Einheit

Schwarz-Rot-Gold

»Ich bin deutscher Ausländer in Neukölln. Ich bekenne mich als Deutscher, und das kann mir kein Mensch wegnehmen.« Wenn es um seinen Nationalstolz geht, redet sich Ibrahim Bassal rasch in Rage. Im Sommer 2010 wurden die Bassals über Deutschland hinaus bekannt. Die aus dem Libanon stammende Familie hängte während der Fußballweltmeisterschaft die größte Deutschlandfahne Berlins an die Hausfassade ihres Elektrogeschäftes in der Neuköllner Sonnenallee: 20 mal 5 Meter. Eigentlich waren es drei Fahnen, denn linksradikale Autonome rissen sie immer wieder herunter oder verbrannten sie. Die Bassals ließen sich aber nicht entmutigen und kauften jedes Mal ein neues Exemplar, 500 Euro pro Stück.

Nicht nur im Freudentaumel der Fußball-WM, sondern auch zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit wollen die Bassals ihre über drei Stockwerke reichende Riesen-Fahne wieder aufhängen. Mehr noch: Die Familie möchte Thilo Sarrazin, der in den vergangenen Wochen wegen seiner umstrittenen Thesen zu Migration und Integration für Aufsehen gesorgt hatte, zum 3. Oktober zu sich nach Hause einladen, um mit ihm Tee zu trinken. Sarrazin solle sich ein realistisches Bild neuer deutscher Identität machen.

Bundeswehr Die kann auch so aussehen: Ibrahim Bassal kam als 15-Jähriger nach Deutschland, heute ist er 38. Die meiste Zeit seines Lebens hat er hier verbracht. Die Familie sei in Deutschland angekommen. Die Neffen dienten bei der Bundeswehr, einer mache jetzt sogar eine Ausbildung bei der Berliner Polizei, »gehobener Dienst«, wie Ibrahim betont. Auch Bassals Cousin Badr Mohammed steht hinter der deutschen Flagge. Er ist integrationspolitischer Sprecher der CDU im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Für ihn steht fest, dass er und seine Familie nicht nur die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen, sondern dass sie sich auch voll integriert haben. »Die Identität eines Deutschen ist gesund, wenn der Mensch oder die Familie sich wohlfühlt. Wenn nicht immer schief geguckt wird, falls ein Deutscher mal anders aussieht, zum Beispiel schwarze Haare oder schwarze Haut hat«, betont Mohammed. Deutschland sei für ihn eine Art Paradies – nicht als Ort zum Ausruhen, sondern zum Arbeiten.

Dass ihnen nun aber in der politischen Debatte um Thilo Sarrazin mangelnde Integration vorgeworfen wird, macht Badr Mohammed wütend: »Auch wenn der Spruch gerne von den Nazis vereinnahmt wird: Wir neuen Deutschen sind stolz auf unser Land.«

Alle in ihrer Familie seien gute Muslime geblieben, sagt Ibrahim Bassal. Religion sei aber keine Frage für oder gegen Integration. »Deutschsein hat mit dem Glauben absolut nichts zu tun. Du kannst ein Jude sein, ein Muslim oder ein Christ. Im Endeffekt sind wir alle deutsch, und wir leben unter dem deutschen Gesetz.«

Einen Stadtteil weiter, in der Kreuzberger Gneisenaustraße, kann Sharon Adler weder dem alten noch dem neuen deutschen Nationalstolz etwas abgewinnen. Seit zehn Jahren betreibt die Fotografin und Publizistin von hier aus das feministisch-jüdische Onlineportal aviva-berlin.de. Ein Meer von deutschen Fahnen löse bei ihr nur Beklemmungen aus, sagt sie. Obwohl hier geboren, sieht sie sich nicht als Deutsche, sondern als Berlinerin. Für Sharon Adler herrscht in Deutschland weiterhin ein fremdenfeindliches Klima und latenter Antisemitismus. Gerade sie als Jüdin habe dieses Grundgefühl, das sie nur aus der Verfolgungsgeschichte ihres Volkes heraus erklären kann: innerlich irgendwie immer auf gepackten Koffern zu sitzen. »Die aktuell von Herrn Sarrazin angestoßene Debatte zeigt, dass wir so multikulti-akzeptiert längst noch nicht sind. Die Zahlen der Amadeu-Antonio-Stiftung zeigen, dass rassistisch bedingte Übergriffe drastisch angestiegen sind«, warnt die 47-Jährige.

Identität Das Judentum ist für sie vor allem eine Sache der Kultur, Literatur, Musik und des Theaters. Auch wenn sie sich nicht als ausgeprägt religiös empfindet und von ihrer Mutter nicht in die Synagoge gezwungen wurde, so kann Sharon Adler doch behaupten, dass auch der Glaube ein Teil ihrer Identität ist. »Meine Religion beschränkt sich darauf, zwei Mal im Jahr in die Synagoge zu gehen. Ich habe aber dafür gesorgt, dass meine Tochter ihre Batmizwa macht. Das war nicht einfach, weil sie zwischendurch lieber segeln gehen wollte, anstatt zu lernen.«

Identität – das sei nicht nur eine Frage der Selbst-, sondern auch sehr oft der Fremdzuschreibung. Diese Erfahrung hat Sharon Adler gemacht. Schlimm sei es für sie als Jüdin, in Gesprächen immer sofort mit Israel identifiziert zu werden. Dabei war die Publizistin seit 20 Jahren nicht mehr in dem kleinen Mittelmeerland. Sie möchte auch nicht ständig auf die israelische Politik angesprochen werden. »Diese Identitäten werden einem von außen übergestülpt. In welche Identität packen die mich denn jetzt gerade?, frage ich mich häufig.« Dann lacht sie: »Bewege ich mich in einem Jewish Circle, sind ganz andere Fragen wichtig: Woher kommst du, wohin gehst du, welche Sprachen sprichst du, welche Synagoge besuchst du und – welche Synagoge besuchst du nicht?«

Ginge es nach Ibrahim Bassal, könnte Sharon Adler kommenden Sonntag für einen Spaziergang nutzen: die Gneisenaustraße hinunter nach Neukölln, bis zur größten deutschen Flagge, die am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, dort hängen wird. Die Jüdin und der Muslim könnten dann über Identität spechen. Dass Sarrazin dabei sein wird, daran glaubt Ibrahim Bassal allerdings nicht so recht.

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