Einspruch

Schlechte Aussichten

Michael Thaidigsmann Foto: privat

Man stelle sich vor, bei einer (imaginären) Direktwahl zum Bundeskanzler bekäme Christian Lindner 28 Prozent der Stimmen, gefolgt von Alice Weidel mit 23, Sahra Wagenknecht mit 22 und Björn Höcke mit sieben Prozent. Dahinter landeten Friedrich Merz, Annalena Baerbock und Olaf Scholz bei deutlich unter fünf Prozent. Ein Aufschrei ginge durch das Land, Zweifel an der Stabilität der deutschen Demokratie würden laut.

Am 10. April fand in Frankreich die erste Runde der Präsidentschaftswahlen statt. Das Ergebnis sah so ähnlich aus, wie oben skizziert – nur mit anderen Namen. Doch ein Aufschrei blieb aus. Es gebe keinen Grund zur Panikmache, hieß es, Amtsinhaber Emmanuel Macron habe sich ja mit Vorsprung für die Stichwahl qualifiziert.

schächten Die wichtigste Wahl Frankreichs war indes ein Triumphzug für Populisten und Extremisten. Marine Le Pen, Chefin des ultrarechten Rassemblement National, hat in der Stichwahl echte Chancen auf das wichtigste Staatsamt. Die EU-feindliche Le Pen hat zwar jüngst ihre Rhetorik gemäßigt. Doch ihre Pläne ähneln denen früherer Jahre. So will sie zum Beispiel das Schächten und das Tragen religiöser Symbole wie Kippa und Kopftuch verbieten.

Die wichtigste Wahl Frankreichs war ein Triumphzug für Populisten und Extremisten.

Der noch weiter rechts stehende (jüdische) Kandidat Éric Zemmour landete bei sieben Prozent. Auch Zemmour unterstützt jetzt Le Pen. Dagegen ist der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon (22 Prozent) – ein erklärter Feind der jüdischen Institutionen Frankreichs und bekannt für anti-israelische und antisemitische Aussetzer – zwar gegen Le Pen, aber nicht unbedingt für Macron. Für wen sich Mélenchons Wähler nun entscheiden, bleibt unklar.

Mehr als die Hälfte der Franzosen wählte Radikalinskis und Sprücheklopfer – ein schlechtes Omen für die Stichwahl. Ein Einzug Le Pens in den Élysée-Palast erscheint möglich. Er käme einem politischen Erdbeben gleich, dessen Schockwellen ganz Europa erfassen würden. Nur eine einzige Person kann das noch verhindern: Emmanuel Macron.

Der Autor ist Korrespondent in Brüssel.

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

von Mascha Malburg, Michael Thaidigsmann  15.06.2026 Aktualisiert

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Nahost

Hisbollah: Waffenruhe gilt auch für Libanon

Die geplante 60-tägige Waffenruhe zwischen den USA und Iran gelte auch für den Libanon, behauptet die Terror-Miliz. Doch eine Bestätigung gibt es dafür nicht

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Berlin

Streit um die Landesansprechperson für Antisemitismus

Recherchen des »Tagesspiegel« zufolge geht es bei der Suche nach einem Antisemitismusbeauftragten für die Berliner Hochschulen längst nicht mehr nur um die Belange der jüdischen Studierenden, sondern auch um Politik

 15.06.2026

Diplomatie

Macron will schnell Minen in Straße von Hormus räumen

Noch ist die Tinte nicht auf dem Abkommen zwischen den USA und Iran, doch Frankreichs Präsident signalisiert seine Bereitschaft »sehr schnell zu handeln«

 15.06.2026

Wirtschaft

Iran will Gebühren für Straße von Hormus verlangen

US-Präsident Donald Trump hat die Straße von Hormus für geöffnet erklärt. Aber Details eines US-Iran-Rahmenabkommens sind noch unklar. Im Iran fordern Stimmen Gebühren für die Durchfahrt der Meerenge

 15.06.2026

Meinung

Ein beschämender Deal

Israel und die USA haben den Iran zwar militärisch geschwächt. Dennoch haben sie keines ihrer Kriegsziele erreicht. Mit dem sich nun abzeichnenden Abkommen belohnt Präsident Donald Trump das mörderische Mullah-Regime

von Michael Roth  15.06.2026

Nahost

Die Stolpersteine beim Abkommen zwischen den USA und Iran

Die Umsetzung des Gaza-Abkommens steckt fest, Israel will seine Truppen aufgrund des Verhaltens der Terrororganisation Hisbollah nicht aus dem Libanon abziehen. Droht dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran das gleiche Schicksal?

 15.06.2026