S-Bahn-Anschlag

Motiv: Judenhass

Juli 2000, Düsseldorf-Wehrhahn: Zehn jüdische Sprachschüler wurden durch eine Rohrbombe schwer verletzt. Foto: ullstein bild - AP

Zehn zum Teil lebensgefährlich Verletzte und ein totes ungeborenes Kind. Das war das Ergebnis des Rohrbombenanschlags auf eine Gruppe von Sprachschülern am 27. Juli 2000 am S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn. Sechs der Opfer waren Juden, sogenannte Kontingentflüchtlinge aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

In Düsseldorf steht seit zwei Wochen Ralf S. vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ex-Soldaten und gescheiterten Militariahändler in einem Indizienprozess versuchten Mord in zwölf Fällen vor und geht dabei von »fremdenfeindlichen Motiven« aus. Dem Angeklagten, der die Tat bestreitet, droht eine lebenslange Haftstrafe. Unklar ist bislang, ob der Anschlag einen antisemitischen Hintergrund hatte – und ob es Mitwisser in der Neonaziszene gab.

Rückblick Um das Jahr 2000 war in Düsseldorf »eine Neonaziszene sehr aktiv, die sich deutlich antisemitisch geäußert hat«, erinnert sich der Rechtsextremismusexperte Alexander Häusler in der »Rheinischen Post«. Der Militarialaden von Ralf S. soll ein Treffpunkt auch für militante Neonazis gewesen sein, »wo sich die seinerzeit sehr umtriebige rechtsextreme Szene Düsseldorfs mit Nazi-Musik und Kampfanzügen eindeckte«, wie die »Rheinische Post« schreibt. In abgehörten Gesprächen nach dem Anschlag bestritt Ralf S., ein Neonazi zu sein.

Allerdings ahnte er da bereits, dass die Telefonate mitgeschnitten wurden, wie er jetzt vor Gericht angab. Sven Wolf (SPD), Vorsitzender des inzwischen abgeschlossenen NSU-Untersuchungsausschusses des NRW-Landtags, rechnet den Angeklagten der rechten Szene zu.

Für die »Süddeutsche Zeitung« wird aus den ersten Pro­zess­tagen deutlich, dass S. »seinerzeit eine aggressiv ausländerfeindliche und antisemitische Gesinnung vertrat«. Bekannte schildern ihn den Ermittlern gegenüber als rassistischen Hetzer. In Telefongesprächen fielen Sätze wie: »Es ist mir scheißegal, ob hier ein paar Türken oder Griechen verbrennen.«

In dieser Szene existierte eine »Kameradschaft Düsseldorf«, aus deren Dunstkreis heraus auch ein »nationales Infotelefon« betrieben wurde: eine Informations- und Koordinationsstelle für die rechtsextreme Szene.

Neonazis Die Ermittler hatten kurz nach der Tat das Telefon von Ralf S. abgehört. Sie können nachweisen, dass S. mit stadtbekannten Neonazis telefonierte. Ralf S. soll auch mehrfach bei diesem »Infotelefon« angerufen haben.

Der damals 34-Jährige war im Stadtteil als »Sheriff von Flingern« bekannt: In Militärklamotten ging er, seinen Rottweiler an der Leine, regelmäßig auf »Patrouille«. In der rechten Szene galt Ralf S. als schwieriger Charakter. Ein V-Mann des Verfassungsschutzes, der auf die Düsseldorfer Neonazi­szene angesetzt war, arbeitete kurzzeitig als Wachmann für einen Sicherheitsdienst, den Ralf S betrieb. Man zerstritt sich. Gegenüber der Polizei beschrieb der V-Mann, der sich nicht als solcher zu erkennen gab, Ralf S. im Jahr 2000 als »verrückt« und »arrogant«.

Den Anschlag habe er ihm nicht zugetraut. Damit bestätigte der V-Mann die damalige Einschätzung der Ermittler.
Auch äußerlich soll Ralf S. aus seinen Ansichten keinen Hehl gemacht haben: Er soll nach Medienberichten eine Tätowierung tragen, die ein Hakenkreuz und die Wewelsburg zeigt.

Die Wewelsburg hat in der Neonaziszene Kultstatus: SS-Chef Heinrich Himmler wollte die Burg bei Paderborn zu einem Refugium führender SS-Leute machen. Ralf S. hatte Anfang 2000 einen Offenbarungseid abgelegt, sein Militaria­laden warf viel zu wenig ab, um seine Schulden zurückzahlen zu können. Die Schuld an seinem Scheitern suchte der Ex-Zeitsoldat offenbar bei Zuwanderern wie den Kontingentflüchtlingen. Womit er in der Szene nicht allein war.

drohungen Sein Militarialaden lag schräg gegenüber dem Gebäude, in dem die Sprachschüler unterrichtet wurden. Er muss sie häufig gesehen haben. Reibereien zwischen den Sprachschülern und örtlichen Neonazis hatte es offenbar schon etwa ein halbes Jahr vor dem Anschlag gegeben.

Zwei junge Männer mit kurzgeschorenen Haaren in langen Ledermänteln – vom Aussehen her rechte Skinheads – sollen sich mehrfach mit Hunden drohend am Eingang der Schule postiert haben. Nach zwei Wochen demonstrierten die Schüler Stärke: Mit verschränkten Armen zeigten sich etwa 20 von ihnen an den Fenstern des ersten Stocks, sodass die Rechtsextremen sie sehen konnten. Diese Drohgebärde und ihre eigene zahlenmäßige Unterlegenheit verstanden die Rechten. Sie seien daraufhin in den Militaria­laden geflüchtet.

Im Jahr 2014 soll Ralf S. einem Mithäftling in der JVA Castrop-Rauxel von diesem Ereignis erzählt und gesagt haben, denen habe er es »mal richtig gezeigt«.

Während der ersten Prozesstage verwickelte sich der Angeklagte in Widersprüche, was seine Fähigkeiten zum Bau einer ferngezündeten Rohrbombe angeht. Gegenüber dem Gericht stritt er ab, über eine entsprechende Ausbildung aus seiner Bundeswehrzeit zu verfügen. In abgehörten Telefonaten hatte er jedoch in Sachen Umgang mit Sprengstoff erklärt: »Ich bin der einzige, der hier wohnt und die Ausbildung hat.«
Der Prozess ist zunächst bis Mitte Juli angesetzt.

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026

Auschwitz-Birkenau

Romani Rose: Gewalt gegen Sinti und Roma nimmt zu

Zum europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma warnt der Vorsitzende deren Dachorganisation, Mitglieder der Minderheit seien wieder mehr Anfeindung ausgesetzt

 02.08.2026

Berlin

Nach CSD-Anschlag: Union will Tempo machen für schärfere Gesetze

Der Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days in der Hauptstadt löste eine Debatte darüber aus, ob bestehende Gesetze ausreichen. Eine Umfrage ergibt: Das Sicherheitsgefühl ist bei vielen Bürgern gesunken

 02.08.2026

Brandenburg

Gedenkführungen zu NS-Verbrechen gegen Sinti und Roma

Hunderttausende Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Zwei KZ-Gedenkstätten wollen heute mit Führungen an die Opfer erinnern

 02.08.2026

Washington D.C.

Trump: Angriffe auf Iran abgesagt - »Umrisse einer Einigung«

Das US-Militär stand Berichten zufolge kurz vor einer massiven Angriffswelle auf Ziele im Iran. Nun will der US-Präsident anscheinend darauf verzichten

 02.08.2026 Aktualisiert

Nahost

Nach Berichten über US-Angriffspläne: Teheran droht Nachbarländern, greift Ziele in Kuwait an

Irans Außenminister Abbas Araghtschi droht, die schlagkräftigen Streitkräfte seines Landes würden auf jeden »Akt der Aggression« entschlossen reagieren

 02.08.2026

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und Europas Handlungsfähigkeit

von Michael Thaidigsmann  01.08.2026

Ankaras Machtfantasien

Wie die türkische Führung von der Eroberung Jerusalems träumt

von Eren Güvercin  01.08.2026

Meinung

Die Vereinten Nationen und ihre obsessive Fixierung auf den jüdischen Staat

Warum der Staatengemeinschaft ihre Heuchelei und Doppelmoral eher früher als später zum Verhängnis werden wird

von Daniel Neumann  01.08.2026