Gedenkstunde Bundestag

»Leugnen darf nicht sein«

Anita Lasker-Wallfisch während ihrer Rede im Bundestag Foto: dpa

Anita Lasker-Wallfisch empfindet es als »Riesenglück«, zunächst nur eine Gestapo-Gefangene gewesen zu sein. Die heute 92-Jährige überlebte als Jüdin den Nationalsozialismus – Zwangsarbeit, Haft, Konzentrationslager.

Ihr persönliches Martyrium unter den Nazis begann, als sie mit ihrer Schwester Renate beim Versuch der Flucht erwischt wird. Mit gefälschten Papieren wollten die die jungen Frauen nach Frankreich, berichtete sie am Mittwoch bei der Gedenkstunde des Bundestags für die Opfer der NS-Zeit in Berlin.

Die Gestapo nimmt die beiden fest. Sie kommen nicht sofort nach Auschwitz, werden als Kriminelle behandelt. »Verbrecher bekamen einen Prozess, Juden waren Freiwild«, sagte Lasker-Wallfisch. Das war das »Riesenglück«, zunächst.

mädchenorchester Denn auch Anita und Renate Lasker kamen später nach Auschwitz. Die Eltern wurden schon 1942 von den Töchtern getrennt, deportiert und ermordet. Als Cellistin wird Anita Lasker im Vernichtungslager für das sogenannte Mädchenorchester verpflichtet. Die Musiker müssen beim Ein- und Ausmarsch der Arbeitstrupps, bei der Ankunft neuer Todgeweihter und zur Unterhaltung des Wachpersonals spielen. »Perversion« nennt das Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in seiner Ansprache zur Gedenkstunde. Gleichzeitig habe es ihr das Leben gerettet.

Anita Lasker-Wallfisch, die heute in Großbritannien lebt, spricht im Bundestag bewegend und konkret über das Erlebte. Die Musiker hätten in Auschwitz alles sehen können, »die Ankunftszeremonien, die Selektionen, die Kolonnen von Menschen, die Richtung Gaskammer gingen und in Rauch verwandelt wurden«. Schonungslos schildert sie die Krankheiten im Lager und wie Menschen bei lebendigem Leibe ins Feuer geworfen wurden, wenn die Gaskammern »nicht Schritt halten konnten«.

73 Jahre nach der Befreiung – die Schwestern Lasker erleben sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen – kommt die Musikerin mit der Bitte nach Deutschland, die Erinnerung an die Verbrechen wachzuhalten. Sie könne es der Jugend nicht verübeln, sich nicht damit identifizieren zu wollen, sagte die 92-Jährige bei der Gedenkstunde für die Opfer des Hitler-Regimes in Berlin. Die Generation der Täter gebe es nicht mehr. »Aber leugnen, dass auch das zur deutschen Vergangenheit gehört, darf nicht sein«, sagt sie.

In ihrer Rede vor den Abgeordneten, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), weiteren Vertretern der Verfassungsorgane und Zentralratspräsident Josef Schuster würdigte sie auch die Flüchtlingspolitik 2015. Die Aufnahme von Flüchtlingen sei eine »unglaublich generöse, mutige, menschliche Geste«. »Für uns haben sich die Grenzen damals hermetisch geschlossen«, erinnerte sie an den verzweifelten Versuch vieler Juden, Hitler-Deutschland zu verlassen.

ausgrenzung Parlamentspräsident Schäuble sagte, man müsse immer wieder versuchen zu verstehen, wie es zu den Verbrechen kommen konnte. Der CDU-Politiker warnte vor Ausgrenzungstendenzen im heutigen Deutschland. Es gebe Anlass zur »Selbstbeunruhigung«, sagte Schäuble und verwies auf Verrohung im Internet, Anfeindungen gegen Muslime und den Anstieg bei Taten aus Hass, unter anderem auf Flüchtlinge.

Jeden Tag würden in Deutschland Menschen angegriffen, weil sie anders aussehen, »Fremde bleiben sollen«, sagte Schäuble. Er verurteilte zudem antisemitische Angriffe, die insbesondere in Deutschland »unerträglich« seien.

»An Auschwitz scheitert jede Gewissheit«, sagte Schäuble, an das Vertrauen in Menschen und letztlich »an uns selbst«. Dass das freie, friedliche und rechtsstaatliche Deutschland auf der Erfahrung unermesslicher Gewalt gebaut sei, dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Heute sei es ein Sehnsuchtsort für viele Menschen auf der Welt.

Der Bundestag erinnert jährlich zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar an die Opfer der Nationalsozialisten. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee Auschwitz. Allein dort hatten die Nationalsozialisten rund 1,1 Millionen Menschen ermordet. Seit 1996 ist der Gedenktag in Deutschland gesetzlich verankert. epd

Diplomatie

Frankreich verbietet Bezalel Smotrich die Einreise

Wegen der Siedlungspolitik im Westjordanland verhängt Frankreich Sanktionen gegen extremistische Siedler – und untersagt Israels Finanzminister Smotrich die Einreise

 09.06.2026

Meinung

Antisemitismus nach bayrischer Art

Ein Hotel im Bayerischen Wald verschickt eine antisemitische Nachricht an einen Touristen aus Israel. Das könnte eine Gelegenheit sein, Antisemitismus auf dem bayrischen Land zum Thema zu machen. Ein Kommentar

von Leon Stork  09.06.2026

Erfurt

»Echte« Deutsche: AfD streitet über Höcke-These

Thüringens AfD-Chef behauptet, in Westdeutschland gebe es nur noch »deutsch sprechende Amerikaner«, im Osten seien die Deutschen jedoch deutsch geblieben

 09.06.2026

Meinung

Nein, ein Davidstern ist keine Provokation

Im Amtsgericht Flensburg wurde einer Frau der Zutritt zum Saal nur unter der Bedingung gewährt, dass sie ihre Kette mit einem jüdischen Symbol ablegt. Das ist keine Auslegungsfrage, sondern ein Justizskandal

von Annabelle Ganapol-Vučelić  09.06.2026

Berlin

Rechtsextreme Straftaten: Neuer Höchststand in Deutschland

Auch die Zahl antisemitisch motivierter Übergriffe stellt einen Rekord dar

 09.06.2026

USAID

US-Behörde erhebt Terrorvorwürfe gegen UNRWA-Mitarbeiter

Erneut werden Vorwürfe gegen 101 weitere Mitarbeiter des UN-Hilfswerks für die Palästinenser in Gaza erhoben. Sie sollen militante Hamas-Mitglieder sein, sagt USAID. UNRWA hatte entsprechende Vorwürfe in der Vergangenheit dementiert

von Andrea Krogmann  09.06.2026

Interview

»Selbst ernannte progressive Linke haben offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd«

Der Kabarettist Dieter Nuhr über den Erhalt des Leo-Baeck-Preises, Solidarität mit Israel und Kritik an seiner Person

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

Berlin

Kommission gegen Antisemitismus beendet ihre Arbeit

Der Abschlussbericht soll nun ans Landesparlament gehen und dort im Plenum beraten werden

 09.06.2026