Interview

»Offen, sichtbar, couragiert«

Leo Sucharewicz Foto: (privat)

Herr Sucharewicz, mit Ihrer NGO Demokratie und Information (DEIN) wollen Sie »Manipulationen, Propaganda und Geschichtsverzerrungen« sowie generell Gefahren für die Demokratie entgegenwirken. Wo ist der Zusammenhang mit dem »Tag der Solidarität mit Juden und Israel«, den Sie ausgerufen haben?
Die direkte Bezugslinie ist die unsägliche Hamas-Propaganda seit dem 7. Oktober, die eine komplette Täter-Opfer-Umkehr darstellt. Plötzlich wird Israel an den Pranger gestellt. UNO-Organisationen kolportieren diese Propaganda. Deshalb wollen wir mit dem Tag der Solidarität ein Zeichen setzen. Es geht darum, ein Signal aussenden, das zeigt: Wir lassen uns von der Propaganda nicht beeindrucken. Die Straßen in Deutschland gehören eben nicht gewalttätigen, palästinensischen Demonstranten. Auch die Unis gehören ihnen nicht, die Demokratie in Deutschland gehört ihnen nicht – und schon gar nicht denjenigen, die ein Kalifat wollen.

Am Tag der Solidarität wollen Sie, dass »der demokratische, kreative, couragierte, selbstbewusste, ethische, aufgeschlossene, anständige, coole, anspruchsvolle und sympathische« Teil Deutschlands »Schalom« sagt. Welche Mitglieder der Gesellschaft schließen Sie hier ein?
Jeder, der möchte. Es sind mittlerweile 160 Organisationen und Körperschaften, die den Tag der Solidarität unterstützen, von Fraktionen über Museen, Akademien, NGOs, der bayerischen Landesregierung bis hin zu Heimatverbänden. Sie beteiligen sich mit Events oder indem sie ihre Mitglieder aufrufen, an dem Tag einfach Schalom zu sagen, als Ausdruck ihrer Solidarität mit Juden und Israel in dieser schwierigen, bedrohlichen Zeit.

Wenn ich als Privatmensch Solidarität zeigen will: Wie kann das geschehen?
Wenn Sie am Morgen zur Arbeit fahren und von der Polizei wegen einer Geschwindigkeitsübertretung angehalten werden, dann sagen Sie »Schalom«, bevor Sie die Fahrzeugpapiere aushändigen. Mit anderen Worten: Man sollte dies zu einem Usus machen, so wie man am Fasching »Helau« sagt. »Schalom« ist hier Ausdruck der Solidarität. Entscheidend ist, dass man sich in Deutschland einmal im Jahr solidarisch zeigt mit Juden und Israel – und zwar offen, sichtbar, couragiert.

Bisher haben jüdische Gemeinden in Düsseldorf, München und andernorts Veranstaltungen am »Tag der Solidarität mit Juden und Israel« angekündigt. Wie ist das Feedback außerhalb der jüdischen Community?
Absolut überwältigend. Wir haben mittlerweile Zehntausende von Zuschriften. Auf unserer Webseite gibt es ja ein Formblatt und da kann man seine Meinung sagen. Ich selber habe nicht mit diesem Erfolg gerechnet, auch nicht mit dieser Zahl an Unterstützern oder mit diesem gesellschaftspolitischen Kaliber. Die Leute sind wirklich engagiert. Wenn man das auf eine Formel bringt, kommt man zu diesem Ergebnis: Die Vox Populi besteht nicht in gewalttätigen, palästinensischen Organisationen. Noch etwas ist sichtbar: Die Leute haben Angst vor einer neuen Phalanx aus Palästinensern, Islamisten und Linksextremen auf den Straßen. Ich glaube, dass man in der deutschen Zivilgesellschaft eingesehen hat, dass Juden und Israel nur als Erste konfrontiert sind mit dieser Phalanx, dieser bedrohlichen Tendenz.

Schon vor dem 7. Oktober 2023, aber umso mehr seit diesem schrecklichen Tag, ist zu beobachten, dass der Hass auf Israel und Juden lauter ist als die Rufe der Solidarität. Woran liegt das?
Sowohl Juden und jüdische Institutionen, als auch die zuständigen Stellen haben in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig unternommen, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Das ist eine Folge von »Hassinformation«. Kinder werden nicht mit Hass geboren. Und wenn man Palästinensern die Universitäten überlässt oder den Kulturbetrieb, dann verbreiten sie natürlich ihre Propaganda. Sie sind sehr fleißig, propagandistisch, hochprofessionell, gut koordiniert und vor allen Dingen sehr zahlreich. Es gibt ungefähr 120 palästinensische Organisationen, viele sind als gemeinnützige Vereine eingetragen, die Tag für Tag antiisraelische Propaganda betreiben und Hass verbreiten. Dies tun sie übrigens zum Teil auf eine sehr sublime Weise und ziemlich geschickt. Und dem hat die jüdische Gemeinschaft in Deutschland noch nicht das richtige Instrumentarium entgegenzusetzen. Es gibt zwar eine ausreichende Zahl an Pro-Israel-Organisationen, aber nicht die notwendige Kooperation. Hass fällt nicht vom Himmel. Hass wird gemacht. Auch Antisemitismus ist kein Mythos, sondern wird produziert.

Kommt die Message des »Tages der Solidarität« nur bei Menschen an, die bereits überzeugte Demokratie- und Israelfreunde sind, oder auch bei denen, die sie hören müssten? Wie kann man dafür sorgen, dass die Message dort ankommt, wo sie ankommen muss?
Nur durch Breitenwirkung. Also, man muss etwas von Informationsmanagement verstehen, von Kommunikationsökonomie, Kybernetik, ein bisschen von Sprachpsychologie und von der ganzen Klaviatur dessen, was man Public Opinion Building nennt. Dann hat man Chancen, tatsächlich etwas zu erreichen. Die Menge der Organisationen, die sich direkt offiziell beteiligen, plus diejenigen, die sich jetzt noch nicht offiziell beteiligen, die aber signalisieren, dass sie diese Solidarität begrüßen, wird künftig dafür sorgen, dass auch die notwendige Breitenwirkung hergestellt wird.

Sie haben auch die »I like Israel«-Bewegung initiiert. Wie wichtig sind solche Ideen im Bemühen und Wahrheit, Demokratie und Israel?
Essenziell wichtig. Wenn man das Knowhow bei der Öffentlichkeitsarbeit mit den entsprechenden Mitteln einsetzen würde, dann könnte man etwas verändern und Antisemitismus auch in Deutschland eindämmen.

Mit dem Politikwissenschaftler sprach Imanuel Marcus.

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