Tarifkonflikt

Recht auf Streik?

Streik bei der Deutschen Post: Mitarbeiter demonstrieren am 12. Juni in Kassel. Foto: dpa

Derzeit braucht man wirklich starke Nerven: Als wäre das über unseren Köpfen schwebende Damoklesschwert der drohenden Griechenlandpleite und der Folgen für uns Steuerzahler nicht schon genug, scheint auch das öffentliche Leben in der Bundesrepublik inzwischen kurz vor dem Kollaps zu stehen. Flugzeuge bleiben am Boden, Züge fahren nicht, Kindergärten bleiben geschlossen, und Briefe stapeln sich nicht in unseren Briefkästen, sondern in den Zustellzentren der Post. Auch mancher Abonnent dieser Zeitung musste wegen der Arbeitsniederlegung der Briefzusteller etwas länger auf seine gewohnte Lektüre warten.

Dies alles geschieht, G’tt sei Dank, zwar nicht gleichzeitig, aber doch in so kurzen Abständen nacheinander, dass man das Gefühl nicht loswird – je nach Sichtweise –, Teil oder Opfer einer Nation von Streiksüchtigen zu sein. Dabei sind die deutschen Arbeitnehmer im internationalen Vergleich mit Streiks weiterhin zurückhaltend. Allerdings treffen uns die Arbeitsniederlegungen der derzeitigen Streikwelle so unmittelbar, weil sie zu 90 Prozent im Dienstleistungssektor stattfinden.

alltag Und so manch einem vergeht nach anfänglicher Sympathie mit den Streikenden spätestens dann, wenn die Auswirkungen für den persönlichen Alltag zu beeinträchtigend sind, die Lust auf weitere Solidaritätsbekundungen. Dann erschallt der Ruf nach gesetzlicher Regulierung und der Einschränkung des einst hart erkämpften Streikrechts. Zurück in die Vergangenheit sozusagen.

Blickt man zurück in die jüdische Vergangenheit, so erkennt man, welche arbeitnehmerfreundlichen Richtlinien dort schon vor langer Zeit festgesetzt wurden. Was also sagt das Judentum zum Streikrecht? Gibt es dazu Regelungen in Tora und Halacha?

Das Judentum, dessen Wesen durch die in der Tora übermittelten Geschichten und die historischen Erfahrungen definiert wird, hat bereits vor mehr als 3000 Jahren einen Grundsatz geprägt, der damals revolutionär war und die Grundlage selbst gegenwärtiger Arbeitnehmerrechte bildet. Beeinflusst durch die Erfahrung des Sklavendaseins in Ägypten und den Exodus in Richtung Freiheit und Selbstbestimmung, heißt es im 3. Buch Mose: »Denn sie sind meine Sklaven«, und der Talmud ergänzt: »und nicht die Sklaven von Sklaven«, was als Grundlage für die jüdische Auffassung von Arbeitsverhältnissen und Arbeitnehmerrechten dient.

tora
Dieser Grundgedanke erfuhr durch zahlreiche weitere Vorschriften und Bestimmungen in Tora und Talmud ein ergänzendes Korsett, welches den Arbeiter aus einem rein wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis gegenüber seinem Arbeitgeber heraushievte und ihn mit umfangreichen Rechten ausstattete, die ihm sowohl ein ausreichendes Auskommen als auch eine menschenwürdige Behandlung garantieren sollten.

Und obwohl die Tora zu Beginn davon ausging, dass Arbeiter und Arbeitgeber sich jeweils als Einzelpersonen gegenüberstehen, sind schon im Talmud Regelungen enthalten, die es den Lohnempfängern erlaubten, sich in Interessengemeinschaften, Gilden oder – zeitgenössisch ausgedrückt – Gewerkschaften zusammenzuschließen, um ihre Rechte und faire Arbeitsbedingungen auch in solchen Fällen verwirklichen zu können, in denen das geschriebene Ideal von der harten Realität abwich. Zu diesem Zweck erlaubte das jüdische Gesetz auch jenes ultimative Mittel des Tarifstreits, das spätestens mit Beginn der Industrialisierung mit harten Bandagen erkämpft werden musste: den Streik.

Eine Einschränkung sah allerdings vor, dass sich die Konfliktparteien zunächst vor dem örtlich zuständigen Toragelehrten oder einem Rabbinatsgericht, die jeweils auch über eine umfassende Kenntnis in wirtschaftlichen und ökonomischen Fragen verfügen mussten, einzufinden hatten, um eine Lösung oder Schlichtung des Streits herbeizuführen. Da in der jüdischen Welt nicht immer und überall halachisch-ökonomische Autoritäten zu finden waren, war das jüdische Gesetz vorausschauend genug, im Zweifel den örtlichen Brauch und die geltende säkulare Gesetzgebung des jeweiligen Staates als vorrangig zu betrachten und sich daran zu orientieren.

einschränkungen Obwohl der Arbeitnehmer also mit umfangreichen Rechten ausgestattet ist und diese zumindest in organisierter Form auch mit den Mitteln des Streikrechts durchsetzen darf, existieren Einschränkungen, wenn höherrangige konkurrierende Rechte im Raum stehen oder schwerwiegende jüdische Gebote verletzt würden. Im Fall von Ärzten etwa, denen die religionsgesetzliche Verpflichtung obliegt, zu heilen und Menschenleben zu retten, wurde ein Streik von jüdischen Autoritäten für unzulässig erklärt.

Die jüdische Tradition positioniert sich damit im Sinne der freien und sozialen Gesellschaft: Streiks sind erlaubt, wenn sie von einer Gewerkschaft getragen und als letztes Mittel im Tarifstreit betrachtet werden. Ob das Recht nun auch stets von den kleinsten Berufs- und Spartengewerkschaften zur Durchsetzung ihrer Partikularinteressen in Anspruch genommen werden kann, bleibt fraglich.

Für uns, die wir uns wohl auch in Zukunft über streikende Lokführer und Piloten ärgern müssen, bleibt dennoch nur: Nerven behalten! Und denken Sie an den talmudischen Gelehrten Nachum Ish Gamzu, der in jeder Situation des Lebens sagte: »Gam zu letowa – Auch dies ist zum Guten.«

Der Autor ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

Berlin

Streit um Antisemitismus: SPD und Grüne unterbrechen Sondierungsgespräche

Die Linke will eine rot-grün-rote Koalition in der Hauptstadt schmieden. Doch Grüne und SPD setzen erstmal ein Stoppschild. Auslöser ist der Umgang der Linken mit dem Thema Antisemitismus

 13.10.2026

Kontinuität

Bundesratsinitiative für EU-Forschungskooperation mit Israel

Drei Bundesländer wollen die weitere Beteiligung Israels am EU-Forschungsrahmenprogramm sicherstellen. Dazu wird jetzt eine Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht

 13.10.2026

Kommentar

Der geplatzte Testballon von Halle

Die AfD wird weiterhin versuchen, sich als ganz normale Partei zu inszenieren, wenn es um jüdisches Leben geht. Ein Angriffsziel bleibt es trotzdem. Deswegen müssen wir achtsamer werden, wenn die Angriffe subtiler werden

von Igor Matviyets  13.10.2026

Sachsen-Anhalt

CDU-Fraktion will bei Ministerpräsidenten-Wahl den Saal verlassen

Kamen Stimmen für die Wahl des AfD-Landtagspräsidenten aus den Reihen der CDU? Für die nächste wichtige Wahl im Dezember will die Fraktion vorbauen und nimmt einen ungewöhnlichen Weg

 13.10.2026

120. Geburtstag

Philosoph Bormuth: Die Gedanken von Hannah Arendt geben Orientierung

Das Werk der Philosophin Hannah Arendt bietet nach Ansicht des Oldenburger Wissenschaftlers Matthias Bormuth Orientierung in polarisierten Zeiten. Ihr Plädoyer für eigenes Denken und streitbaren Austausch sei heute hochaktuell

 13.10.2026

New York

Die US-Linke ist besessen von Palästina – nun frisst die Revolution ihre eigenen Kinder

Zohran Mamdanis Aufstieg hat in der Demokratischen Partei einen Linksruck ausgelöst. Längst ist der Bürgermeister der US-Metropole mit seiner zweifelhaften Anti-Israel-Rhetorik zur Ikone der Palästina-Bewegung in Amerika geworden. Nun wird er Teilen des eigenen Lagers zu weich

von Jan Klauth  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026