Bergen-Belsen

Leben mit Geistern der Vergangenheit

Bei einer Gedenkveranstaltung auf dem früheren Lagergelände des Konzentrationslagers Bergen-Belsen im April 2019 Foto: dpa

Menachem Rosensaft lebt mit einem Geist, so hat er es einmal selbst beschrieben. Bis heute bewahrt der 71-Jährige ein Bild seines Halbbruders auf – bei sich zu Hause in New York und in seinem Herzen.

Er hat Benjamin nie kennengelernt. Der Sohn aus erster Ehe seiner Mutter wurde Jahre vor seiner Geburt in Auschwitz ermordet, mit nicht einmal sechs Jahren. »Wenn ich ihn vergesse, erinnert sich niemand mehr«, sagt Rosensaft bei einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen bei Celle. »So geht es vielen von uns.«

Der amerikanische Jurist kam im jüdischen »Displaced Persons Camp« auf die Welt. Hier mussten nach der Befreiung am 15. April 1945 noch bis 1950 KZ-Überlebende ausharren. Denn der Krieg war zwar vorbei – aber viele Überlebende wussten zunächst einmal nicht, wohin. Die Alliierten versorgten sie in den sogenannten DP-Camps.

Netzwerk Menachem Rosensaft ist Gründungsvorsitzender eines Netzwerkes von Kindern Holocaust-Überlebender. Bei einem Besuch in Niedersachsen im Februar wollte er die Reise von rund 50 Menschen aus aller Welt vorbereiten, die im DP-Camp geboren wurden.

Die Kinder der Schoa-Überlebenden wollten zu der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung kommen, die wegen der Corona-Pandemie jetzt nicht stattfindet.

Sie wollten zu der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen kommen, die eigentlich für April geplant war. Wegen der Corona-Pandemie kann sie jetzt nicht stattfinden.

»Wir selbst haben das Lager nicht durchlitten, sind nicht durch den Horror gegangen, aber unser Geburtsort ist Bergen-Belsen«, sagt er. Die »DP-Babys« stünden in vielfacher Hinsicht für einen Übergang, so wie der Ort, an dem sie zur Welt kamen.

Kasernengelände Im jüdischen DP-Camp warteten zeitweilig bis zu 12.000 Menschen auf die Möglichkeit, Deutschland zu verlassen. Auch weitere bis zu 10.000 katholische Überlebende aus Polen waren bis Sommer 1946 auf dem Kasernengelände in der Nähe des früheren Konzentrationslagers untergebracht.

Dadurch sei Bergen-Belsen ein in der Geschichte einmaliger Ort, sagt Rosensaft. »Für die Juden stand das Camp für das Ende und für einen Neubeginn zugleich.« Die britischen Befreier hatten auf dem Gelände ein Nothospital eingerichtet. Noch 14.000 Menschen starben dort bis Mitte Juni 1945 an den Folgen der grausamen Zustände im Konzentrationslager.

Doch es wurden auch Ehen geschlossen, wie die von Hadassa Bimko und Josef Rosensaft. Mehr als 1500 Kinder kamen laut Forschungen zur Welt – so wie Menachem im Mai 1948.

Die Historikerin Katja Seybold von der Gedenkstätte Bergen-Belsen erläutert: »Unter den Displaced Persons war der Anteil an jungen und jugendlichen Überlebenden überproportional hoch. Häufig waren sie die einzigen Überlebenden ihrer Familie.« Sie hätten Halt und Geborgenheit gesucht.

Deborah Morags Eltern lernten sich ebenfalls in dem DP-Camp kennen, nachdem sie die Lager Auschwitz und Majdanek überlebt hatten.

Die Fotografin Deborah Morag wurde 1948 in Bergen-Belsen geboren. Heute lebt sie in Israel.

1948 wurde die heute in Israel lebende Fotografin in Bergen-Belsen geboren. »Ein medizinisches Wunder«, sagt die 71-Jährige. Angesichts ihres Zustandes hätten ihre Eltern nicht zu hoffen gewagt, Kinder zu bekommen. Als Deborah sechs Monate alt war, wanderte die Familie nach Israel aus.

Nummer Über die Vergangenheit sprachen die Eltern wenig. Als Kind und Jugendliche habe sie vermieden, danach zu fragen. »Sie waren so verletzlich.« Dabei habe manches sie umgetrieben: Die Nummer auf dem Arm des Vaters; warum sie anders als Freunde, deren Familien in früherer Generation eingewandert waren, keine Großeltern hatte.

Deborah, so hieß auch eine ihrer Großmütter, die in Majdanek umkam und von der nicht einmal mehr ein Foto blieb.

Auch Menachem Rosensafts Eltern verloren die engsten Angehörigen in Auschwitz – sein Vater die damalige Ehefrau und seine Stieftochter, die Mutter neben dem ältesten Sohn auch ihren ersten Mann und ihre Eltern.

Im DP-Camp nahmen die Rosensafts leitende Funktionen ein. Der Vater wurde Vorsitzender des Zentralkomitees der befreiten Juden in der britischen Zone und des Jüdischen Komitees in Bergen-Belsen.

Noch als die Familie bereits in die Schweiz emigriert war, sei er in Deutschland geblieben, um niemanden zurückzulassen, berichtet sein Sohn. Gefragt, ob er stolz auf seinen Vater ist, wird Rosensafts Stimme weich. »Very much so«, sagt er auf Englisch: »Sehr.«

Identität Die Geschichte der Familie habe sein eigenes Leben stark beeinflusst, sagt Rosensaft. »Das ist Teil meiner Identität.« Als Jura-Professor hat er unter anderem über Völkermorde gelehrt.

Die Eröffnung einer Ausstellung mit Morags Fotos der Töchter von Überlebenden soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Deborah Morag wählt die Kunst, um sich auseinanderzusetzen. Eigentlich hätte im April auch eine Ausstellung mit ihren Fotos in Bergen-Belsen eröffnet werden sollen. Auch das soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Die Fotografin hat sich selbst und zwölf weitere Töchter von Auschwitz-Überlebenden in Szene gesetzt. Immer in dem selben weißen Kleid und mit einem Koffer, auf den jede der Frauen die KZ-Nummer eines Elternteils geschrieben hat. »indelible«(unauslöschlich) ist der Titel der Ausstellung.

Auch wenn ihre Eltern versucht hätten, zu verdrängen, um weiterleben zu können, ließen sich Vergangenheit und Identität nicht auslöschen, sagt Morag. Durch ihre Kunst wolle sie die Erinnerungen bewahren und vor Völkermorden warnen: »Das ist auch ein Heilungsprozess.«

 

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