Purim

L’Chaim!

Saft statt Wein: Der kleine Mordechai aus Dresden macht’s richtig. Foto: Steffen Giersch, (M) Frank Albinus

Kurz vor Purim hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die Zahlen der Krankenhausdiagnose für das Jahr 2011 veröffentlicht. Das eine scheint mit dem anderen nicht viel zu tun zu haben. Doch gibt es mehr Zusammenhänge, als uns lieb sein kann. Purim ist bekanntermaßen ein Fest, bei dem in besonderem Maße dem Alkohol zugesprochen wird – oder werden muss, wie manche meinen. Dazu später mehr. Aber während an diesem fröhlichen Tag nicht nur Erwachsene die Flaschen kreisen lassen, und das bei manchem Kiddusch auch bei anderen Gelegenheiten ausgiebig tun, werden immer mehr Kinder und Jugendliche animiert, auch mal »L’Chaim« zu sagen.

Ein mäßiger Alkoholgenuss gehört bei Erwachsenen wegen seiner entspannenden, enthemmenden und angstlösenden Eigenschaft zur »Festkultur«. Dagegen gibt es, außer bei schwangeren Frauen, auch keine zwingenden medizinischen Argumente. Doch gilt dies keinesfalls für Kinder und Jugendliche, deren Organismus viel empfindlicher auf Alkohol reagiert.

erkennbar Man bedenke, dass Kinder bereits ab etwa 0,5 Promille Alkohol im Blut auch ohne erkennbare Vorzeichen bewusstlos werden können. Bei Jugendlichen reichen dazu schon etwa zwei Shot Wodka oder ein halber Liter Bier. Oder sogar weniger, je nach Körpergewicht und Geschlecht. Da der Blutalkoholspiegel bei Kindern schon bei geringen Mengen Alkohol steil ansteigt, kann im schlimmsten Fall sehr schnell eine lebensgefährliche Dosis erreicht werden.

Erschreckend die Statistik der Krankenhausdiagnose: 26.349 Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 19 Jahren mussten 2011 wegen akuten Alkoholmissbrauchs stationär behandelt werden. Die aus dem Missbrauch folgenden Verhaltensstörungen sind der zweithäufigste Grund für einen stationären Klinikaufenthalt in Deutschland. Es ist klar, dass dies nur die Spitze des Eisbergs darstellt, da nur ein sehr kleiner Teil betrunkener Menschen notärztlicher Behandlung bedarf oder sie erhält.

ausgelassen Zurück zu Purim, einem der populärsten aller jüdischen Feiertage. Es wird von Jung und Alt auf ausgelassene Art und Weise gefeiert. Das Fest erinnert an die Rettung des jüdischen Volkes durch Königin Esther und ihren Onkel Mordechai vor den Vernichtungsplänen Hamans, des Beraters des persischen Königs. Zur Feier gehören traditionell das Lesen der Megillat Esther, ein Festmahl sowie das Versenden von Speisen und Spenden an Bedürftige. An diesem Feiertag gilt eine Art Narrenfreiheit, und es ist üblich, sich und vor allem Kinder zu verkleiden und viele sonst gültige Verhaltensregeln zu überschreiten.

Ist es aber auch richtig, dass es an diesem Tag eine Mizwa, also ein religiöses Gebot ist, zu trinken, bis man, wie Raba, einer der bedeutendsten Gelehrten im Talmud, ausführte, nicht mehr zwischen den Worten »Verflucht sei Haman« und »Gesegnet sei Mordechai« unterscheiden kann? Da die Halacha, das jüdische Gesetz, in den meisten Fällen den Urteilen dieses Weisen folgt, ist es nicht verwunderlich, dass seine Ausführungen oft als Gebot Rabas, sich mit Wein und Hochprozentigerem zu betrinken, missverstanden werden.

trunken sein Diese Interpretation gibt jedoch nur einen kleinen Teil dessen wieder, was unter »betrunken sein« zu verstehen ist. Bei Purim geht es nämlich nicht um das Trinken von Alkohol, sondern eher um das »trunken sein vor Glück und Freude« über die Rettung vor der geplanten Vernichtung und aus tiefster Verzweiflung angesichts dieser großen Gefahr.

Es ist mehr als zweifelhaft, ob das Trinken überhaupt eine wirkliche Mizwa ist. So lehrte Rabbi Juda bar Ilai, der am häufigsten in der Mischna erwähnte Lehrer (Tannait), dass man verpflichtet sei, am Sederabend des Pessachfestes vier Gläser Wein zu trinken, auch wenn es einen krank mache. Er selbst sei danach für 52 Tage bis Schawuot nicht in der Lage gewesen, wieder Wein zu trinken. Daraus folgerten die Kommentatoren, dass er zu Purim keinen Wein getrunken habe. Dies sei ein Beweis, dass es – im Gegensatz zu Pessach – zu Purim keine Mizwa ist, Wein zu trinken.

Maimonides schrieb, dass es besser sei, Armen zu helfen, statt die Ausgaben für das Feiern von Purim zu erhöhen. Überhaupt könne man im betrunkenen Zustand keine Mizwa erfüllen. Freude und Fröhlichkeit könne auch anders, zum Beispiel durch gemeinsames Feiern und Hilfsbereitschaft, erzielt werden.

Natürlich trinken manche Erwachsene zu Purim auch etwas mehr als üblich. Mäßiger, verantwortungsbewusster Alkoholgenuss gehört zum Fest und kann die Festtagsstimmung verstärken. Doch sollten insbesondere Eltern daran denken, dass ihr Umgang mit Alkohol von Kindern nachgeahmt wird. Seien wir ihnen ein Beispiel. Lasst uns auch dieses Purim wieder trunken sein, doch nicht so sehr von Alkohol, sondern von Zedaka und Hilfsbereitschaft für die Bedürftigen. Purim sameach!

Antibes

Frankreich und Italien streben neue Libanon-Mission an

Wie könnte die internationale Unterstützung für den Libanon nach dem Abzug der UN-Blauhelme aussehen? Frankreich und Italien wollen eine neue Koalition anführen

 26.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Hamburg

Spionageprozess: Juden für Iran ausgespäht?

Laut Anklage soll der Mann hochrangige Vertreter jüdischer Organisationen in Deutschland für mögliche Anschläge ausgekundschaftet haben

 26.06.2026

Magdeburg

Höchststrafe für Anschlag auf Magdeburger Weihnachtsmarkt

Bei dem Anschlag 2024 kamen sechs Personen ums Leben; Hunderte wurden verletzt. Jetzt steht das Urteil fest

 26.06.2026 Aktualisiert

Berlin

Thüringens Innenminister fordert AfD-Verbotsverfahren

In einem Gutachten begründen Juristen ihre Einschätzung besonders mit Verstößen gegen das Demokratieprinzip und die Menschenwürdegarantie

 26.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  25.06.2026

Hamburg

Wie ein iranischer Jude auf Israel und den Iran blickt

Armin Levy ist Jude, Perser und Hamburger. Bei den aktuellen Gesprächen zwischen den USA und dem Iran glaubt er nicht an echten Frieden. Warum er jedes Abkommen mit dem Mullah-Regime ablehnt

von Christiane Tauer  25.06.2026

Berlin-Neukölln

Martin Hikel rügt Bildungsstadträtin

Janine Wolter hatte auf Instagram die Story eines israelfeindlichen Aktivisten gepostet

 25.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026