thema. Die Nachfahren von Jud Süß, behilflich bei der Versorgung auf Weltniveau. Und noch ist darüber von jüdischer Seite kein deutscher Roman geschrieben worden. Das autobiografische Erzählen über die jüdische DDR-Familie leistet nicht, was der Roman erlaubt, ja, verlangt: Gefühlen, Unbehagen bis in die Tiefe nachzudenken. Trauen wir uns nicht, Ruhestörer zu sein im jüdischen Elternhaus?

Unser zerstörtes Verhältnis zu Deutschland begegnet russischen Juden, die sich hierher gerettet haben, begegnet israelischen Juden, die Berlin Tel Aviv und New York vorziehen. Wir dagegen halten aus im Nirgendwo. Die gepackten Koffer haben wir geerbt. Was wir auszupacken hätten, wurde uns anvertraut.

In deutschen Romanen der anderen kommen neuerdings Juden vor, imaginiert von deutschen Gegenwartsschriftstellern, ohne selbst jüdisch zu sein. Dafür bekommen sie Preise. Und uns sagt man, Juden und Nazis sind out.

Identität Mir fiel ein Buch in die Hand. Die Finkler-Frage von Howard Jacobson. Ein Roman aus England. Was ich las, warf mich aus der jüdisch-deutschen Hängematte. Ein englischer Jude schreibt in diesem Roman von einem Engländer, dessen Beruf es ist, Berühmtheiten zum Verwechseln ähnlich zu sehen. Dieser Mann beneidet die Juden um ihre Identitätsgebundenheit, liebt Jüdinnen und will glauben, er sei selbst jüdisch. Seine jüdischen Freunde, denen er damit auf die Nerven geht, füttern ihn emotional mit durch, die Männer nehmen ihn an die Hand, die Frauen ins Bett, und als es ernst wird, ist er froh, kein Jude zu sein.

Ich glaubte bis dahin, so jemand ließe sich nur in Deutschland, nur in Westdeutschland finden, und ich fragte mich beim Lesen, wieso ich nicht längst auf die Idee gekommen war, einen solchen Roman zu schreiben. Das wiederum störte mein Lesevergnügen erheblich. Ich legte Howard Jacobson vorübergehend beiseite und trat mir in den Weg.

Für jüdische Gegenwartsliteratur gibt es in Deutschland ein recht komfortables Ghetto: Forschungseinrichtungen, Museen, Gedenkstätten und jüdische Kulturwochen. Außerhalb der Ghettomauern bespielen wir noch Literaturhäuser und Buchhandlungen. Doch ist es im Ghetto eng geworden. Die liebe Mischpoche aus Israel, aus Amerika, aus Russland, alle Juden wollen in Deutschland aus ihren Büchern lesen. Nirgendwo ist das Publikum so dankbar. Und was wird ihm von uns geboten?

Deutsche Romanfiguren in jüdischer Gegenwartsliteratur haben die Aufgabe, den jüdischen Protagonisten, der im Schlagschatten der Überlebenden ums Vorhandensein kämpft, noch jüdischer aussehen zu lassen. Meist sind es blonde, große Frauen, sie gehen mit dem Juden ins Bett, und dort machen sie es auf anti- oder philosemitisch.

Philo- und darin antisemitisch ist auch der Protagonist in Howard Jacobsons Roman Die Finkler-Frage. Doch gibt es einen wesentlichen Unterschied. Durch das Buch führt der Nichtjude, und er ist irgendwie berührend. Der Autor hatte beim Schreiben Empathie für diese Figur, für diesen meschuggenen Goj, diesen sentimentalen Nudnik.

Und da liegt’s. So ein Roman heute in Deutschland? Mit Empathie geschrieben für die deutsche Protagonistin, die jüdischer sein will als ihr jüdischer Liebhaber? Wie entkomme ich, die jüdische Schriftstellerin, der Familie meiner deutschen Romanfigur, wie deren Erinnerungen an ihre schöne Nazizeit? Überhaupt nicht. Und ist meine Protagonistin nicht bereits zum Islam übergetreten, gibt in Berlin türkischen Töchtern Unterricht im Kopftuchbinden und teilt deren Hass auf Israel?

Was ist daran bitte noch komisch? Alles, wenn ich es mich denn schreiben ließe. Aber das Gift wirkt nach, noch immer. Es lähmt den Gedankenflug. Und wer hat etwas davon?

Die Autorin ist Schriftstellerin und Publizistin in Hamburg.

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