Perspektive

Modell Europa

Jüdisches Europa Foto: cc, (M) Frank Albinus

Im 19. Jahrhundert machten sich viele Juden in Mittel- und Osteuropa auf und verließen ihre Heimat für immer. Die einen nach Westen, die anderen nach Süden. Die einen lockte das, was sie über Amerika gehört hatten. Im Land der Freiheit konnten Juden auf die Art Juden sein, die ihnen am besten gefiel. Die nach Süden gingen, wählten den Zionismus, um ein Gemeinwesen aufzubauen, in dem der Staat selbst jüdisch sein würde.

Diese zwei radikal unterschiedlichen Antworten auf die Frage, wie man in der modernen Welt als Jude leben soll, kann man auch Privatisierung und Nationalisierung nennen. Beide haben ihre Stärken und Schwächen. Privatisierung gibt dem Individuum absolute Freiheit und setzt alle Arten unternehmerischer Kreativität frei; doch sie untergräbt das Gefühl für gegenseitige Verpflichtung und die Verantwortung für das Ganze.

Nationalisierung hingegen stellt ein Sicherheitsnetz zur Verfügung und bietet allen einen festen Rahmen. Doch sie nimmt dem Einzelnen das Gefühl für die eigene Verantwortung, etwas zu bewirken. Und bald wird allgemein angenommen, der Staat allein trage die Verantwortung dafür, dass etwas geschieht und Dinge zu Ende gedacht werden.

Konsens Nach der Schoa blickten beide Gruppen – amerikanische Juden und Israelis – auf die Ruinen des europäischen Judentums zurück, das sie zurückgelassen hatten, und fühlten sich in ihrer Überzeugung bestärkt, das jüdische Leben in Europa sei dem Untergang geweiht. In den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten war es Konsens, dass das jüdische Leben zwei Zentren habe – Amerika und Israel.

Anderenorts könne es nur existieren, indem es aus einem dieser beiden Zentren Stärke und Energie zog. Tatsächlich projizierte jedes der beiden Zentren seine eigenen Vorstellungen auf Europa. Das American Joint Distribution Committee propagierte eine säkularisierte, wohlfahrtsorientierte, kulturelle Form von jüdischer Gesellschaft, während die Jewish Agency zur Alija aufrief und auf ein jüdisches Leben abzielte, das einzig und allein um Israel kreiste.

Doch die Zentren Amerika und Israel haben mittlerweile selbst Probleme: In den USA ergab kürzlich die bis dato um-
fassendste Umfrage unter amerikanischen Juden, dass der Verlust des jüdischen Selbstverständnisses ein schockierendes Niveau erreicht hatte. In Israel belegte ein Regierungsbericht einen ebenso schockierenden Mangel an Wissen über jüdische Werte oder Bräuche und auch nur der lockersten kulturellen Bindung an sie.

Zukunft Jahrzehntelang waren sich die zwei selbstbewussten jüdischen Zentren – Amerika und Israel – sicher gewesen, sie allein könnten den Weg in die Zukunft weisen. Mit einem Mal sehen sie, dass das womöglich nicht stimmt und dass das arme alte Europa Wissen von etwas besitzt, das sie vergessen hatten.

Denn eine jüdische Welt, die entweder nur auf dem Individuum oder dem Staat aufgebaut ist, kann nicht funktionieren. Das uralte, in Europa noch immer lebendige Modell der »Gemeinde« weist dagegen einen Weg in die Zukunft.

Gemeinde heißt hier Einheitsgemeinde, die Juden aller religiösen und anderer Richtungen unter einem Dach versammelt, also auch die Menschen einschließt, die man vielleicht nicht mag und mit denen man nicht einer Meinung ist. Für Juden in Europa ist es selbstverständlich, dass sie eine eigene ethnische Gemeinschaft sind, die sich selbst vertreten muss. Die Verortung religiöser Gemeinden im europäischen Leben gibt den Juden die Gewissheit, dass sie als Juden gehört werden – und fordert sie auf, sich im Religiösen von anderen zu unterscheiden. Das ist ein Aspekt, der weder in Israel noch Amerika eine Selbstverständlichkeit ist.

Europa hat also fast durch Zufall einen dritten Weg zwischen Individualisierung nach amerikanischer und Nationalisierung nach israelischer Manier gefunden.

Einfluss Leider ist dieses Modell für uns so selbstverständlich, dass wir seine Bedeutung oft nicht erkennen. Vielleicht stehen wir auch noch immer zu sehr unter dem Einfluss der lauteren und selbstbewussteren Stimmen aus Israel und Amerika. Auch ist unsere Perspektive oft so sehr national verengt, dass wir das, was am gesamteuropäischen Judentum gut ist, nicht in Gänze sehen können.

In Israel und den Vereinigten Staaten ist man da zum Teil schon weiter. Limmud zum Beispiel wurde in Großbritannien entwickelt, und ist inzwischen nicht nur in Kontinentaleuropa verankert, sondern auch dabei, Amerika zu »erobern« und allmählich sogar in Israel Fuß zu fassen. In beiden Ländern heißt es, dieses Lernprogramm, bei dem sich Juden aller religiöser und politischer Richtungen treffen, werde gebraucht, weil es vor Ort nichts Vergleichbares gebe.

Vielleicht also wird das wacklige zweibeinige Konstrukt des weltweiten Judentums am Ende doch noch zu einem stabilen dreibeinigen. Die einzige Frage, die noch der Beantwortung harrt: Sind Europas Juden bereit, ihren Platz am globalen Tisch einzufordern und einzunehmen?

Der Autor ist Mitbegründer der Limmud-Bewegung und lebt in London.

Europäisches Parlament

»Auschwitz ist eine Fälschung«: Immunität aufgehoben

Der rechtsextreme Politiker Grzegorz Braun muss sich in gleich mehreren Strafverfahren vor Gericht verantworten, unter anderem wegen Holocaustleugnung

 27.03.2026

Drohung

Katz: Israel verstärkt Angriffe im Iran

Das Vorgehen des Militärs gegen das Mullah-Regime werde nun stärker ausfallen und auf zusätzliche Ziele und Bereiche ausgeweitet, sagt der israelische Verteidigungsminister

 27.03.2026

Berlin

Tausende Straftaten bei israelfeindlichen Demonstrationen

Gewalt- und Propaganda-Delikte sowie Volksverhetzung in Hunderten Fällen wurden registriert

 27.03.2026

Berlin

Demonstration gegen Auftritt von Francesca Albanese

»Wer das Existenzrecht Israels delegitimiert und Gräueltaten rechtfertigt, darf in Berlin keine unwidersprochene Bühne erhalten«, sagen die Organisatoren der Kundgebung

von Imanuel Marcus  27.03.2026

Essay

Keine Empathie für Israel, nirgends

Was mich an der deutschen Reaktion auf den Iran-Krieg irritiert

von Ralf Fücks  27.03.2026

Kommentar

Wie mit dem Völkerrecht Israel delegitimiert wird

Der Angriff auf den Iran sei eindeutig völkerrechtswidrig, sagen zahlreiche Experten. Sie machen es sich zu einfach. Denn es spricht viel dafür, dass Israel ein Recht auf präventive Selbstverteidigung hat

von Monika Polzin  27.03.2026

Berlin

Antisemitischer Angriff in Prenzlauer Berg

Das Opfer schrieb hebräische Texte in ein Buch. Der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamts ermittelt

 27.03.2026

Analyse

Ist das wirklich nicht unser Krieg?

Ein atomar bewaffneter Iran wäre nicht nur ein Albtraum für Israel, sondern auch eine reale Bedrohung für Europa

von Roman Haller  27.03.2026

Jüdischer Wahlkämpfer

»Wer nicht kämpft, hat schon verloren«

David Rosenberg über den Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, die Niederlage seiner Partei und warum er sich gerade als junger Jude weiter politisch engagieren will

von Mascha Malburg  27.03.2026