landwirtschaft

Kühe unter Kontrolle

Rellingen ist das Sinnbild schleswig-holsteinischer Landidylle. Abseits der Dorfstraße sind die Wege nicht mehr geteert und von wippenden Baumwipfeln überhangen. Rechts und links liegt nur die norddeutsche Ebene, gesäumt von grünen Alleen. Ausgerechnet hier, 20 Kilometer nördlich von Hamburg, findet (so wird geworben) die einzige koschere Milchproduktion Deutschlands statt. Seit Januar beliefert der Hof Kruse nicht mehr nur die Hamburger Gemeinde mit entsprechenden Molkereiprodukten, sondern auch Restaurants, Läden und Schulen im ganzen Bundesgebiet.

Käse Angefangen hat die Geschichte vor etwa fünf Jahren, als der damalige Hamburger Rabbiner Dov-Levy Barsilay Familie Kruse an einem ihrer Marktstände kennenlernte. »Er kam damals zu mir auf den Hof und hat mit mir Käse gemacht. Der kannte sich damit schon aus und war wohl mit meiner Arbeitsweise zufrieden«, erzählt Bauer Hans-Hinrich Kruse. Barsilays Nachfolger, Rabbiner Shlomo Bistritzky, habe dann die koschere Milch »anderthalb Jahre lang getestet«, sagt Kruse mit norddeutscher Verschmitztheit. Zu dieser Zeit produzierte der Hof etwa 30 Liter koschere Milch in der Woche für die Hamburger Gemeinde, ein Minusgeschäft. Denn die Herstellung von Molkereiprodukten nach den Vorgaben der Kaschrut ist mit viel Aufwand und hohen Kosten verbunden. Nicht nur, dass der Maschgiach ein wachsames Auge auf den gesamten Ablauf vom Melken bis zur Abfüllung haben muss, auch alle Gerätschaften müssen gründlich gereinigt werden. Jedes Rohr, jede Schüssel wird mit kochendem Wasser durchspült und gesäubert, wenn von der normalen Produktion umgestellt wird. Das passiert jede Woche einmal – Sonntag und Montag wird der Hof mit 200 Kühen und 80 Ziegen koscher.

Idylle Von außen ist dem Betrieb das geschäftige Treiben kaum anzumerken, gemächlich schlendern die Kühe vor leuchtend grünen Wiesen über den Hof. Zick- lein springen in den Heuhaufen umher. Ländliche Idylle. Doch in den Produktionsräumen ist es umtriebig. Damit es dabei mit rechten Dingen zugeht, kommt Jakuv Friedman aus der Hamburger Gemeinde hinzu. Der junge Maschgiach, der die Produktion seit einem Jahr überwacht, wuselt zwischen den Arbeiterinnen umher und kontrolliert den korrekten Ablauf. Wenn er nichts zu beanstanden hat, klebt er sein Siegel auf den Verschluss der Milchflaschen, Joghurtgläser und Käsepackungen. Denn auf dem Hof Kruse wird nicht nur Milch auf koschere Art und Weise hergestellt, sondern zum Beispiel auch Frischkäse, Quark und fünf verschiedene Käsesorten. Das beschert dem Bauern durchaus einiges Kopfzerbrechen. Wo gibt es koscheren Lab? Kann Kümmel unkoscher sein? Auch an andere Dinge musste der Hausherr sich erst gewöhnen. »Am Anfang versuchte Kruse, mich immer am Samstag zu erreichen«, berichtet Zeev Iluz, der von Hannover aus nebenberuflich den Vertrieb organisiert. »Dabei kann ich am

Bisher gab es in Deutschland höchstens kleine Eigenproduktionen und haltbare Ware aus dem Ausland. Das Ziel von Kruse und Iluz war es, ein breiteres, bezahlbares Angebot an frischen koscheren Waren zu bieten. Natürlich sind diese Produkte eher im oberen Preissegment angesiedelt, aber Zeev Iluz sagt ein wenig stolz, dass selbst Kunden, die sich über die Kosten beschweren, nach einem Geschmackstest verstummen. Und tatsächlich: Der frische Käse und die Milch schmecken gesund nach Land. So einfach ist das mit der Erweiterung des Angebots allerdings nicht, denn auch alle Zutaten müssen koscher hergestellt sein. Früchte für die Joghurts, die den Speisegesetzen entsprechen, in kleinen Mengen zu bekommen, sei in Deutschland fast unmöglich, sagt Iluz. Jetzt wird darüber nachgedacht, in Rellingen selbst Obst anzubauen.

Vertrauen Für Bauer Kruse ist die koschere Milchproduktion nur eine logische Fortsetzung seines Hofkonzeptes. «Wir arbeiten auch sonst sehr sauber und versuchen, möglichst viel Vertrauen zu unseren Kunden aufzubauen.» So finden regelmäßig Tage der offenen Tür statt. Eine Kontrolle durch den Maschgiach oder einen Rabbiner sei da nur unwesentlich anders. Doch koscher ist nicht gleich koscher. Skeptisch waren die jüdischen Gemeinden zunächst schon ein wenig, ob in Rellingen alles seine Kaschrutordnung hat. Vier Rabbi- ner anderer Gemeinden waren da, um sich davon zu überzeugen. Laut Iluz hatten alle Skeptiker nach genauer Kontrolle keine Bedenken mehr. Seit dem Beginn der bundesweiten Lieferung geht die Zahl der Bestellungen nach oben, ein Lieferant koscherer Lebensmittel kommt sogar aus Prag, um in Rellingen einzukaufen. Iluz hofft, bald mehr Städte mit Ware aus Schleswig-Holstein versorgen zu können. Die Kühe stört das Interesse herzlich wenig. Hauptsache, es gibt ausreichend zu fressen.

Nahost

Staatschefs zum »Gaza-Friedensrat« eingeladen

Der »Friedensrat« ist Teil der zweiten Phase von Trumps Friedensplan für Gaza

 17.01.2026

Gespräch

»Ich fühle mich alleingelassen«

Sonja Bohl-Dencker über die Ermordung ihrer Tochter durch die Hamas, den Umgang Deutschlands mit dem 7. Oktober und ihren Wunsch, dass Carolin nicht vergessen wird

von Mirko Freitag  16.01.2026

Nahost

IDF reagieren auf Angriffe mit Gegenschlägen in Gaza

Kommandeure der Terrororganisationen Hamas und Palästinensischer Islamischer Dschihad wurden nach den Angriffen ins Visier genommen

 16.01.2026

New York

AJC: Demonstranten im Iran nicht im Stich lassen

Die internationale Gemeinschaft trage die Verantwortung, »in Solidarität mit dem iranischen Volk zu handeln«, so die jüdische Organisation

 16.01.2026

Kunstakademie Düsseldorf

Jüdische Organisationen verlangen Absage von Veranstaltung mit Terror-Unterstützerin

Das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender und die WerteInitiative schließen sich der Forderung der CDU in NRW an

 16.01.2026

Moskau/Jerusalem

Putin spricht mit Netanjahu: Vermittlung zu Iran?

Russland will mitmischen: In Gesprächen mit dem Ministerpräsidenten Israels und dem iranischen Präsidenten bietet sich Putin als Vermittler an. Was steckt hinter dem diplomatischen Vorstoß?

 16.01.2026

Berlin

Bündnis fordert von Bundesregierung: Protestierer im Iran unterstützen, Regime isolieren

Zu den Unterzeichnern einer entsprechenden Petition gehören auch Prominente wie die Schauspielerin Uschi Glas

von Imanuel Marcus  16.01.2026

Gastbeitrag

Wie Europas Parlamentarier über Israel denken

Der Blick europäischer Politiker auf Israel hat sich gewandelt, wie die jüngste ELNET-Befragung von europäischen Politikern zeigt

von Carsten Ovens  16.01.2026

Tel Aviv

Israelische Experten rechnen mit neuer Protestwelle im Iran

Tausende Tote, brutale Repression – doch israelische Experten sehen den Protestgeist im Iran nicht als gebrochen. Droht der Führung in Teheran ein neuer Schub zivilen Ungehorsams?

 16.01.2026