Zentralrat

Nächste Generation

Ein Team: Der neue Zentralratspräsident Dieter Graumann (M.) und seine Stellvertreter Josef Schuster (l.) und Salomon Korn Foto: Rafael Herlich

Dieter Graumann hat in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag ge-
feiert. Bei einem Menschen sagt man, er sei in diesem Alter nicht mehr ganz jugendlich. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland kann 2010 auf 60 Jahre zurückschauen, aber für eine Institution erscheint dieses Datum weniger eindrucksvoll. Und doch sind beide Tatsachen bedeutsam. Mit der Wahl Graumanns zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland am Sonntag in Franfurt/Main steht erstmals ein Mann an der Spitze dieser Organisation, der das Grauen der Schoa nicht selbst erlebt hat. Auch Josef Schuster (56), neben Salomon Korn (67) einer von Graumanns Stellvertretern, ist nach dem Holocaust geboren. Die Ratsversammlung der 90 Gemeindedelegierten erlebt somit einen Generationswechsel.

Jugendlich dynamisch geht Graumann seine Aufgabe an, zunächst noch – neben Salomon Korn – als Mitgastgeber dieser historischen Ratsversammlung und dem traditionellen Festessen am Vorabend. Als Finanzdezernent stellt er am Sonntag mit Verve den Wirtschaftsplan für 2011 vor.

Frisch in die Zukunft zu blicken, ist wohl eine der am häufigsten gehörten Wendungen an diesen beiden Tagen. Auch wenn der Vorsitzende des Landesverbandes Hessen, Moritz Neumann, beim Festessen zunächst einmal einen launigen Rückblick auf die Geschichte des Zentralrats hält: ein ganzes Menschenalter, mit Höhen und Tiefen sowie Erschütterungen, die geistvolle, mahnende und charismatische Persönlichkeiten wie Heinz Galinski, Kurt Lewin oder Ignatz Bubis hervorgebracht hat. Vor allem Bubis, nach dem das von Salomon Korn erbaute Haus seit einigen Jahren benannt ist, wird häufig erwähnt, gilt er doch als der Weichensteller hin zu einem Judentum der Begegnung, zum Anfassen.

Sympathie Die scheidende Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch unterdes pflegt ihren bewährten Stil. Jeden einzelnen Gast des Samstagabendessens begrüßt sie mit Handschlag, fragt freundlich, ja freundschaftlich nach dem Befinden und setzt sich an den Präsidententisch. Präsent und doch unaufdringlich, dezent gekleidet in einem mittelgrauen Kostüm hört sie zu, bedankt sich und ist sichtlich bewegt über die Dankesworte des zu erwartenden Nachfolgers, Dieter Graumann, der sie als »wunderbare Frau, mit Autorität, Authentizität und Gefühl« charakterisiert. »Durch Sie haben wir viele Menschen und Sympathien gewonnen«, betont Graumann, der oftmals dabei auch in ein vertrauliches Du verfällt.

Dynamisch, jugendlich, zukunftsorientiert. So präsentiert sich auch die Sitzung am nächsten Tag am gleichen Ort. Zügig geführt vom Tagespräsidium, bestehend aus Abi Pitum, Jacques Abramowicz und Esther Haß, gibt es kaum Widerspruch. Selbst Charlotte Knobloch scheint davon angesteckt, als sie ihren Rechenschaftsbericht vorträgt. Probleme wie Antisemitismus oder die atomare Bedrohung aus dem Iran bleiben. Doch auch Knobloch betont immer wieder, dass die jüdische Gemeinschaft in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. Wichtig erscheinen ihr, und dies schreibt sie dem jüngeren Nachfolger beinahe ins Stammbuch, die Begegnungen mit möglichst vielen Menschen in den Gemeinden und außerhalb. Vor allem aber, und dessen ist sich auch ihr Nachfolger bewusst, der Dialog und die Begegnung mit der Jugend.

Knoblochs Tenor ist positiv. »Unsere Erfolge sind mit Händen zu greifen.« Dies sind die Synagogen, aber auch Schulen und weitere Bildungseinrichtungen, wie etwa die Rabbinerausbildungsstätten, liberal und orthodox. Mit sichtbarem Erfolg, wie die fünf Ordinierungen in diesem Jahr zeigen. Die 78-Jährie straft auch diejenigen Lügen, die ihr vorgeworfen haben, zu oft den moralischen Zeigefinger zu heben. »Eine Holocaust-Nische gab es nicht und wird es nicht geben«. Und den Staffelstab an den Jüngeren überreichend betont sie: »Wir dürfen den Fokus nicht mehr nur auf das Überleben, sondern müssen ihn auf das Hier und Jetzt richten.

Partner Der einzige Weg, verlässliche Partner zu finden,
Der anstehende Wechsel von den Schoa-Überlebenden hin zu der Nachfolgegeneration ist auch beherrschendes Thema aller Grußworte. Den Beginn macht der Gesandte des Staates Israel in Deutschland, Emmanuel Nashon. Für die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland spricht Avichai Apel, für die Allgemeine Rabbinerkonferenz Henry G. Brandt. Die Union Progressiver Juden in Deutschland wird durch ihren Vorsitzenden Jan Mühlstein vertreten. Joshua Spinner vom Rabbinerseminar Berlin und Walter Homolka vom Abraham-Geiger-Kolleg grüßen.

In die guten Wünsche für die scheidende und kommende Leitung des Zentralrats mischt Landesrabbiner Brandt eine Mahnung und benutzt dazu ein Bild aus der Seefahrt: In einem Hafen läuft ein neu gebautes wunderschönes Segelschiff aus und wird von Tausenden Menschen bejubelt. Der weise Mann aber geht mit den Seinen in einen anderen Teil des Hafens, wo ein altes Schiff, mit vom Sturm zerzauster Takelage seine wertvolle Fracht sicher nach Hause bringt. «Das neue Schiff muss sich noch im Sturm bewähren, das alte hat die Taifune des Lebens überstanden und seine Fracht befördert.» Dank und Segenswünsche gehen an die scheidende Präsidentin und an die neu zu wählende Führungsriege. 90 Delegierte erheben sich aus Respekt vor der Leistung Knoblochs und applaudieren.

Doch davor steht noch etwas Arbeit. Entscheidender Punkt: der Haushaltsplan für das kommende Jahr, der erstmals in neun Jahren für 2011 nicht ausgeglichen ist. Vor allem fehlende Erträge der infolge der Wirtschaftskrise dramatisch gesunkenen Zinssätze sind für Mindereinnahmen verantwortlich, erklärt Graumann. Bei fünf Enthaltungen wird der Entwurf dennoch mehrheitlich angenommen.

Nach vier Jahren steht die Wahl des gesamten Präsidiums an. Dabei werden aus den Reihen der Delegierten drei Mitglieder bestimmt. Bei seiner anschließenden Sitzung wählt das Direktorium des Zentralrats aus seinen Reihen weitere sechs Präsidiumsmitglieder. Während sich die Delegierten neben Salomon Korn (Frankfurt) und Josef Schuster (Würzburg) knapp gegen den vierten und jüngeren Jacques Abramowicz (Düsseldorf) und für den 63-jährigen Küf Kaufmann (Leipzig) entscheiden, votiert das Direktorium für die jüngere Kandidatin Vera Szackamer aus Mün- chen, die an die Stelle des 76-jährigen Heinz-Joachim Aris (Dresden) tritt. Das Präsidium hat damit zwei neue Gesichter, und außer Salomon Korn sind alle Mitglieder nach der Schoa geboren.

Manöver Nach 60 Jahren hat die Nachfolgegeneration die Führung der Organisation übernommen und will für ein dynamisches und vor allem pluralistisches Juden- tum stehen, wie der neue Präsident nicht müde wird zu betonen. Aber schließlich ist es auch sein Verdienst, die Union progressiver Juden Deutschlands ins Beiboot des Zentralrats geholt zu haben sowie die Ausbildung orthodoxer wie nichtorthodoxer Rabbiner zu unterstützen.

Eine Vorleistung, die dem eloquenten 60-Jährigen bereits jetzt gedankt wird. Das neue Schiff durch die Stürme fehlender Zuwanderung und niedriger Geburtenraten, der Rentenverhandlungen für die Zuwanderer und der antisemitischen und israelfeindlichen Strömungen zu manövrieren, ist nun Graumanns Aufgabe und die seiner beiden Vize Josef Schuster und Salomon Korn.

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