Interview

»Manche Vereine haben Angst«

Von den Fans geliebt und gehasst: Seit 1984 kommentiert Marcel Reif Fußballspiele für verschiedene Fernsehsender. Foto: dpa

Herr Reif, morgen Abend beginnt die Bundesligasaison. Hat Ihnen der Fußball in den vergangenen drei Monaten gefehlt?
Jein. Die letzte Saison war extrem anstrengend, insofern war es gut, mal komplett abzuschalten. Andererseits ist kein Fußball ja auch keine Lösung. Nach ein paar Tagen Urlaub informiere ich mich deshalb schon wieder: Welcher Verein hat welchen Spieler gekauft? Welcher Verein hat welchen Spieler nicht gekauft? Und, und, und ...

Sie kommentieren seit rund drei Jahrzehnten Fußballspiele. Anfangs stießen Sie mit Ihrer Art zu berichten auf wenig Begeisterung. Warum?
Nette Umschreibung. »Der Reif spricht wunderbare politische Kommentare, aber bitte, lasst’s ihn vom Fußball weg, diesen Zauberer!«, hat Franz Beckenbauer über mich damals gleich am Anfang gesagt. Als Neuling wollte ich natürlich Duftmarken setzen und habe dabei den Bogen das ein oder andere Mal überspannt. Als ich Beckenbauers Auftritt im Fernsehen sah, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Okay, das war’s, dachte ich.

Heute sind Sie einer der populärsten Kommentatoren. Zugleich werden Sie von vielen Fußballfans regelrecht gehasst. Wie erklären Sie sich das?
Manche denken, ich sei parteiisch. Da gelte ich als der große Bayernfanatiker. Die Bayern wiederum behaupten, ich bevorzuge den BVB oder irgendeinen anderen Verein. Solange das so ist, kann meine Arbeit so falsch nicht sein. Solche Vorwürfe nehme ich ebenso wenig ernst wie die Gesänge im Stadion gegen mich.

Wie geht man damit um, wenn man von einem ganzen Fanblock als »Sau« und »Verräter« beschimpft wird?
Das ist das Phänomen, dass sich eine Masse anonym hochschaukelt. Manchmal packe ich mir dann einen Einzelnen und sage: Sie wollten mir doch gerade etwas mitteilen. Dann sind die oft ganz ruhig und ducken sich weg.

Wurden Sie schon einmal antisemitisch beleidigt?
Erst ein einziges Mal. Ein Zuschauer schrieb mir einen Brief, in dem er auf meine angeblich lange Nase abhob. Ob er das nicht präzisieren wolle, schrieb ich zurück. Denn dann könne ich ihm helfen – und zwar nachhaltig. Ich habe nie wieder etwas von diesem Mann gehört.

In letzter Zeit gab es zahlreiche judenfeindliche Vorfälle im Fußball. Hat dieser Sport ein Antisemitismusproblem?
Das glaube ich nicht, aber es gilt natürlich, den Anfängen zu wehren. Es ist ein Unding, dass weltbekannte Spieler zum Boykott der U21-EM in Israel aufgerufen haben. Es ist ein Unding, dass ein ägyptischer Fußballer vom FC Basel einem jüdischen Spieler den Handschlag verweigert hat. Von Nazi-Fangruppen auch bei Klubs wie Dortmund oder Cottbus ganz zu schweigen. Aber: Das alles sind Probleme, die nicht spezifisch für den Fußball stehen.

Inwiefern?
Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und so ist, wie in anderen Lebensbereichen, Antisemitismus eben auch bei Fußballfans anzutreffen. Da ist jeder Spieler, Klub und Funktionär, aber auch jeder Fan gefordert, Stellung zu beziehen. Im übertragenen Sinne müssen die Beteiligten solchen Umtrieben ganz klar die Rote Karte zeigen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Vereine genug gegen Rassismus und Antisemitismus tun?
Nicht jeder Klub. Manche Vereine haben Angst, sich gegen die Nazis und andere Antisemiten zu stemmen. Das ist fatal. Wenn man gegen diese Gruppen keinen Widerstand leistet, nutzen sie das gnadenlos für ihre Zwecke aus.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wird oft vorgeworfen, dass er den Einsatz seines Vorgängers Theo Zwanziger für Toleranz vernachlässige. Wie beurteilen Sie das?
Es liegt in der Natur der Sache, dass in einem so großen Verband wie dem DFB der eine eher hier Schwerpunkte setzt oder dort. Aus privaten Gesprächen mit Wolfgang Niersbach weiß ich, dass er wie jeder vernünftige Mensch leidenschaftlicher Demokrat ist. Wäre es anders, würde mir als Demokrat und Vaterjude sofort die Hutschnur hochgehen.

Ihr Vater hat die Schoa nur knapp überlebt. Wie stark hat Sie das geprägt?
Je älter ich werde, desto mehr. Meine Eltern kamen beide aus Polen. Der vergangene Woche verstorbene Unternehmer Berthold Beitz hat meinem Vater das Leben gerettet. Wie viele andere Juden hat Beitz ihn in Boryslaw aus einem Zug geholt, der sie in ein Konzentrationslager abtransportieren sollte. So etwas prägt zwangsläufig auch den Sohn.

Wie erinnern Sie sich an Ihren Vater?
Er war ein guter, ein liebevoller Vater. Er hat nie bewusst mit mir über seine furchtbaren Erfahrungen während des Holocaust gesprochen. Er wollte mir ersparen, dass ich in jedem Deutschen auf der Straße einen potenziellen Nazi-Mörder sehe. Dabei beschäftigte ihn das Thema natürlich permanent und ließ ihm zeitlebens keine Ruhe.

Wie machte sich das bemerkbar?
Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Brief, den ich einmal zufällig bei ihm fand. Ich wunderte mich darüber, denn eigentlich las ich jeden Brief gegen, bevor er ihn abschickte. Sein gesprochenes Deutsch war gut, aber beim Schreiben schlichen sich Fehler ein, die ich auszubügeln hatte. Nun lag dieser Brief auf seinem Schreibtisch, und ich begann, ihn zu lesen. Adressiert war das Schreiben an »Die Welt«, ein Leserbrief also an die Tageszeitung, die mein Vater damals abonniert hatte.

Was stand in dem Brief?
Er machte darin seiner Fassungslosigkeit Luft. Einige Tage zuvor hatte er in Heidelberg auf der Straße Albert Speer gesehen, der 1966 entlassen worden und nach Heidelberg zurückgekehrt war. Die Empörung meines Vaters hatte weniger damit zu tun, dass er Speer noch weiter inhaftiert sehen wollte. Ihn hatte eher die Haltung des Mannes aus der Fassung gebracht, der als ehemaliger Täter stolz, gerade und ungebeugt durch die Straßen ging. So, als wäre es die Parade eines Siegers ...

... während die Opfer ihr Leid nie vergessen konnten.
Genau. Es muss meinem Vater unvorstellbar viel abverlangt haben, mit mir als seinem Sohn nie über die Trauer wegen des Verlusts seiner Familie und die Wut über die Nazis gesprochen zu haben. Für diesen Liebesbeweis, der größer eigentlich gar nicht sein kann, bin ich meinem Vater bis heute dankbar.

Das Gespräch führte Philipp Engel.

Marcel Reif wird 1949 als Marc Nathan Reif in Walbrzych (Polen) geboren. 1956 emigriert er mit seinen Eltern nach Tel Aviv. Ein Jahr später zieht die Familie nach Kaiserslautern, wo Reif Deutsch lernt. Als Jugendlicher spielt er beim 1. FC Kaiserslautern. Nach einem Studium der Publizistik, Politikwissenschaft und Amerikanistik wird Marcel Reif politischer Redakteur beim ZDF. In den 80er-Jahren ist er zwei Jahre lang London-Korrespondent, seit 1984 arbeitet er als Sportreporter – zunächst für das ZDF, seit 1994 für RTL und ab 1999 für Premiere/Sky Deutschland. Für seine Berichterstattung von der Fußball-WM 2002 bekam er den Deutschen Fernsehpreis. Reif ist in dritter Ehe verheiratet, hat drei Söhne und lebt in der Schweiz.

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