Rosch Haschana

Neue Herausforderung

Flüchtlingshilfe: Mitzvah Day im vergangenen November in Berlin Foto: Marco Limberg

Ein junger Mann, 16 Jahre alt, flüchtet 2015 ohne Eltern aus Afghanistan nach Deutschland. Er kommt in einem Flüchtlingsheim für unbegleitete Minderjährige unter, stellt Antrag auf Asyl. Er lernt Deutsch, besucht die Mittelschule, vom Heim wechselt er in eine Pflegefamilie, macht ein Praktikum und hat Aussicht auf eine Lehrstelle. Geglückte Integration?

Eines Abends besteigt dieser junge Mann in der Nähe von Würzburg einen Regionalzug und greift fünf Menschen mit einer Axt und einem Messer an. Er verletzt sie schwer. Später ergeben die Ermittlungen, dass er im Auftrag des IS gehandelt hat.

bilanz Das Attentat von Würzburg im Juli hat uns alle tief erschüttert. Es hat Gewissheiten infrage gestellt und neue Unsicherheiten hervorgerufen. Wenn wir am Ende dieses Jahres Bilanz ziehen, dann gehört dieses Attentat zu den ganz bitteren Momenten. Denn der Attentäter war offensichtlich gut betreut. Mehr kann ein Sozialstaat plus ehrenamtliche Helfer wohl nicht für einen Menschen in seiner Situation tun. Niemand in seinem Umfeld bemerkte, wie radikal der junge Mann dachte. Und dann dieses Ergebnis.

Seit dem immensen Zustrom von Flüchtlingen im Jahr 2015 haben wir uns gefragt, wie sich diese neue Situation auf unser Land auswirken wird. Viele Mitglieder unserer jüdischen Gemeinschaft teilten mit mir die Sorge, die Flüchtlinge könnten einen handfesten Antisemitismus mitbringen. Diese Sorge ist auch nicht unbegründet. Allerdings können wir – erleichtert – feststellen: Bisher ist uns kein antisemitischer Übergriff durch Flüchtlinge bekannt geworden.

Doch die zunächst nur sehr leise gestellte Frage, ob mit den Flüchtlingen auch Terroristen nach Deutschland eingeschleust würden, stellt sich seit Würzburg und seit der Festnahme von Syrern in den vergangenen Tagen lauter. Ob bereits als Terrorist eingeschleust oder erst in Deutschland radikalisiert – befinden sich unter den Flüchtlingen tickende Zeitbomben?

vorurteile Ohne irgendetwas verharmlosen zu wollen – wir dürfen jetzt nicht in Panik verfallen! Die Flüchtlinge sind in ganz großer Mehrheit friedliche und häufig zurückhaltende Menschen, die nach schrecklichen Erlebnissen zaghaft versuchen, bei uns Fuß zu fassen. Sie sind keine Terroristen. Und sie wollen auch kein Mullah-Regime in Deutschland errichten. Zwar versuchen rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien wie NPD und AfD, uns genau dies einzureden. Wahr wird es deshalb nicht. Gerade wir Juden wissen, was Vorurteile und pauschale Diffamierungen einer ganzen Gruppe bedeuten und wohin sie führen können. Deshalb müssen wir diesen politischen Tendenzen entgegenwirken. Im Kleinen und im Großen.

Im Kleinen geschieht dies an vielen Orten, ohne viel Wirbel darum zu machen. Weiterhin engagieren sich jüdische Gemeinden, Organisationen oder auch kleinere Gruppen in der Flüchtlingshilfe. Das beobachte ich mit großem Respekt und Bewunderung. Genau mit solchen Aktivitäten können wir viel bewirken, um Flüchtlinge an unsere Gesellschaft und unsere Werte heranzuführen sowie Vorurteile gegen Juden abzubauen. Über den Mitzvah Day Deutschland hat der Zentralrat der Juden im vergangenen November und das ganze Jahr über einige dieser Projekte unterstützt. Auch beim Mitzvah Day 2016, am 13. November, wird es mit Sicherheit wieder Aktionen für Flüchtlinge geben.

Darüber hinaus hat der Zentralrat der Juden gemeinsam mit den beiden christlichen Kirchen und muslimischen Verbänden das interreligiöse Projekt »Weißt du, wer ich bin?« neu belebt. Dabei können interreligiöse Flüchtlingsinitiativen mit bis zu 15.000 Euro gefördert werden.

rechtspopulisten Zur Bekämpfung der Rechtspopulisten im Kleinen muss die Auseinandersetzung im Großen kommen. Das erscheint momentan fast schwieriger. Viele Anhänger von AfD, Pegida und Co. sind offenbar für die etablierten Parteien kaum noch erreichbar. Die Zivilgesellschaft mit ihren zahlreichen Verbänden, Vereinen und Organisationen muss daher ihren Beitrag leisten. Als Zentralrat der Juden lassen wir keine Gelegenheit ungenutzt, um auf die Gefahren von Rechts aufmerksam zu machen. Denn wir beobachten auch einen wachsenden Antisemitismus. Deshalb geht uns die politische Entwicklung in diesem Land direkt an.

In unserem Wahlverhalten können wir ebenfalls dem Rechtsruck entgegensteuern. Anbiederungsversuche der AfD an unsere Gemeinden dürfen keinen Erfolg haben! Wer noch Zweifel hat, wie die AfD zur jüdischen Gemeinschaft in Deutschland steht, der verfolge bitte die Vorgänge im baden-württembergischen Landtag, wo die AfD-Fraktion nicht willens war, sich geschlossen gegen einen Holocaust-Relativierer in ihren Reihen zu stellen.

zusammenhalt Es ist nicht zu leugnen: Im neuen Jahr stehen uns große Aufgaben bevor. Die politische Lage ist für die jüdische Gemeinschaft nicht einfacher geworden. Umso wichtiger sind jetzt unser Zusammenhalt und unsere Stärke. Einen Beitrag dazu wird im Dezember unser Gemeindetag leisten, zu dem ich Sie alle herzlich einlade.

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und Freunden einen guten Start ins neue Jahr, Zuversicht und Mut, um alle Herausforderungen zu bewältigen! Ein gutes und süßes neues Jahr! Schana Towa umetuka!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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