Pazifismus

Realität unserer Zeit

Ukrainische Soldaten bringen am 5. März Einwohner der Stadt Irpin in Sicherheit. Foto: IMAGO/Le Pictorium

Die Realität des Krieges in der Ukraine und die von Kanzler Olaf Scholz beschriebene Zeitenwende – mit dem Beschluss eines Sondervermögens von 100 Milliarden Euro zur Ausrüstung der Bundeswehr – haben eine breite Diskussion in unserer Gesellschaft ausgelöst. Dieser Tage hat der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in einem Zeitungsinterview dazu Stellung bezogen: Er sprach vom Appell gegen die Hochrüstung, vom Pazifismus auf Kosten anderer und forderte eine selbstkritische Friedenspolitik.

Doch wie sieht eine glaubwürdige Friedensbewegung aus? Und vor allem: Wie steht das Judentum zur Frage von Krieg und Frieden, was sagen unsere Schriften und Weisen zum Pazifismus?

»nie wieder« Ich denke, viele von uns haben aus unserer leidvollen Geschichte heraus eine andere Meinung als die Mehrheitsgesellschaft. Rabbiner Gábor Lengyel, der Schoa-Überlebender ist, hat dies kürzlich auf den Punkt gebracht: »Wir deuten das ›Nie wieder‹ unterschiedlich: Viele Nichtjuden meinen ›Nie wieder Krieg‹, Juden hingegen meinen ›Nie wieder Vernichtung‹.«

Viele von uns haben aus unserer leidvollen Geschichte heraus eine andere Meinung als die Mehrheitsgesellschaft.

Begründet wird dies durch das Grundprinzip des Judentums, wonach der Schutz des Lebens über allem steht – auch über dem Frieden. Unsere wichtigste Aufgabe ist das Streben nach und der Erhalt von Frieden. Wenn dies allerdings nicht möglich ist, müssen wir uns verteidigen, auch mit dem Einsatz von Waffen.

Bereits Mosche hat den Israeliten (5. Buch Mose 20,10) erklärt, dass man immer erst den Frieden anbieten soll und nur kämpfen darf, wenn dies unausweichlich ist. Verteidigung wird zur Pflicht, wenn Leben in Gefahr ist. Der Babylonische Talmud (Sanhedrin 72a) weist uns an: »Wenn jemand kommt, um uns zu töten, stehe frühmorgens auf und töte ihn zuerst.«

verantwortung Dass solch eine Entscheidung an eine enorme Verantwortung geknüpft ist, versteht sich von selbst. Dies wiederum erfordert ein notwendiges Maß an Weisheit. Denn weise ist jemand, der die zukünftigen Folgen seiner Handlungen voraussieht (Talmud, Tamid 32a). Ein Festhalten an der reinen Lehre des Pazifismus reicht nicht aus, ist sie einem auch noch so lieb.

Mahatma Gandhi gilt als einer der größten Pazifisten der Weltgeschichte, der zahlreiche außergewöhnliche idealistische Taten der Selbstaufopferung vollbrachte. Doch ein offener Brief, den er 1942 schrieb, wirft die Frage auf, ob er aus ethischer Sicht auch immer nach der notwendigen Weisheit handelte.

Viele Nichtjuden meinen »Nie wieder Krieg«, Juden hingegen meinen »Nie wieder Vernichtung«.

Mitten im Zweiten Weltkrieg, als noch nicht absehbar war, ob die Alliierten oder die Nazis den Sieg davontragen würden, schrieb Gandhi einen offenen Brief an das Volk Englands. Darin legte er den Engländern nahe, vor Hitler und Mussolini die Waffen niederzulegen, da sie für ihre Rettung oder die der Menschheit nutzlos seien.

Sie sollten gar, wenn es nicht anders ginge, sich abschlachten lassen, Männer, Frauen und Kinder. Hätten die alliierten Soldaten ihre Waffen niedergelegt und wäre ihr Volk dem Rat Gandhis gefolgt, hätten die Nazis die Demokratien der Welt besiegt, praktisch jeden lebenden Juden ermordet und die Welt beherrscht.

verständnis Das rabbinische Verständnis, dass eine der zentralen Komponenten der Weisheit die Fähigkeit ist, die Auswirkungen der eigenen Worte und Taten vorauszusehen, gilt sowohl für den Einzelnen als auch auf nationaler Ebene. So schreibt die Tora vor: »Wenn du ein neues Haus baust, sollst du eine Brüstung für dein Dach machen, damit du nicht Schuld auf dein Haus bringst, wenn jemand von ihm herunterfällt« (5. Buch Mose 22,8).

Die Begründung für dieses Gesetz legt nahe, dass man jeden Schaden voraussehen muss, der durch einen selbst oder das Eigentum verursacht werden könnnte und im weiteren Schritt eine Verletzung nach sich ziehen könnte. So entschied der Talmud auf Grundlage dieses Verses, dass »ein Mensch keinen bösartigen Hund halten oder eine wackelige Leiter in seinem Haus aufbewahren soll« (Talmud, Ketubot 41b).

Und der Schulchan Aruch verfügt, dass man, wenn man eine Grube oder einen Brunnen auf seinem Grundstück gräbt, ein Geländer darum bauen oder sie abdecken muss, damit niemand hineinfällt (Choschen Mischpat 427,7).

weisheit Ein großer Teil der Weisheit besteht darin, das Böse vorauszusehen, das aus den eigenen Worten (wie ich glaube, dass Gandhi in diesem Fall einen Fehler beging) oder aus den eigenen Taten (wie im Fall von jemandem, der einen bösartigen Hund auf seinem Grundstück hält) resultieren könnte. Wenn es um Moral geht, reichen gute Absichten nicht aus; Weisheit ist ebenso wichtig.

Wenn es um Moral geht, reichen gute Absichten nicht aus.

Wolfgang Thierse zitiert in dem bereits erwähnten Interview Slogans, die dieser Tage erneut bei Friedensdemonstrationen auf Plakaten und Bannern zu lesen sind: »Soldaten sind Mörder«, »Frieden schaffen ohne Waffen«. Diese kämen ihm wie aus der Zeit gefallen und gedankenlos vor, auf Ukrainer müssten sie geradezu zynisch wirken.

Ich würde hinzufügen, dass sie auch – solange wir nicht in einer messianischen Zeit des Friedens leben – der jüdischen Idee vom Schutz des Lebens widersprechen. Und mit diesem Gedanken bete ich für den Frieden in der Ukraine, in Israel und den anderen Orten von Krieg und Terror auf der Welt.

Der Autor ist Militärbundesrabbiner und Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.

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