Meinung

Sächsische Immunitäten

Anetta Kahane Foto: dpa

Der damalige Ministerpräsident von Sachsen, Kurt Biedenkopf, behauptete in den 90er-Jahren, seine Sachsen seien immun gegen Rechtsextremismus. Er reagierte damit auf Vorwürfe, der Freistaat habe die marodierenden Nazis jener Zeit nicht im Griff. Heute kann man sich über Biedenkopf nur wundern – besonders angesichts der enthemmten rassistischen Gewalt, wie sie sich derzeit in Bautzen oder Clausnitz zeigt.

Die aufgeheizte Stimmung im Freistaat führt zu mehr Angriffen auf Flüchtlinge als irgendwo sonst in Deutschland. Pegida und AfD haben sichtbar gemacht, was vorher systematisch übersehen wurde: die Aggression der durchschnittlichen Bevölkerung gegenüber dem vermeintlich Fremden.

Funktionäre
Diese Aggression war nie verschwunden. Die Sachsen gehörten zu den Ersten, die ihre Städte und Gemeinden im Nationalsozialismus stolz »judenrein« meldeten. Nach Kriegsende blieben die Antisemiten, sie tilgten nur mit sächsischem Fleiß das Wort »National« aus dem Sozialismus. Generationen von Funktionären kamen aus Sachsen. Über die Verbrechen, die auch Sachsen an ihren jüdischen Nachbarn begangen haben, wurde nie gesprochen.

Ebenso wenig wollte sich die DDR mit den Neonazis und rechten Hooligans der 80er-Jahre auseinandersetzen, die in Sachsen besonders stark waren. Und nach der Vereinigung? Da schaute die Welt auf Sachsen als Ort des Widerstands. Die Montagsdemos, das »Wir sind das Volk«, galten als Inbegriff des Willens nach Freiheit. Doch bald waren diese Rufe nicht mehr nur politisch, sondern auch völkisch gemeint.

Biedenkopf Die Glorifizierung der Wendebewegung als demokratischer Volkswille hat dazu beigetragen, den mitgeschleppten Antisemitismus zu übersehen. Und dann kam Biedenkopf. Alle, die ihm bis heute folgten, beharren mit einer Hartnäckigkeit, die nur als infantil oder aggressiv bezeichnet werden kann, darauf, die Sachsen seien immun gegen dieses Übel.

Wer heute in jüdischen Kreisen glaubt, Pegida oder AfD seien pro-jüdisch, weil dort Israelfahnen zu sehen sind, irrt. In Sachsen wehrt man sich nicht gegen die Islamisierung des Abendlandes, sondern gegen Offenheit, Liberalität und Universalismus, die wichtigsten jüdischen Grundwerte. Wenn sich die politischen Eliten im Freistaat nicht bald mit der zutiefst rassistischen Gewalt auseinandersetzen, werden die Sachsen vielleicht wirklich immun: gegen die rechtsstaatliche Demokratie.

Die Autorin ist Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.

Antisemitismus

Zentralrat der Juden meldet Zweifel an Aiwanger-Erklärung an

Josef Schuster: Inwiefern Hubert Aiwanger für die Verbreitung zumindest mitverantwortlich ist, wird in Gänze nicht aufzuklären sein

 27.08.2023

Debatte

Hat er oder hat er nicht? Hubert Aiwanger, das antisemitische Flugblatt und der Holocaust

Aufregung um Bayerns Vize-Regierungschef: Kurz vor der Landtagswahl werden massive Vorwürfe laut. Er weist diese zurück - und jemand anderes übernimmt die Verantwortung

von Christoph Trost  26.08.2023

Kriminalität

Unbekannte stehlen Bronzeskulptur von israelischer Künstlerin aus Kölner Galerie

Das Werk ist 1,80 Meter hoch und stellt an einem Seil kletternde Menschen dar

 25.08.2023 Aktualisiert

Warschau

Oberrabbiner nimmt an Seligsprechung polnischer Familie teil

Die Familie Ulma versteckte im Krieg Juden vor den deutschen Besatzern und wurde dafür ermordet

 25.08.2023

Magdeburg

Ron Prosor wirbt für Deutsch-Israelisches Jugendwerk

Beim Israel-Projekttag für Schüler und Lehrer stand der jüdische Staat im Mittelpunkt

 24.08.2023

Demokratie

Sorge um Europa

Die Zustimmung zu rechtsextremen Parteien wächst. Ihr Ziel ist es, die freiheitliche Gesellschaft wieder abzuschaffen

von Maram Stern  24.08.2023

Sicherheit

»Eine gute Entscheidung«

Marie-Agnes Strack-Zimmermann über das israelische Raketenabwehrsystem »Arrow 3« für Deutschland

von Detlef David Kauschke  24.08.2023

Meinung

Die Qual der Nicht-Wahl

Unsere Redakteurin Ayala Goldmann begründet, warum sie die Briefwahl zum Parlament der Jüdischen Gemeinde zu Berlin boykottiert

von Ayala Goldmann  24.08.2023

Mexiko

Kandidatin mit Rückenwind

Die jüdische Politikerin Claudia Sheinbaum läuft ihren Konkurrenten davon

von Imanuel Marcus  24.08.2023