Frankreich

Raphaël Glucksmann will Präsident werden – und spaltet die Linke

Raphaël Glucksmann Foto: picture alliance / abaca

Raphaël Glucksmann hat seine Kandidatur für die französische Präsidentschaftswahl 2027 offiziell gemacht. Der jüdische Europaabgeordnete und Mitgründer der Partei Place Publique erklärte, er wolle für das höchste Staatsamt antreten. Damit beteiligt er sich zugleich an der für Oktober geplanten Vorwahl des sozialdemokratischen Lagers.

»Ich kandidiere, um Frankreich wieder aufzurichten, denn wir alle haben einen Kloß im Bauch, wenn wir sehen, was aus unserer Nation gerade wird und was in den kommenden Monaten aus ihr werden könnte«, sagte Glucksmann laut »Le Figaro«. Er bezeichnete sich zugleich als »Kandidat, der gewinnen will«.

Die Reaktionen aus dem linken und grünen Lager fielen unterschiedlich aus. Der frühere Präsidentschaftskandidat der Grünen, Yannick Jadot, stellte sich demonstrativ hinter Glucksmann. Er unterstütze dessen Kandidatur »ohne zu zögern« und »mit Begeisterung«, sagte Jadot. Glucksmann sei seiner Ansicht nach am ehesten in der Lage, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und die Aussicht auf einen Wahlsieg miteinander zu verbinden.

Politische Allianz

Ganz anders äußerte sich die Grünen-Abgeordnete Sandrine Rousseau. Sie bezeichnete die Ankündigung als wenig überraschend: »Das war erwartet worden. Jetzt ist es geklärt. Nachdem wir so lange auf diese Ankündigung gewartet haben.« Eine Unterstützung seiner Präsidentschaftskampagne schloss Rousseau ausdrücklich aus.

Die Grünen-Politikerin setzt stattdessen auf eine Verständigung innerhalb ihres eigenen politischen Lagers und auf spätere Gespräche mit La France Insoumise (LFI). Sie wolle innerhalb ihrer Partei dafür sorgen, dass es zunächst eine Abstimmung gebe, aus der anschließend eine politische Allianz hervorgehen könne.

Auch von konservativer Seite kam eine zurückhaltende Bewertung. Valérie Pécresse, die Präsidentin der Region Île-de-France, bescheinigte Glucksmann zwar Erfahrung, ein eigenes Programm und »menschliche Substanz«. Nun müsse er allerdings erst zeigen, was er daraus mache. Das eigentliche Problem sei für sie »nicht Glucksmann«, sondern sein politisches Programm für Frankreich, das sie für grundsätzlich falsch hält.

Bevorzugter Kandidat

Deutlich distanzierter reagierte Maud Bregeon, Sprecherin der französischen Regierung. »Ich bin keine Sozialistin. Ich war nie Sozialistin. Was in der Sozialistischen Partei passiert, interessiert mich nicht besonders«, sagte sie. Stattdessen warb sie für den früheren Premierminister und heutigen Bürgermeister von Le Havre, Édouard Philippe, den sie als ihren bevorzugten Kandidaten unterstützt.

Bregeon sieht Frankreich zudem vor einer möglichen politischen Konstellation, die sie für besonders gefährlich hält. »Wir laufen auf ein großes Risiko zu, das zu einer realen Wahrscheinlichkeit geworden ist. Es geht um eine Stichwahl zwischen Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen«, warnte die Regierungssprecherin.

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Mélenchon selbst reagierte vergleichsweise knapp auf Glucksmanns Kandidatur. »Er soll sein Bestes tun. Er ist der wahrscheinliche Kandidat der Sozialisten«, sagte der Vorsitzende von La France Insoumise (LFI), einer neueren Linkspartei. Er kandidiert ebenfalls für das Präsidentenamt.

»Kaum Chancen«

Gleichzeitig forderte Mélenchon die verschiedenen Kräfte der Linken auf, endlich Klarheit über ihre politischen Pläne zu schaffen. »Was ich ihnen allen sagen möchte, ist: Um Himmels willen, macht, was ihr wollt, aber macht etwas«, sagte er. Nach zehn Jahren Macronismus wisse man selbst ein halbes Jahr vor der Wahl noch immer nicht, welchen Weg die Linke einschlagen und mit welchem Kandidaten sie antreten wolle.

Die LFI-Abgeordnete Mathilde Panot griff Glucksmann ebenfalls an, allerdings mit einem anderen Vorwurf. Jeder habe in einer Demokratie das Recht, zu kandidieren. »Aber versteht bitte, dass Raphaël Glucksmann nicht dasselbe tut wie wir. Er will einen Parteitag gewinnen, wir wollen die Präsidentschaftswahl gewinnen. Ich glaube, jeder spielt eine andere Rolle.«

Noch schärfer fiel die Kritik des LFI-Abgeordneten Hadrien Clouet aus. Glucksmann habe schon zuvor kaum Chancen auf den Einzug in die zweite Runde gehabt und nun »noch weniger«, behauptete er. Zugleich warf Clouet dem Kandidaten vor, kein klares politisches Profil zu besitzen.

Politische Umbrüche

Raphaël Glucksmann, Jahrgang 1979, stammt aus einer politisch und intellektuell geprägten Familie. Sein Vater war der Philosoph André Glucksmann, seine Mutter Françoise Glucksmann. Nach seiner Ausbildung in Paris arbeitete er zunächst als Journalist und Dokumentarfilmer und beschäftigte sich früh mit politischen Umbrüchen und autoritären Regimen.

Eine wichtige Station seiner Karriere war Georgien. Nach dem russisch-georgischen Krieg von 2008 wurde Glucksmann Berater des damaligen georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili. Seine Tätigkeit im Umfeld des georgischen Präsidenten brachte ihm später Kritik von politischen Gegnern ein. Glucksmann entwickelte sich zugleich zu einem entschiedenen Unterstützer europäischer Demokratiebewegungen und zu einem scharfen Kritiker Wladimir Putins.

2018 gehörte Glucksmann zu den Gründern von Place Publique. Die Bewegung sollte eine proeuropäische Linke jenseits der klassischen Parteigrenzen etablieren und zugleich eine Alternative zu La France Insoumise und Jean-Luc Mélenchon schaffen. Seit 2019 sitzt Glucksmann im Europäischen Parlament. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit Außenpolitik, Menschenrechten und ausländischer Einflussnahme auf demokratische Prozesse.

Bei der Europawahl 2024 konnte Glucksmann seinen Einfluss deutlich ausbauen und rückte damit stärker ins Zentrum der französischen Linken. Seither versucht er, eine sozialdemokratische, proeuropäische Kraft zwischen dem traditionellen Parti socialiste und der radikalen Linken um Mélenchon zu etablieren. Besonders bei Fragen wie der Unterstützung der Ukraine und dem Umgang mit Antisemitismus grenzt er sich von LFI ab. im

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