Dokumentation

RIAS: Höchstzahl antisemitischer Vorfälle in Berlin

Im Kontext der Besetzung der Humboldt Universität im Mai kam es zu antisemitischen Vorfällen. Foto: picture alliance/dpa

Die Zahl der antisemitischen und antiisraelischen Beleidigungen, Drohungen und Angriffe ist in Berlin auch im Jahr nach dem islamistischen Terrorangriff auf Israel weiter stark gestiegen. Eine Dokumentationsstelle zählte im ersten Halbjahr 2024 1.383 antisemitische Vorfälle - mehr als je zuvor in einem halben Jahr. »Es waren auch mehr als in jedem anderen Jahr seit Beginn der Dokumentation 2015«, teilte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) am Donnerstag mit. Im gesamten Vorjahr 2023 lag die Zahl bei 1.270.

Vor allem ging es demnach um Beleidigungen, antiisraelische Anfeindungen im Internet, antisemitische Schmierereien im öffentlichen Raum, aber auch antisemitische Gewalt gegen Juden. Der monatliche Durchschnitt von 230 Vorfällen zeige, dass sich der starke Anstieg antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023 auf einem hohen Niveau verstetigt habe. Eine rückläufige Tendenz sei bis jetzt nicht abzusehen. 

Die Recherchestelle sprach in ihrem knapp 80 Seiten umfassenden Bericht von einer Gefahr der zunehmenden Normalisierung von Antisemitismus. Viele Vorfälle stünden im Zusammenhang mit dem Massaker an Israelis und dem Krieg in Gaza. Es gebe aber zahlreiche antisemitische Taten ohne inhaltlichen Bezug. Die Grenzen des Sagbaren würden insgesamt verschoben und antisemitische Äußerungen bis in die Mitte der Gesellschaft hinein akzeptabel scheinen. Dazu zählten die »Dämonisierung und Delegitimierung Israels«, antisemitische Verschwörungsmythen und Täter-Opfer-Umkehrungen. 

Alltägliche Anfeindungen sind »zermürbend«

Juden erlebten Antisemitismus auf der Straße, in Bussen und Bahnen, in Universitäten, in Bars, beim Fußball, im Theater, beim Konzert oder beim Einkaufen. Das wirke auf viele »zermürbend«. So würden etwa jüdische Studenten berichten, dass sie sich auf dem Hochschulgelände nicht länger sicher fühlen. 

Im Kunst- und Kulturbereich würden jüdische oder israelische Künstler oder Kulturprodukte »teilweise offen, teilweise stumm boykottiert«. Lehrer und Schulleitungen würden angesichts antisemitischer Anfeindungen gegen jüdische oder israelische Schüler mitunter überfordert scheinen. 

Lesen Sie auch

Die meisten Fälle (70 Prozent) wurden in der Dokumentation keinem eindeutig politisch oder ideologisch definiertem Täterspektrum zugeordnet. Knapp 15 Prozent gehörten demnach zum antiisraelischen Aktivismus, knapp 5 Prozent seien von Verschwörungsideologien geprägt und knapp 4 Prozent rechtsextremistisch. 

Zwei Fälle schwerer Körperverletzung

Zu den 1.383 Vorfällen gehörten 25 Gewalttaten, 2 davon mit schweren Verletzungen der Opfer. Am 3. Februar wurde ein jüdischer Student auf der Straße von einem Kommilitonen zusammengeschlagen. Er kam mit mehreren Knochenbrüchen im Gesicht ins Krankenhaus und musste operiert werden. Am 3. Mai wurde ein jüdischer Ukrainer auf dem Weg zur Synagoge von einem Unbekannten antisemitisch beleidigt und körperlich angegriffen. Der Mann musste mit einem Knochenbruch in der Hand im Krankenhaus behandelt werden. 

Nach der RIAS-Statistik kamen dazu 37 gezielte Sachbeschädigungen, 28 Bedrohungen und 1240 Fälle von Beleidigungen oder Beschimpfungen, außerdem 53 »Massenzuschriften« etwa per Mail. 

715 Vorfälle spielten sich im Internet ab, 427 auf der Straße oder in Bussen und Bahnen. An Bildungseinrichtungen wurden 74 antisemitische Vorfälle dokumentiert, darunter 27 an Schulen. Jüdische oder israelische Kinder seien von Mitschülern geschlagen, bespuckt, bedroht und angefeindet worden. Auf 96 Demonstrationen gab es demnach antisemitische Parolen, Transparente und Äußerungen, etwa Parolen wie »Kindermörder Israel« oder Terrorverherrlichung. dpa

Justiz

Melanie Müller und der Hitlergruß auf der Bühne: Das Landgericht Leipzig hat nun sein Urteil gesprochen

Die Schlagersängerin hatte bei einem Konzert in Leipzig mehrfach den Hitlergruß gezeigt

 12.01.2026

Jackson

Brandanschlag auf Synagoge in Mississippi

Überwachungsvideos zeigen laut Shemper einen Mann mit Kapuze und Maske, der eine Flüssigkeit aus einem Kanister im Inneren des Gotteshauses verteilt

 12.01.2026

Bayern

Kommunen müssen Antisemitismus-Verdacht alleine prüfen

Wenn der Verdacht des Judenhasses aufkommt, können Bayerns Kommunen jetzt Veranstaltungen in ihren Räumen untersagen. Um Gerichtsverfahren zu vermeiden, hatten sie um Hilfe gebeten - vergeblich, wie sich nun zeigt

 12.01.2026

Argentinien

Antisemitische Verschwörungstheorien nach Waldbränden

Der ehemalige General César Milani beschuldigt »Israelis«, für die Brände verantwortlich zu sein. Präsident Javier Milei spricht in Zusammenhang mit den Verschwörungsmythen von der »dunklen Seite Argentiniens«

 12.01.2026

Washington D.C.

Trump an Antisemiten: »Ich denke, wir mögen sie nicht«

In einem Interview sagt der amerikanische Regierungschef auch: »Ich war der beste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten für Israel.«

 12.01.2026

Berlin/Jerusalem

Dobrindt: Mehr Kooperation mit Israel für Sicherheit Deutschlands

Der Brandanschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten zeigt Schwachstellen in Deutschlands Sicherheit. Um besser aufgestellt zu sein, will die Bundesrepublik enger mit Israel zusammenarbeiten

 11.01.2026

Meinung

Wo bleibt Deutschlands Unterstützung für die protestierenden Iraner?

Bisher äußerte sich der Bundeskanzler schmallippig zu den Protesten gegen die Mullahs. Es wird Zeit, dass er aus Europa Druck auf die Mullahs macht

von Saba Farzan  11.01.2026

Kommentar

Ärzte mit Grenzen

Die Waffen schweigen weitgehend in Gaza, der Informationskrieg tobt weiter. Ein besonders niederträchtiges Beispiel liefert »Ärzte ohne Grenzen«

von Wolf J. Reuter  10.01.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Proteste im Iran und die blamable Berichterstattung von ARD und ZDF

Die Mullahs sollen weg, der Schah soll kommen: Dafür hat die Linke gerade keine Erklärung parat - und mit ihr auch nicht die links geprägten Redaktionen des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks

von Christoph Lemmer  10.01.2026