Berlin/Oswiecim

Merkel besucht Auschwitz

Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht heute zum ersten Mal in ihrer Amtszeit das ehemalige deutsche Konzentrationslager Auschwitz. Die Kanzlerin will zunächst im ehemaligen Stammlager an der sogenannten Schwarzen Wand eine Gedenkminute abhalten. Die frühere Hinrichtungsstätte ist besonders für Polen ein wichtiger Ort der Erinnerung. Dort wurden etwa 20.000 Menschen erschossen.

Anschließend will Merkel das ehemalige deutsche Vernichtungslager Birkenau besuchen und dort in Anwesenheit des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki und weiterer geladener Gäste eine Rede halten. Danach ist ein Gang durch das ehemalige Lager geplant, in dem sich die Stätten der Massenvernichtung für Juden und Sinti und Roma befanden.

Der polnische Auschwitz-Überlebende Marian Turski wertete den Besuch der Kanzlerin als wichtige Geste.

Begleitet wird die Kanzlerin von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Christoph Heubner, geschäftsführender Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, und Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.

KOHL/SCHMIDT Merkel folgt mit ihrer Reise der Einladung der Stiftung Auschwitz-Birkenau aus Anlass deren zehnjährigen Bestehens. Der letzte Besuch eines deutschen Regierungschefs in Auschwitz ist 24 Jahre her. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) hatte 1989 und 1995 das ehemalige deutsche KZ besucht. Vor ihm war Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) 1977 an den Ort des Schreckens gereist.

Der polnische Auschwitz-Überlebende Marian Turski wertete den Besuch der Kanzlerin als wichtige Geste. Allein die Tatsache, dass Merkel dorthin fahre, habe für ihn Bedeutung, sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Warschau. »Manchmal reicht eine Geste. Wie bei Brandt, dessen Kniefall wichtiger ist als alle Reden.« Auch Polens Oberrabiner Michael Schudrich sieht in dem Besuch ein wichtiges Zeichen.

Begleitet wird die Kanzlerin von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Der 93-jährige Turski wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Der Journalist ist Mitbegründer des Museums der Geschichte der polnischen Juden in Warschau. »Angela Merkel hat sich schon oft mit großem Mut zur deutschen Vergangenheit geäußert«, sagte Turski. Für ihn sei es daher weniger entscheidend, was die Kanzlerin in Auschwitz genau sagen werde.

erwartungen Allerdings könnten viele Polen Erwartungen an eine solche Rede haben. Turski verwies auf die Reden, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Weltkriegsgedenkfeier am 1. September in Wielun und Warschau gehalten hatte. Steinmeier hatte Polen um Vergebung für die historische Schuld gebeten.

Oberrabbiner Schudrich sagte, er sei bewegt, dass Merkel nun nach Auschwitz komme. Merkel habe viel getan, um Antisemitismus und jede Form von Rassismus und Hass zu bekämpfen.

PERSÖNLICH Bundeskanzlerin Merkel verbindet eine besondere Beziehung zum Judentum und zum jüdischen Staat - persönlich wie im staatspolitischen Verständnis. »Wir haben erst spät gelernt - und ich sage das für mich auch persönlich - wie unermesslich viel Deutschland durch die Schoa verloren hat und wie viel Liebe deutscher Juden zu diesem Land unerwidert geblieben ist«, sagte sie einmal. 1991 besuchte sie erstmals Israel und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. In ihrer Amtszeit als Kanzlerin folgten weitere vier Besuche.

»Nur indem wir uns zur immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe der deutschen Geschichte bekennen, können wir unsere Zukunft menschlich gestalten«, betont Merkel.

»Für mich gilt unverrückbar: Nur in der Annahme der Vergangenheit Deutschlands liegt das Fundament für eine gute Zukunft«, betonte sie 2007 bei der Entgegennahme des Leo-Baeck-Preises, der höchsten Auszeichnung des Zentralrats der Juden in Deutschland: »Nur indem wir uns zur immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe der deutschen Geschichte bekennen, können wir unsere Zukunft menschlich gestalten.« Dabei sprach sie von ihrer persönlichen Erschütterung über den »Zivilisationsbruch der Schoa« ebenso wie über die daraus erwachsende Verantwortung für Deutschland.

BUCHENWALD Eine Konsequenz dieser Verantwortung: Merkel erklärte die Sicherheit Israels zu einem Teil der deutschen Staatsräson. 2014 ehrte Präsident Schimon Peres die Kanzlerin mit der höchsten Auszeichnung Israels, der »Ehrenmedaille des Präsidenten«.

Für ihre Bemühungen um Dialog und Versöhnung erhielt sie drei Ehrendoktorwürden israelischer Universitäten und zahlreiche Auszeichnungen jüdischer Organisationen, jüngst den Theodor Herzl-Preis des Jüdischen Weltkongresses. Den Kampf gegen Antisemitismus sieht sie als Lackmustest für die Verteidigung der Grundwerte, auf denen Deutschland und Europa fußen.

Für Merkel bleibt eine Frage zentral »Wie nehmen wir unsere historische Verantwortung wahr, wenn die Generation derer nicht mehr unter uns ist, die die Schoah selbst erlebt und überlebt hat?« Dazu gehört für sie auch die Erinnerungskultur durch den Erhalt der Gedenkstätten.

SCHÄTZUNGEN Das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im von Deutschland besetzten Polen gilt weltweit als Symbol für die Schoa. Nach Schätzungen starben dort mehr als eine Million Menschen, zumeist Juden.

Soldaten der Roten Armee befreiten das Lager am 27. Januar 1945 und fanden unter den Häftlingen noch etwa 7000 Überlebende. Die Nazis und ihre Helfershelfer ermordeten während des Holocaust insgesamt rund sechs Millionen Juden.  dpa/ag

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