Interview

»Referendum über Netanjahu«

Herr Kenig, in deutschen Medien wird die bevorstehende Wahl in Israel oft als »Schicksalswahl« bezeichnet. Ist das so, oder ist es eine Wahl wie jede andere?
Solange ich mich erinnern kann, wurde noch jede Knessetwahl als die »wichtigste seit zehn oder 20 Jahren« bezeichnet. Sicher ist es eine bedeutende Wahl, aber ich würde das nicht übertreiben.

Was ist an diesen Wahlen das Besondere?
Diese Wahl ist vor allem anderen ein Referendum über die Person Benjamin Netanjahu. Der Friedensprozess spielt dieses Mal eine ganz nebensächliche Rolle, nicht einmal die linken Parteien machen mit dem Thema noch Wahlkampf. Die steigenden Lebenshaltungskosten beschäftigen auch viele Menschen, aber sie sind weniger wichtig als die große Frage: Bist du für oder gegen Bibi? Im Wahlkampf gab es kaum wirklich intelligente Debatten über die Zukunft Israels. Es ging vor allem um das persönliche Fehlverhalten der Netanjahus.

Inhaltliches spielt für die Wähler gar keine Rolle?
Doch, eine wichtige Frage ist auch die künftige Selbstdefinition des jüdischen Staates. Sind wir eine liberale Demokratie mit gleichen Bürgerrechten für alle oder eine nationale, ethnische Demokratie? Das wird nicht explizit ausgesprochen, aber es scheint der Hauptkonflikt zu sein.

Ist das wirklich das, was den Durchschnittswähler am meisten interessiert – nicht etwa Arbeitslosigkeit und steigende Preise?
Das interessiert die Leute zwar, ist aber nicht wahlentscheidend. Das ist das große Rätsel des israelischen Wählers: Die sozial schwachen Schichten wählen vor allem rechts, die Bessergestellten eher links oder liberal. Wenn jemand religiös oder traditionell ist, wählt er eher rechte Parteien, auch wenn ihm deren Wirtschaftspolitik nicht gefällt.

Wird Netanjahus Rede vor dem US-Kongress größere Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben?
Nein, eher nicht. Den Umfragen zufolge hat sie bisher nur einen marginalen Effekt.

Kann Netanjahu es noch einmal schaffen?
Das ist sehr schwer vorauszusagen. Bei den letzten beiden Wahlen gab es wenige Tage vor der Wahl noch große Stimmungsumschwünge. Netanjahu hat recht gute Chancen, aber selbst wenn Isaac Herzog Premierminister werden sollte, kann er keine Politik gegen die Mehrheit der Wähler machen, die sich eher rechts definiert. Die neue Partei Kulanu von Mosche Kachlon könnte sich als Zünglein an der Waage erweisen – und sie steht dem Likud näher als dem Zionistischen Lager. Gleiches gilt natürlich für Liebermans Israel Beiteinu. Ohne diese beiden Parteien kann Herzog keine Koalition auf die Beine stellen. Seit zehn bis zwölf Jahren wählt die Mehrheit der Wähler eher rechts; dramatische Verschiebungen im politischen Gefüge wird es also nicht geben.

Mit dem Parteienforscher am Israel Democracy Institute sprach Ingo Way.

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026

Lettland

Deutsche Städte gedenken der nach Riga deportierten Juden

1941/42 wurden mehr als 25.000 Juden aus Deutschland und Österreich zur Vernichtung in die lettische Hauptstadt deportiert. Daran gedachten nun Vertreter aus 30 deutschen Städten

 03.07.2026

Karlsruhe

Waffen für Hamas? Verdächtiger nach Deutschland überstellt

Seit Monaten geht die Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche Hamas-Anhänger vor, die Waffen für die Organisation geschmuggelt haben soll. Ein weiterer Beschuldigter ist jetzt in deutscher U-Haft

 03.07.2026

Iran

Wollte Israel iranische Unterhändler töten?

Wie die »New York Times« berichtet, fürchtete die Trump-Administration bei den Iran-Verhandlungen die gezielte Tötung der iranischen Delegierten Abbas Araghchi und Mohammad Bagher Ghalibaf durch Israel

 03.07.2026

Studie

AJC warnt vor AfD-Regierungsübernahme

Zum AfD-Bundesparteitag hat das American Jewish Committee eine Analyse über den Landesverband in Sachsen-Anhalt veröffentlicht. Die Aussage ist eindeutig

 03.07.2026

Gesellschaft

Filmproduzentin Brauner: Erinnerungskultur ist gescheitert

Symbolpolitik statt echter Auseinandersetzung - Alice Brauner hält die deutsche Erinnerungskultur für gescheitert. Ihr neuer Film über Menschenversuche in Auschwitz soll die Vergangenheit schonungslos sichtbar machen

von Hannah Krewer  03.07.2026

Vereinigte Staaten

Trump: »Warum Juden Demokraten wählen, ist mir ein Rätsel«

Im CNBC-Interview hat sich der US-Präsident erneut abschätzig über amerikanische Juden geäußert, die seine Politik nicht goutieren

 03.07.2026

Iran

Trauerfeierlichkeiten für Ajatollah Chamenei beginnen Samstag

Rund vier Monate nach seiner Tötung soll Irans Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei beerdigt werden. Mehrere Tage lang herrscht dafür im Iran Ausnahmezustand

 03.07.2026

Interview

»Ich nehme die Kritik sehr ernst«

Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung gegen Antisemitismus, wechselt nach Paris. Im Interview blickt er zurück und zieht Bilanz

von Leticia Witte  03.07.2026