Chanukka

Licht im Dunkel

An Chanukka feiern wir die Freiheit des Glaubens. Foto: Thinkstock

Chanukka

Licht im Dunkel

Der Anschlag in Berlin macht die Botschaft des Festes noch deutlicher: Wir müssen gerade jetzt die Finsternis erhellen

von Rabbiner Avichai Apel  19.12.2016 18:46 Uhr

Als ich mich in den vergangenen Tagen auf Chanukka vorbereitete, ahnte ich nicht, welche Aktualität die Botschaft des Festes in diesem Jahr haben würde. Nach dem grausamen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt erscheinen manche Aspekte von Chanukka – leider – in ganz anderem Licht: Da ist zum einen die Idee dieses Lichts, das die Düsternis vertreiben soll.

Und es ist nicht nur die Dunkelheit des Abends und der Nacht, in der wir jeden Tag eine Kerze mehr entzünden. Es ist uns wohl am Montagabend wieder erschreckend deutlich geworden, dass um uns herum eine tiefe Finsternis des Terrors, Schreckens und der Gewalt herrscht. Und wie symbolisch ist es, dass wir nun in diesen Tagen die Lichter nicht nur in unseren Synagogen, Gemeindehäusern oder Wohnungen entzünden.

Nein, es ist eine Pflicht, zu Chanukka das Wunder zu verbreiten. Auf Hebräisch sprechen wir von Pirsum HaNes: Wir sollen die Lichter in die Fenster stellen, neben der Haustür entzünden und in aller Öffentlichkeit leuchten lassen. Licht in der Dunkelheit. Alle sollen es sehen.

freiheit An Chanukka feiern wir die Freiheit des Glaubens. Damals haben sich die Makkabäer dafür starkgemacht, dass wir unsere Tradition bewahren können. Und das gilt auch im Hier und Jetzt, für Chanukka und Weihnachten, zwei Feste, die in diesem Jahr beide am 24. Dezember beginnen – ja, es gilt auch für den Ramadan und die Feiertage anderer Religionen. Jeder soll seinen Glauben leben können. Und jeder soll und muss dem anderen die Freiheit gewähren, dies tun zu können.

Dies gehört zu den Prinzipien der Tora. Dies gehört auch zu den Grundlagen unserer freiheitlichen westlichen Gesellschaftsordnung. Und diese dürfen wir uns nicht zerstören lassen. Nicht durch Terror und Gewalt. Nicht durch Angst und Panik. Wenn wir in Angst verfallen, verlieren wir unsere Stärke. Chanukka zeigt, dass wir uns notfalls auch mit Stärke und Bestimmtheit verteidigen müssen. Wir feiern das g’ttliche Wunder des Lichts im Jerusalemer Tempel. Aber wir feiern eben auch in Erinnerung an den mutigen und heldenhaften Kampf der Makkabäer gegen den hellenistischen Einfluss und das syrische Heer.

Die Tora verlangt von uns, den Frieden zu erreichen, ihn stets anzustreben. Das Leben ist heilig, seine Bewahrung und Rettung hat Vorrang vor vielen anderen wichtigen Geboten. Doch werden wir angegriffen, können wir uns nicht nur, sondern sollten wir uns auch zur Wehr setzen.

frieden »Frieden auf Erden«, das ist eine in diesen Tagen oft gehörte Botschaft. Papst Franziskus hat in seiner kürzlich im Vatikan veröffentlichten Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar für bedingungslosen Gewaltverzicht bei der Lösung von Konflikten geworben.

Doch bei allem Respekt: In der Welt von heute scheint der bedingungslose Gewaltverzicht – noch – eine Utopie zu sein. Gerade wir Juden mussten zu oft und müssen im jüdischen Staat noch immer diese Erfahrung machen. Die Tora lehrt uns, dass Gewalt eben manchmal leider auch mit Gewalt beantwortet werden muss, als Ultima Ratio. Wenn zum Beispiel ein Attentäter auf Schulkinder schießt oder mit einem Lkw auf einen Weihnachtsmarkt zurast, und wir könnten ihn aufhalten, dann ist es sogar unmoralisch, nicht zu handeln.

Notwehr oder der Schutz von Unschuldigen, auch einer Gruppe von Zivilisten, die durch Terroristen bedroht werden, wird von der Tora vorgegeben. Zugleich mahnt sie uns, dass Gewalt nur unter ganz bestimmten Umständen und unter Einhaltung ganz besonderer Regeln eingesetzt werden darf. Und auf jeden Fall nur in absolut begrenztem Maß.

Die Toralesung der vergangenen Woche, die Erzählung von der Begegnung Jakobs und Esaws, lehrt, dass wir uns auf einen möglichen Konfliktfall mit Gebeten, Gesprächen und wohlwollenden Gesten vorbereiten, zugleich aber auch an unsere Verteidigung denken sollten.

grundprinzip Gleichwohl ist und bleibt Frieden der Idealzustand. Frieden ist neben Wahrheit und Gerechtigkeit ein jüdisches Grundprinzip. Insofern ist auch das hebräische Wort Schalom (Frieden) die tagtägliche Begrüßungsformel. Auch bitten wir um Frieden, Schalom, in unseren täglichen Amida-Gebeten, im Kaddisch, im Tischgebet. Im Segen der Kohanim heißt es: »Der Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.« Nicht zuletzt fordert uns der Talmud (Awot 1,12) dazu auf, wie Aharon den Frieden zu lieben und ihn anzustreben.

Das Wort Schalom kommt von dem Wort »schalem«, das sinngemäß »vollkommen« oder »vollständig« bedeutet. Und eine Welt voller Gewalt ist alles andere als vollkommen. Daher sind die prophetischen Aussagen von Jesaja (2,4) und Micha (4,3) fast gleichlautend, die von einer Zeit sprechen, in der kein Volk gegen ein anderes das Schwert erhebt und nicht mehr für den Krieg lernt. Das wäre schalem, perfekt.

Wir sollten jetzt auch einen Moment innehalten, für die Opfer des Berliner Anschlags beten und mit ihren Angehörigen und Freunden trauern. Wir sollten keinen Hass hegen, uns auf unsere Stärke besinnen, zugleich zu G’tt beten, Seinen Beistand erbitten. Und wir sollten Lichter in die Fenster stellen, die Dunkelheit erhellen und allen zeigen, dass wir für Freiheit und Frieden eintreten.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.

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