Gedenkkultur

Rechter Raum in Braunau

In der Diskussion: Hitlers Geburtshaus Foto: imago images/CHROMORANGE

Gedenkkultur

Rechter Raum in Braunau

In das Geburtshaus Hitlers soll eine Polizeiwache einziehen. Historiker fordern dazu eine stärkere Debatte in Österreich

von Julien Reitzenstein  17.12.2020 09:06 Uhr

Wie kann würdiges Gedenken aussehen, ohne ins Merkwürdige abzugleiten? Diese Frage stellt sich derzeit bei den Überlegungen zum Geburtshaus Adolf Hitlers in Braunau am Inn. Die Planungen der österreichischen Regierung sahen vor, das Gebäude abzureißen oder aber zur Polizeiwache umzufunktionieren.

Die Idee, dass man mit Beseitigung von Orten auch Gedanken beseitigen könne, ist nicht neu. So gilt etwa Hitlers Privatwohnung am Prinzregentenplatz in München durch Einquartierung einer Polizeiwache als misslungene Lösung, die Dokumentation Obersalzberg, gelegen im sogenannten Führersperrgebiet um Hitlers Berghof, hingegen als gelungenes Konzept.

ZWEI-SÄULEN-KONZEPT Die bayerische Staatsregierung entwickelte hier ein Zwei-Säulen-Konzept. Einerseits sollte das Areal als Tourismusfläche dienen und ein Luxushotel gebaut werden. Andererseits sollte durch das Dokumentationszentrum und die historische Einordnung verhindert werden, dass eine Pilgerstätte für Rechtsradikale entsteht. Das Konzept geht seit rund 20 Jahren auf und wurde seither stetig erweitert.

Bei der Polizeiwache am Prinzregentenplatz wirkt die Lösung eher unglücklich. Das kommt besonders deutlich zur Geltung, wenn Polizeibeamte Dokumentarfilmer durch die Räume führen: Der Alltag des Polizeiaufgabengesetzes des Freistaats Bayern und die historische Einordnung des vormaligen Bewohners und seines Wirkens in diesen Räumen sind verschiedene Berufswelten.

Zunächst hatte Österreichs damaliger Innenminister Wolfgang Sobotka die Idee, das Haus einfach abzureißen: kein Haus – keine Rechten.

Dennoch soll nun das Gleiche mit Hitlers Kinderstube im österreichischen Braunau geschehen. Zunächst hatte Österreichs damaliger Innenminister Wolfgang Sobotka die Idee, das Haus einfach abzureißen: kein Haus – keine Rechten. Mittlerweile soll es durch Umbau und Beherbergen einer Polizeiwache unsichtbar werden. Dabei gibt es für die Liegenschaft bereits viele Nutzungskonzepte, die sinnvoll klingen.

»GEDENKDIENER« Das Konzept »Haus der Verantwortung« stammt von Andreas Maislinger, dem Gründer des österreichischen Gedenkdienstes. Die Idee: Als Alternative zum Wehrdienst leisten »Gedenkdiener« genannte junge Menschen soziale Arbeit an vielen Orten auf der Welt, darunter in Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager.

Maislinger hatte vorgeschlagen, das Geburtshaus Hitlers in eine Gedenkstätte umzugestalten. Ähnlich wie auf dem Obersalzberg sollte lokale NS-Geschichte gemeinsam mit der europaweiten NS-Geschichte einordnend präsentiert werden. Bei all der Aufregung der aktuellen Debatte in Österreich über die Zukunft des Braunauer Hauses wird eine Frage zumeist übersehen: Muss an jedem Ort, der irgendwie mit einem der führenden NS-Verbrecher in Verbindung steht, eine Gedenkstätte errichtet werden?

Dirk Rupnow, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Innsbruck, sah Maislingers Idee lange kritisch. Dies würde dem Ort erst besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. »Immerhin hat Adolf Hitler nur wenige Monate in dem Haus und die ersten drei Jahres seines Lebens in der Stadt verbracht und keine prägenden Eindrücke dort empfangen. Seine ›formative years‹ verbrachte er in Wien, dem er in einer Hassliebe verbunden war«, sagte Rupnow dieser Zeitung.

Das Haus ist weder Täter- noch Opferort.

Rupnow erklärt, dass das Braunauer Bauwerk keinerlei Bedeutung für die Geschichte des Nationalsozialismus habe. Es sei weder ein Täterort wie der Obersalzberg oder das Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin noch ein Opferort wie ein früheres Konzentrationslager oder die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe in Gardelegen.

KONTEXT Auch der in Cambridge lehrende Historiker Brendan Simms misst dem Geburtshaus des Diktators keine Bedeutung für die Entwicklung der NSDAP oder ihres Anführers bei. Sollte man es allerdings museal nutzen wollen, sei dies eine einzigartige Gelegenheit zur Darstellung »des Phänomens Adolf Hitler in seinem globalen geopolitischen Kontext«, so der Autor einer Hitler-Biografie. Tatsächlich gibt es noch kein Museum, das sich speziell mit diesem Aspekt von Hitlers Politik befasst.

Auch Simms’ Vorschlag wäre eine Besetzung »rechter Räume«. Die Überlegungen von Simms und Maislinger schließen einander nicht aus. Zudem gibt es noch weitere Konzepte und Anregungen aus der Zivilgesellschaft.

Allerdings werden diese sämtlich ausgeschlossen durch das nun umgesetzte Konzept des früheren österreichischen Innenministers Wolfgang Peschorn: Das Gebäude soll umgebaut werden und anschließend eine Polizeiwache beherbergen. Peschorn sagte: »Wir wollen das Haus als Ganzes der Erinnerung entziehen und es so neutralisieren.« Der Grundsatz »Niemals Vergessen!« solle dabei aber auch nicht außer Acht gelassen werden.

Eine Polizeiwache ist geradezu der Garant dafür, dass die Diskussionen weitergehen werden.

Die »Kommission zum historisch korrekten Umgang mit dem Geburtshaus Adolf Hitlers« empfahl dem Innenministerium, eine weitere Assoziierung mit der Person Hitlers durch eine architektonische Umgestaltung zu verhindern und den Wiedererkennungswert des Gebäudes zu zerstören.

WIDERSPRUCH Bemerkenswerterweise soll gleichzeitig »eine historische Kontextualisierung unter Einbeziehung der Öffentlichkeit« stattfinden. Es ist fraglich, ob die Polizei diesen Widerspruch auflösen kann.
»Eine Polizeistation wird das Hitler-Geburtshaus nicht entzaubern oder ›neutralisieren‹ können wie beabsichtigt – ganz im Gegenteil. Sie ist geradezu der Garant dafür, dass die Diskussionen weitergehen werden«, sagt Dirk Rupnow dazu. So viel könne man als Historiker getrost prophezeien. Das Unfall- und Skandalpotenzial sei einfach zu offensichtlich.

»Vielleicht ist das ja auch in diesem Zusammenhang mit ›Niemals Vergessen!‹ gemeint. Der fahrlässige Vorschlag des früheren Innenministers sollte endlich zum Anlass für eine längst überfällige ernsthafte Diskussion genommen werden – in Braunau vor Ort, vor allem aber in Wien und in ganz Österreich«, meint der Historiker.

Babyn Jar

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