Die Nahostreise des damaligen amerikanischen Außenministers Antony Blinken war schon geplant. Am 10. Oktober 2023 hätte er in Israel landen und ein paar Tage später nach Saudi-Arabien weiterfliegen sollen. Nach Monaten der diplomatischen Vorbereitung war Blinkens Ziel nicht weniger als ein Meilenstein für den Frieden in der Region: die Normalisierung des saudisch-israelischen Verhältnisses und ein Beitritt Riads zu den Abraham-Abkommen, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Marokko und dem Sudan bereits unterzeichnet worden waren.
Recherchen der »Times of Israel« legten Anfang Dezember 2025 erstmals offen, wie nah Israelis und Saudis einer Einigung gewesen sind. Demnach soll der saudische Kronprinz und De-facto-Herrscher Mohammed bin Salman, MBS genannt, mit nur geringfügigen Zugeständnissen hinsichtlich eines künftigen palästinensischen Staates zufrieden gewesen sein. Einer Annäherung beider Länder stand damals offenbar kaum noch etwas im Wege. Doch es kam anders.
Mit ihrem Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 stürzte die Hamas die gesamte Region ins Chaos. Ein erklärtes Ziel der Terrororganisation war es, die Ausweitung der Abraham-Abkommen auf Saudi-Arabien zu verhindern. Nach zwei Jahren Krieg und der Zerstörung weiter Teile des Gazastreifens sind die Karten in Nahost neu gemischt. Die Hamas ist ein Schatten ihrer selbst, der Iran stark geschwächt – und Saudi-Arabien mächtiger denn je.
Experte: Saudi-Arabien ohne echte Rivalen in der Region
»Die wachsende Bedeutung Saudi-Arabiens ist ein historischer Prozess, der bereits vor dem 7. Oktober 2023 begonnen hat, aber durch den Krieg beschleunigt wurde«, sagt Elie Podeh im Gespräch mit der »Jüdischen Allgemeinen«. Er ist Professor für Nahoststudien an der Hebräischen Universität Jerusalem und Vorstandsmitglied des außenpolitischen Thinktanks »Mitvim«. Entscheidend für den Aufstieg Saudi-Arabiens sei neben dessen enormem Reichtum auch die pragmatische Politik des Kronprinzen, sagt Podeh.
Zudem gebe es keine echten Rivalen in der Region: Ägypten verliert seit Langem an Relevanz, während ein Land wie Katar wegen seiner geringen Größe nicht auf Augenhöhe mit den Saudis agieren kann. »Der Beweis für den Status Riads«, sagt Podeh, »war der Besuch von MBS in Washington, der für einen arabischen Herrscher beispiellos war.«
Als der Kronprinz Mitte November 2025 die USA besuchte, wartete Präsident Donald Trump mit allem auf, was das amerikanische Zeremoniell zu bieten hat – Kanonensalven, Marinekapelle, Staatsbankett. Eigentlich ist das Staatsoberhäuptern vorbehalten, doch für MBS, nominell in der Rangfolge hinter seinem Vater Salman, dem König Saudi-Arabiens, machte Trump eine Ausnahme.
Der Prozess zur Normalisierung zwischen Riad und Jerusalem steckt derzeit fest.
Nicht nur die Bilder dieses Tages sind pompös, auch die an diesem Tag unterzeichneten Verträge haben es in sich: Neben enormen Investitionsversprechen der Saudis und einem weitreichenden Rohstoffabkommen haben sich die USA verpflichtet, ihr modernstes Kampfflugzeug, die F-35, an Riad zu liefern.
Für Jerusalem ist das ein Affront: Es ist bisher das einzige Land im Nahen Osten mit dem amerikanischen Hightech-Flieger. Washington hat sich 2008 per Gesetz dazu verpflichtet, Israels militärisch-technischen Vorsprung in der Region – den sogenannten »Qualitative Military Edge« – zu gewährleisten. Ob der Flugzeugdeal mit Riad dieses Versprechen tatsächlich konterkarieren wird, ist derzeit noch nicht ganz klar. Die Israelis sind durch Trumps Vorzugsbehandlung der Saudis aber tief verunsichert.
Bin Salman will »klaren Weg hin zu einer Zweistaatenlösung«
»In Israel schaut man mit Sorge und Misstrauen auf die große Nähe zwischen Riad und Washington«, sagt Nahostexperte Podeh. »Man beginnt zu befürchten, irgendwann nicht mehr der wichtigste Verbündete der USA zu sein.« Zwar sei das besondere amerikanisch-israelische Verhältnis sowie die Partnerschaft zwischen Trump und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nach wie vor intakt. Mit Saudi-Arabien gebe es nun aber einen mächtigen Nebenbuhler um die Gunst der Amerikaner.
Dass Trump israelischen Interessen keineswegs immer Priorität einräumt, zeigte sich unter anderem darin, dass bin Salman im Tausch gegen die privilegierte Partnerschaft mit den USA keine konkrete Zusage für einen Beitritt Riads zu den Abraham-Abkommen machen musste. Das Vertragswerk zur Normalisierung der arabisch-israelischen Beziehungen wolle man zwar grundsätzlich noch unterzeichnen, hatte der Kronprinz in Washington gesagt, doch dafür brauche es »einen klaren Weg hin zu einer Zweistaatenlösung«.
Das Urteil der Analysten fällt einhellig aus: MBS sieht keinen Grund mehr, den Israelis große Zugeständnisse zu machen. Weil er von den Amerikanern bekommt, was er will, kann er den Normalisierungsprozess mit den Israelis auf die lange Bank schieben und erneut eine härtere Position in Sachen palästinensischer Staat einnehmen. Der Deal, der vor dem 7. Oktober 2023 kurz vor dem Abschluss stand, liegt heute nicht mehr auf dem Tisch. Währenddessen macht Netanjahu immer wieder deutlich: Einen palästinensischen Staat wird es mit ihm nicht geben. Er wertet jeden Schritt in diese Richtung als eine Belohnung für den Terror der Hamas.
»Im Moment stecken wir fest«, sagt Podeh. Doch der Experte glaubt, dass die Saudis Israel noch ein Fenster offenlassen: Die Details des Prozesses hin zu einem palästinensischen Staat seien nach wie vor verhandelbar. »MBS könnte sich mit einer Formulierung zufriedengeben, die hinter einem vollständigen palästinensischen Staat zurückbleibt.« Für Podeh ist nun vor allem eine Frage entscheidend: Was sind die Israelis bereit, für ein Abkommen mit Saudi-Arabien zu tun?