Ehrung

Kreuzberg und Lübtheen

lübtheen/Mecklenburg-Vorpommern

Die Masse steht hinter uns – auch wenn sie sich nicht öffentlich äußert.» Ute Lindenau sagt das energisch und wirft den Kopf dabei zurück in den Nacken. Der Bürgermeisterin von Lübtheen kommen die Worte laut über die Lippen.

Lindenau sitzt an diesem Sonnabendvormittag nicht allein im Saal des Sportlerheims am Rande der kleinen Stadt, gut eine Stunde Autofahrt entfernt von Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin. Vier Mitstreiter gegen Rechts haben an den zu einer Tafel zusammengeschobenen Holztischen Platz genommen. Wenn alle da sind, sei der Saal voll, sagt Lindenau. Alle: Das sind 50 Menschen, die sich Anfang 2006 zur Bürgerinitiative «Wir für Lübtheen» zusammengeschlossen haben. Damals eröffnete die NPD ihren Landtagswahlkampf in Lübtheen. Hunderte gingen an diesem 18. Juni auf die Straße, schoben braune Mülltonnen mit der Aufschrift «NPD» durch die Stadt, schwenkten Fahnen für Demokratie und Toleranz, näherten sich den Neonazis bis auf 200 Meter. Dann stoppte sie die Polizei. Laminierte Fotos in einem Aktenordner dokumentieren diese erste «Großveranstaltung» der Bürgerinitiative.

Mit Neonazis hatte man in dem rund 4500 Einwohner zählenden Ort schon davor zu tun. Etwa, als Udo Pastörs, mittlerweile Fraktionschef der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretender Bundesvorsitzender der rechtsextremen Partei, im Jahr 2002 hier seinen Schmuckladen eröffnete. Andreas Theißen, Kreisvorsitzender der NPD Westmecklenburg, wohnte da bereits in Lübtheen. Immer wieder habe die Polizei mit vielen Mannschaftswagen vor dessen Gehöft gestanden, erzählt Marga Völkel von der Bürgerinitiative.

Heute schickt Theißen seine sechs Kinder in Kindergarten und Schule. Seine Frau wurde in den Schulelternrat gewählt, berichtet Andreas Cordt. Das sei eben Demokratie, damit müsse man umgehen, sagt der Leiter der örtlichen Lindenschule. Cordt engagiert sich in der Initiative, bereitet Feste vor, Informationsveranstaltungen, das Weihnachtsbacken oder das Kindertheater. Von den Kindern der zugezogenen Rechtsextremen hört er in der Schule nichts darüber, wie es zu Hause zugeht.

basisarbeit Man dürfe die Geschichte nicht vergessen, sagt Friedhelm Matz. Nicht zulassen, dass der Nationalsozialismus wieder hochkomme. Matz ist Gemeindefeuerwehrführer. Bei zwei Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr hat er dafür gesorgt, dass sie ihre rechte Gesinnung nun woanders verbreiten. Auch der Lübtheener SV, in dem Fußball gespielt und gekegelt wird, hat seine Satzung geändert. Wollte Udo Pastörs tatsächlich, wie man im Städtchen munkelt, in die Allgemeine Sportgruppe eintreten – er dürfte es nicht. Wegen seiner offen rechten Gesinnung.

Der Familie Pastörs gehört im Zentrum von Lübtheen ein Gebäudekomplex. In dem Backsteinbau bietet die NPD Bastel- und Singeabende an. Ein paar Türen weiter ist das Bürgerbüro der Partei. Adresse: Thälmannplatz. Auf der anderen Straßenseite waltet Bürgermeisterin Lindenau im Rathaus. Beobachtet und offen angefeindet. Auch Dieter Karczewski haben die Rechten schon mit dem Wagen verfolgt. In letzter Zeit aber sei es ruhiger geworden, sagt er. Karczewski vermittelt den Kindern der Neonazis im Sportverein, dass es Spaß macht, in einer Demokratie zu leben. Und er sorgt dafür, dass die Pastörs und die Theißens sich nicht als ehrenamtliche Trainer und Übungsleiter in den Verein einschleichen.

Unterstützt wird die Initiative von anderen antinazistischen Bündnissen. Sie tauschen sich aus, stehen sich bei und raten einander. Finanziell aber ist «Wir für Lübtheen» auf sich allein gestellt. Ortsansässige Unternehmen geben Geld für Veranstaltungen. Bürgermeisterin Lindenau hat die 500 Euro für den ihr verliehenen Johannes-Stelling-Preis an die Initiative weitergegeben. Dass sie nun den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage des Zentralrats der Juden in Deutschland erhalten, erfülle die Mitglieder nicht nur mit Stolz, sagt Bürgermeisterin Lindenau. Die Auszeichnung sei auch Motivation: «Wir sind immer noch ein Stachel im Fleisch». Und das wollen sie auch bleiben. Nicole Buchmann

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berlin-kreuzberg

Vor zehn Jahren wurde es in Kreuzberg plötzlich etwas ungemütlich. Antisemitische Graffiti tauchten auf, auf Schulhöfen wurde «Jude» zum Schimpfwort. In ganz Europa nahmen damals antisemitische Gewalttaten zu, in Istanbul wurden in zwei Synagogen Bomben gezündet. Als Reaktion auf diese Ereignisse weltweit und im eigenen Lebensumfeld gründete sich die «Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus» (KIgA), die jetzt mit dem Paul-Spiegel-Preis ausgezeichnet wird.

Mit Projekten an Berliner Schulen und in der freien Jugendarbeit will die Initiative den Antisemitismus dort bekämpfen, wo es ihn gibt – eben auch unter Migranten. Das stieß vor allem in den ersten Jahren, aber teilweise bis heute, immer wieder auf ablehnende Reaktionen: Die Initiative bediene damit rassistische Klischees und verdamme ganze Bevölkerungsgruppen.

«Es geht uns in keinster Weise darum, jemanden zu stigmatisieren», widerspricht die Politologin Anne Goldenbogen von der Initiative: «Antirassistische Arbeit ist genauso wichtig wie Arbeit gegen Antisemitismus, beide müssen Hand in Hand gehen. Aber wir dürfen Probleme wie Antisemitismus in Migrantencommunitys nicht ignorieren, auch wenn klar ist, dass das ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.»
Die KIgA hat sich zur Aufgabe gemacht, präventiv gegen Antisemitismus und Islamismus in Kreuzberg zu arbeiten und politisch-historische Bildung zu vermitteln. Ihre Projekte sollen gegen autoritäres Denken und kollektivierende Gruppenzuschreibungen und für ein «emanzipatorisches Menschenbild» einstehen.

rollenspiele So zum Beispiel bei «Wessen Land?», einem Rollenspiel über die Entstehung Israels, das die Initiative an gymnasialen Oberstufen durchführt. Schüler übernehmen verschiedene Rollen – jüdische Organisationen, Araber aus Palästina, britische Mandatsmacht, Vertreter von Ägypten und Transjordanien. Anhand von Rollenkarten sollen die Schüler ihre gespielten Interessen erkennen und versuchen, durchzusetzen. Das Ziel: das Denken in den monolithischen Blöcken «Juden gegen Araber» aufzubrechen und Bewusstsein zu schaffen für die Vielschichtigkeit des Konflikts.

Mit diesem Angebot stößt die Initiative in eine Lücke im Rahmenlehrplan der Schulen, wo der Nahostkonflikt nur selten und wenn, dann meist sehr verkürzend und exotisierend behandelt wird. Mit Projekten wie diesem, zu «Antisemitismus in der Ökonomiekritik» oder zu den unterschiedlichen jüdischen Erfahrungen in islamischen Kulturräumen im Verlauf der Jahrhunderte ist die Initiative inzwischen an Schulen in ganz Berlin tätig. Aber Kreuzberg und Neukölln bleiben die Hauptwirkungsstätten. «Kreuzberg ist einfach unsere Basis», sagt Goldenbogen. «Unser Prinzip ist ja, dass Bildung lebensnah sein muss. Wenn wir zum Beispiel einen Projektschultag zum jüdischen Leben hier machen, dann kennen die Jugendlichen die relevanten Häuser und Straßen, die Oranienstraße und den Kotti. Dann kann man Geschichte quasi anfassen.»

geldsorgen Trotz ihres Erfolg kämpft die KIgA derzeit um ihr Überleben. Die Förderung ihres Projekts zur Antisemitismusprävention für 2013 war vom Bund zunächst abgelehnt worden. Die Kreuzberger mussten sich die Chance erkämpfen, es zumindest bis Sommer weiterführen zu können. Mit Herbstbeginn läuft auch die Finanzierung des zweiten Modellprojektes aus. Wie es dann weitergehen soll, ist völlig unklar.

Dabei haben sich vor ein paar Monaten, nach dem Angriff auf Rabbiner Daniel Alter, plötzlich alle für die Kreuzberger interessiert. Für die Initiative ein ambivalentes Erlebnis: «Wir teilen das Schicksal von Projekten gegen Rechtsradikalismus, die erst Beachtung finden, wenn es schon zu spät ist», sagt Goldenbogen. «Dann kommen plötzlich Journalisten mit einem bestimmten Bild im Kopf zu uns und wollen, dass wir ihnen sagen, dass junge Muslime die schlimmsten Antisemiten sind, obwohl das nicht der Ansatz unserer Arbeit ist und auch nicht dem Stand der Forschung entspricht. Dagegen müssen wir dann Position beziehen, ohne gleichzeitig das Problem zu bagatellisieren.» Rabbiner Alter, inzwischen Antisemitismusbeauftrager der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hat sich mittlerweile mit der KIgA in Verbindung gesetzt und möchte ihre Arbeit kennenlernen – solange sie noch arbeiten kann. Fabian Wolff

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