Ukraine-Krieg

Nie wieder?

Die ukrainische Hafenstadt Odessa bereitet sich mit Sandsäcken und Panzersperren auf Angriffe russischer Truppen vor. Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Wem nutzt Geschichte? Historikern. Auch mir. Der Geschichte verdanken wir Arbeit und Brot. Politikern und Festrednern bietet Geschichte Argumente. In jedwede Richtung. Manche benutzen Geschichte als politische Waffe, und andere tappen – ohne es zu merken – in die Falle der Geschichte.

Diesen resignativen und nur scheinbar zynischen Schluss legt die westliche und besonders die deutsche Russland- und Ukrainepolitik nahe. Gelernt haben die wenigsten aus Geschichte und Erinnerung. »Nie wieder!«, »Gegen das Vergessen!« oder Millionenbeträge für historisch-politische Bildung – alles »für die Katz«. Worte, Worte, Worte.

erfahrung Nicht ganz, denn zum Beispiel Selen­skyjs Ukraine sowie Israel und die Mehrheit der jüdischen Welt verstehen aus leidvoller Erfahrung in der Tradition des vortalmudischen Rabbis Hillel: »Wenn ich mir nicht helfe, wer dann? Und wenn nicht jetzt, wann dann?« Franz Kafka formulierte es brutal resignativ: »Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.« Heißt: Letztlich kann sich sowohl ein Individuum, Kollektiv oder Staat nur auf sich selbst verlassen.

Gelernt haben die wenigsten aus Geschichte und Erinnerung.

Ob dieser angewandten Lehre aus der Geschichte wurden Juden und Israel seit Jahrzehnten, weil von einem skeptisch-pessimistischen Menschenbild ausgehend, als menschenverachtend, hartnäckig rückwärtsgewandt und friedensfeindlich gebrandmarkt. Rechtfertigen Russlands Aggressionen von 2022, seit 2015 (Syrien), 2014 (Ost-Ukraine und Krim) und 2008 (Georgien), rechtfertigt »die« Geschichte das friedenslyrische Menschenbild? Es war bis zur Putin-Aggression vom 24. Februar ein vor allem in Deutschland selbst entlastender Wiedergutmachungs-Wunschtraum nach deutscher Verbrechensvergangenheit.

Wie seit Jahrzehnten Israel es tut, bittet, ja fleht Selenskyjs Ukraine geradezu um Hilfe zur Selbstverteidigung. Sie ist bestenfalls begrenzt, und Deutschland liefert, wenn überhaupt, Schrottwaffen. Sterben »dürfen« die Ukrainer alleine. Die Welt schaut zu und weint. Nicht anders als »damals«. 1933 bis 1945. Die Nachgeborenen fragten: »Wie konntet ihr zuschauen und nichts tun? Schämt ihr euch nicht?«

öl und gas Schämen sich die Nachfahren heute mehr als ihre Vorfahren? Frankreich 1939/40: »Sterben für Danzig? Non!« Keiner verlangt heute vom Westen, für die Ukraine zu sterben. Helfen soll er. Deutschland spendet (als Ablasshandel?) Geld, ist nett zu Flüchtlingen, ohne (wie seit 2015) Polen zu beschimpfen, das viel mehr Flüchtlinge aufnimmt. Als wäre nichts geschehen, bezieht und bezahlt Deutschland Öl und Gas aus Russland. Ukrainisches Blut für russisches Öl und Gas zum Wohle Deutschlands.

Letztlich kann sich ein Individuum, Kollektiv oder Staat nur auf sich selbst verlassen.

Appeasement, eine Politik des Nachgebens und Abwiegelns, genießt zu Recht nach dem britischen Premier Chamberlain, seinem französischen Kollegen Daladier und der Münchener Konferenz vom September 1938 einen schlechten Ruf. Doch unterscheidet sich die Weigerung der Merkel- und der Ampel-Regierung wirklich so sehr von jenen beiden historischen Negativfiguren?

Selenskyj – er personifiziert eine neue Ukraine. Die alte Ukraine war zutiefst und militant antisemitisch. Heute ist der »Jude Selenskyj« ukrainische Ikone. Noch mehr als 2019, als er von 73 Prozent der Ukrainer zum Präsidenten gewählt wurde.

Wladimir Putin personifiziert sowjetische, Stalin’sche, Kontinuität gegenüber der Ukraine. Stalin ließ von 1929/32 bis 1933 rund sieben Millionen Ukrainer im »Holodomor« aushungern. Beim zweiten (nach dem deutschen eigentlich dritten) Völkermord an den Ukrainern schaut Deutschland weinend zu.

völkermord Stichwort »Völkermord«. Manche vergleichen das jetzige Schicksal der Ukrainer mit dem der Juden Europas im Holocaust und setzen es sogar gleich. Auch Selenskyj in seiner Rede an Israels Politik und Gesellschaft am Sonntagabend. Da ihm und seinen Landsleuten das Wasser bis zum Halse steht, ist diese Sicht emotional verständlich. Trotzdem ist sie falsch. Ja, die Juden waren, die Ukrainer sind schuldlose Opfer. Doch da endet die Gemeinsamkeit und Vergleichbarkeit, denn: Die Schoa war ein einzigartiger Völkermord, weil die sechs Millionen (!) jüdischen Opfer völlig wehrlos waren.

Bietet der Internationale Gerichtshof als Institution des Völkerrechts Hoffnung? Ja, bei der internationalen Bekämpfung der Blattlaus.

Dieses deutsche Credo hat die Qualität Trump’scher Fakes: Wider die historischen Fakten setzen die Bundesregierungen seit Jahrzehnten auf die friedensstiftende Kraft der UNO und – künftig auch für die Ukraine? – der UN-Friedenstruppen. Diese sind seit jeher in Nahost und jetzt in Afrika (Kongo, Zentralafrikanische Republik) das neue Problem und nicht die Lösung. Sie rauben, morden und vergewaltigen selten weniger als die örtlichen Kriegsparteien – oder wurden, wie 1967 vor dem Sechstagekrieg oder 1994 vor dem Völkermord in Ruanda, abgezogen.

Bietet der Internationale Gerichtshof als Institution des Völkerrechts Hoffnung? Ja, bei der internationalen Bekämpfung der Blattlaus. »Und die Moral von der Geschicht’?« Geschichten und Pseudo-Geschichte sind keine Geschichte. Aber auch Historikern gegenüber ist Skepsis angebracht, denn auch sie brechen oft die Regeln und Methoden ihres eigenen Faches. Mit Sicherheit sind auch Historiker nicht die oberste Instanz der Geschichte.

Der Autor ist Historiker und Hochschullehrer des Jahres 2017. Sein neuestes Buch »Eine andere Jüdische Weltgeschichte« erscheint am 11. April.

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