Debatte

Rechts und links

Stelenfeld mitten in Berlin: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas Foto: picture alliance / Oliver Lang

In 2000 Jahren, entsprechend dem jüdischen Kalender 7781 beziehungsweise anno 4021, wird das Judentum gemäß historischer Wahrscheinlichkeit und religiöser Gewissheit weiterhin bestehen. Nicht unwahrscheinlich, dass unterdessen das jüdische Bekenntnis wiederum Mutterglaube einer neuen Religion gewesen sein wird – wie zuvor beim Christentum, dem Islam, dem Marxismus.

Was wird von unserem Zeitalter neben technischen Innovationen übrig bleiben? Wie erwähnt, auch das Judentum. Die Historiker des 41. Jahrhunderts werden sich beim Rückblick auf unser abgelaufenes Jahrhundert für die Weltkriege interessieren, speziell für den Zweiten, den fortwährenden Antisemitismus, der im Völkermord, der Schoa, seinen mörderischen Höhepunkt, doch keineswegs sein Ende fand; den Zionismus, der zur Gründung des Staates Israel führte, et cetera. Doch niemand glaubt ernsthaft, dass sich in zwei Jahrtausenden noch ein Mensch um den »Historikerstreit« 1.0, 2.0 … und die abstrusen Thesen seiner Initiatoren scheren wird.

geschichtsrevisionismus Ausgelöst hat den Historikerstreit Ernst Nolte. Der zunächst allgemein anerkannte Zeithistoriker und Philosoph erforschte unter anderem den Faschismus und den Nationalsozialismus. Ein »Holocaust-Leugner« war Nolte nicht. Er kannte die historischen Fakten zu gut. Doch Noltes historisch-philosophische Sicht wandelte sich im Laufe der Jahre vom liberalen Standpunkt zum Geschichtsrevisionismus.

1986 veröffentlichte Nolte einen Aufsatz in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, in dem er den Völkermord an den Juden Europas als Angstreaktion Hitlers und seiner Mitstreiter auf die Verbrechen der Bolschewisten in der Sowjetunion, speziell im Gulag, in der Tscheka et cetera erklärt. Hört sich nicht antijüdisch an.

Doch bald wiesen Noltes Unterstützer darauf hin, man solle im Auge behalten, wie viele Juden führend in der KPdSU und in den Geheimdiensten tätig waren. Da wurde der Prozentanteil der atheistischen KP-Funktionäre jüdischer Herkunft aufgelistet. Nun machte Noltes Begriff des »logischen und faktischen Prius« infamen Sinn: Die Nazis hätten präventiv aus Angst vor einem Angriff des angeblich jüdischen KP-Machtapparats mit der Schoa reagiert. So wurde der Völkermord zur Notwehrmaßnahme umgelogen. Auch durch Nolte, der meinte, Hitler habe auf eine »Kriegserklärung« Chaim Weizmanns reagiert.

Sowohl Ernst Nolte als auch Dirk Moses relativieren die Schoa.

Der »alte« Historikerzank ist passé, da Menschen angeblich aus der Geschichte lernen. Die modernen Historiker, »Denker«, Politologen und Möchtegern-Intellektuellen leugnen, wie gehabt, im gegenwärtigen »Historikerstreit 2.0« keineswegs die Tatsache des Holocaust. Ihnen geht es vielmehr darum, dessen Verbrechen zu relativieren – auch wenn sie dies so deutlich nicht aussprechen. Die Untaten der Schoa waren furchtbar. Aber sie waren nicht das erste Verbrechen und nicht das letzte. Das erste Opfer war Kain, kein Jude.

zionismus Millionen Afrikaner, indigene Amerikaner und andere wurden während der Sklaverei und in Kolonialkriegen erschlagen. Der Zionismus, die Flucht- und Befreiungsbewegung der Juden, die zur Gründung Israels führte, war und bleibt in ihrem Verständnis eine kolonialistische Bewegung, die noch heute »kolonialistische Verbrechen« gegen die Palästinenser begeht. Mit diesem alten antisemitischen Hut, den die sowjetische Propaganda bereits vor Jahrzehnten verbreitete, geht beispielsweise Achille Mbembe hausieren – und erntet Aufmerksamkeit.

Da die antizionistischen Pamphlete von Mbembe und Kollegen zu dünn sind, versucht die antizionistische Richtung eine modernere, umfassendere ideologische Rechtfertigung. Als deren Hohepriester – der Begriff ist bewusst gewählt – tritt zunehmend der australische Historiker Anthony Dirk Moses hervor. Ihm geht es darum, den vermeintlichen »Katechismus« der Deutschen zu unterminieren, indem er gegen die von »Hohepriestern« verkündeten »Glaubensartikel« angeht.

Er wendet sich dabei gegen die Auffassung, die Schoa sei einmalig, das Gedenken an sie sei ein moralisches Fundament der europäischen Zivilisation, die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsräson, Antisemitismus besitze eine spezielle Wertigkeit. Schließlich lehnt er die Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus ab.

völkermord Dabei wird deutlich: Mr. Moses aus Down Under kennt weder die deutsche Wirklichkeit noch die Gesetze der Logik. Doch das kümmert weder ihn noch seine Apologeten, unter ihnen Juden. Ihr Ziel ist vielmehr, den Völkermord so sehr zu relativieren wie einst Nolte »and friends«. En passant wird dabei auch Israel delegitimiert. Auf diese Weise genießt man auch den Beifall von rechtsaußen.

Die durchsichtige Propaganda von Moses & Co. bewirkt indessen dialektisch auch Gutes. Die weitgehende Reduzierung des Judentums auf eine Holocaust-Identität erweist sich als ungenügend. Denn im Kern des Judentums steht seit jeher der Gesetzesglaube. Im Laufe der Jahrtausende kamen Kultur, Tradition, Geistesgeschichte hinzu. Eine Rückbesinnung auf diese Werte ist notwendig. Mindestens bis ins 5. beziehungsweise ins 8. Jahrtausend.

Der Autor ist Politologe, Historiker und Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Buch »Hannah und Ludwig. Heimatlos in Tel Aviv«.

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