Interview

»Nachhaltige Erinnerung«

Kai Diekmann, Vorsitzender des »Freundeskreises Yad Vashem« Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Interview

»Nachhaltige Erinnerung«

Kai Diekmann über 25 Jahre »Freundeskreis Yad Vashem« und neue Formen des Gedenkens

von Detlef David Kauschke  31.08.2022 23:14 Uhr

Herr Diekmann, der »Freundeskreis Yad Vashem« wurde 1997 gegründet. Was bedeutet Ihnen jetzt dieser 25. Jahrestag?
Der Jahrestag ist kein Feiertag, ganz im Gegenteil: Uns allen wäre lieber, es bräuchte diesen Freundeskreis und den Anlass für dessen Gründung nicht, nämlich das ungeheure Verbrechen an den Juden, das von Deutschen begangen wurde. In der weltweiten Gemeinschaft von Freundeskreisen ist der deutsche mit 25 Jahren einer der jüngsten. Aber in keinem anderen Land ist die Erinnerung so wichtig. Die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten, ist das Anliegen, dem wir uns verpflichtet haben.

Wie werden Sie dem Anliegen gerecht?
Erinnerung kann rational und analytisch sein, wie beispielsweise die an den Ersten Weltkrieg. Der Holocaust ist etwas anderes. Er war der Zivilisationsbruch schlechthin. Ich halte es daher für unglaublich wichtig, dass die Erinnerung daran wirklich lebendig bleibt und nicht in einer Schublade verschwindet.

Wie ist das zu erreichen?
Helmut Kohl hat immer davon gesprochen, dass man Geschichte in Geschichten erzählen muss. Damit werden nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen erreicht. Nun kann niemand die Geschichten besser erzählen als die Überlebenden, die Zeugnis davon ablegen, was sie erfahren und erlebt haben. Es gibt immer weniger Zeitzeugen, und in naher Zukunft wird es überhaupt keine mehr geben. Nun geht es darum, eine neue Art des Erinnerns zu finden. Das ist eine große Herausforderung, vor der wir stehen.

Wie soll diese neue Art des Erinnerns aussehen?
Unsere Aktion »Licht zeigen« war ein Beispiel dafür: Im Mittelpunkt standen der Chanukkaleuchter der Kieler Familie Posner und das Foto davon. Das Anliegen war, die Geschichte dieses Bildes, des Leuchters und der Familie zu erzählen und dies in den regionalen Kontext und den historischen Kontext zurückzubringen. Tausende von Auf-
klebern des Leuchters wurden an Fenster geklebt und unter dem Hashtag #LichtZeigen in den Sozialen Medien geteilt. Die Aktion hat eine nachhaltige Erinnerung ausgelöst.

Am kommenden Sonntag wird der 25. Jahrestag mit einer Gedenkveranstaltung in Berlin begangen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat sein Kommen kurzfristig angekündigt. Hat das aktuelle Gründe?
Wir leben in Zeiten, in denen eine Planbarkeit von Terminen und Ereignissen schwierig geworden ist. Der Bundeskanzler war seit Langem eingeladen. Wir freuen uns sehr über seine Zusage. Sie ist auch ein Hinweis auf die Bedeutung von Yad Vashem und der Arbeit des Freundeskreises. Ich glaube, dass es für Scholz eine gute Gelegenheit ist, an dieser Stelle eine klare Positionsbestimmung vorzunehmen – wobei ich an der Haltung der Bundesregierung und des Bundeskanzlers überhaupt keine Zweifel habe.

Mit dem Vorsitzenden des »Freundeskreises Yad Vashem« sprach Detlef David Kauschke.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Brüssel

Überwachungsbehörde nimmt Europapartei der AfD ins Visier

Verstößt die Europapartei, zu der auch die »Alternative« gehört, gegen Grundwerte der EU? Die zuständige Behörde sieht Hinweise auf problematisches Vorgehen in Mitgliedsparteien. Kommt ein Verfahren?

von Valeria Nickel  29.05.2026

Beirut

Entwaffnung der Hisbollah - ein unmögliches Unterfangen?

Seit mehr als zwei Jahren attackiert die Hisbollah Israel. Die Regierung in Jerusalem will eine Entwaffnung der Terrororganisation. Doch geht das?

 29.05.2026

Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Die Beziehungen zwischen Israel und dem bald aus dem Amt scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres sind auf einem neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen

von Michael Thaidigsmann  29.05.2026

Kiel

Mehr als 400 antisemitische Vorfälle im Norden gemeldet

»Die massiven Konsequenzen (...) sind Ausdruck eines wachsend gesamtgesellschaftlich antisemitischen Grundrauschens, das wir seit 2023 beobachten müssen«, so die Dokumentationsstelle Antisemitismus

 29.05.2026

New York

Streit um Bericht zu sexueller Gewalt: WJC kritisiert UN scharf

Narrative, die Israel pauschal delegitimierten, seien problematisch, so der Jüdische Weltkongress. Die ursprünglichen Gründungsideale der Vereinten Nationen müssten wieder in den Mittelpunkt rücken

 29.05.2026

Interview

»Ohne den Mossad wäre ich vermutlich schon unter der Erde«

Das iranische Regime wollte Volker Beck ermorden lassen. Im Gespräch erzählt der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, wie der Anschlagsplan sein Leben verändert hat und was sich seiner Meinung nach nun ändern muss

von Leon Stork  29.05.2026

Berlin

Gutachten zweifelt an Vorstoß gegen Leugnung des Existenzrechts Israels

Hessen will über den Bundesrat erreichen, dass die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe gestellt wird. Ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag erhebt Bedenken

 29.05.2026

Colorado Springs

JD Vance: USA und Iran kurz vor Einigung

Es sei noch zu früh, um zu sagen, »wann oder ob« die USA und der Iran die Verhandlungen erfolgreich abschließen könnten, sagt der Vizepräsident

 29.05.2026

Toronto

Vermisste 14-Jährige Esther wohlbehalten aufgefunden

Das jüdische Mädchen ist wieder bei seiner Familie. Die Jugendliche wurde in einem Wohnhaus entdeckt

 29.05.2026