Fußball

Koscher, Kicker, Kaiserslautern

Im Hintergrund klappern die Teller. Wie fast jeden Mittag werden hungrige Männer in Schlips und Frauen im Kostüm durch den VIP-Raum des Fritz-Walter-Stadions geführt, das wochentags für Konferenzen und Seminare genutzt wird.

Ein Stockwerk darüber hat Trainer Marco Kurz gerade zusammen mit der Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern gegessen. Kevin Trapp, der Torwart des Fußballbundesligisten, kommt als Erster herunter, dann, ebenfalls im bordeauxroten FCK-Trainingsdress, Kapitän Christian Tiffert und Gil Vermouth, die sich zum Abschied lachend abklatschen.

bistrotisch »Ich habe schon einige Freundschaften hier geschlossen«, berichtet Vermouth, als er an dem Bistrotisch Platz genommen hat. Mit dem Kollegen Tobias Sippel, dem bulgarischen Mittelfeldspieler Ilian Micanski oder dem Griechen Thanos Petsos treffe er sich regelmäßig, um zu shoppen oder einen Kaffee zu trinken.

Meist ist dann Itay Shechter dabei. Der Stürmer ist ebenfalls im Sommer von Hapoel Tel Aviv nach Kaiserslautern gewechselt. Glaubt man den Erzählungen von FCK-Manager Stefan Kuntz, ist der sogar noch kontaktfreudiger als Vermouth. Obwohl Shechter im Gegensatz zu seinem Kumpel so gut wie kein Englisch spricht, ist auch er im Kader vollauf integriert.

Die beiden Israelis sind seit Jahren befreundet. Auch wenn sie das dementieren würden: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass der eine ohne den anderen vom gemeinsamen Club Hapoel Tel Aviv in die entlegene Westpfalz gewechselt wäre. »Itay und ich haben sowieso ständig Besuch. Mal ist meine Schwester da, mal seine Eltern. Und natürlich sehen wir uns dann alle zusammen.«

tel aviv Einmal im Monat kommt Vermouths Freundin nach Deutschland. Im Dezember zieht sie zu ihm, dann hat sie das Schauspielstudium, das sie an Tel Aviv bindet, abgeschlossen.

Tel Aviv. Es ist unschwer herauszuhören, dass Vermouth die brodelnde Metropole ein wenig fehlt. »Ich bin ein Stadtmensch, da hat man alle Optionen. Aber shoppen und gut essen kann ich auch hier.« Und sonst, gibt er zu verstehen, kann er immer noch woanders hinfahren – »nach Mannheim oder Frankfurt«.

Ins Kino hat sich Vermouth allerdings noch nicht getraut. »Ich bin bei englischen Filmen hebräische Untertitel gewohnt. Ohne Übersetzung ist mir das alles zu schnell.« Man ist geneigt, das für Koketterie zu halten. Der 26-Jährige kann sich jedenfalls problemlos auf Englisch unterhalten.

Wenn er im Laufe des Gesprächs auch einmal einsilbig wird – »I have to wait. No choice« –, liegt das allerdings nicht am fehlenden Wortschatz. Sondern daran, dass die sportliche Bilanz des Mittelfeldmanns bislang schwach ist. Am Wochenende beim Spiel gegen Wolfsburg wurde er zwar in der 58. Minute eingewechselt und beim jüngsten 3:1-Sieg gegen Mainz saß Vermouth auf der Auswechselbank.

Aber ansonsten gibt es dabei noch Platz nach oben. Vermouth sagt, dass er sich künftig noch mehr im Training anbieten wolle. Was man eben so sagt, wenn man keinen Ärger mit den Vorgesetzten will. »Gil macht große Fortschritte«, lobt Trainer Marco Kurz, der seinem begabten Mittelfeldmann Mut machen will, »weiter dranzubleiben«.

verletzt Schöne Worte, aber eben nur Worte. In Tel Aviv war Vermouth ein Superstar, einer, den jeder Teenager am Strand erkannte. Einer, den der Trainer immer wieder besorgt anrief, wenn er mal verletzungsbedingt passen musste. In Deutschland ist sein Status ein völlig anderer. Als er sich in der Sommerpause verletzte und gleich für fünf Wochen ausfiel, haben sie das beim FCK natürlich bedauert. Aber wie sollen die Fans jemanden wirklich vermissen, den sie noch keine Minute haben spielen sehen?

Sein Freund hat bislang mehr Glück gehabt. Dabei machte auch Itay Shechter anfangs die Trainingsintensität zu schaffen. »So lange wie in Israel ein ganzes Training geht, dauert hier das Aufwärmen.« Doch Shechter blieb von Verletzungen verschont und hat sich längst in die Mannschaft gespielt. Beim FCK ist er auf dem besten Weg zum Publikumsliebling, im Spiel gegen Mainz wurde Shechter mit Sonderapplaus bedacht. Die Geschichte, die so hoffnungsfroh be- gann, scheint erfreulich weiterzugehen.

koscher Shechter, der einige andere Angebote aus Europa hatte, hat der Bild-Zeitung kürzlich erzählt, warum er sich für den FCK entschieden hat: »Eli Guttman, mein Ex-Trainer in Tel Aviv, hat mir zu dem Schritt geraten. Und dann kam ich in die Pfalz und war sofort auf einer Wellenlänge mit Stefan Kuntz und Marco Kurz. Dazu haben sie mir koscheres Essen angeboten. Damit haben sie mein Herz gewonnen.«

Vielleicht wäre auch Vermouth zufriedener, wenn es sportlich besser laufen würde. So aber klingt es ein bisschen wehmütig, wenn er erzählt, wie gemütlich er sich zu Hause, mitten in Kaiserslautern, eingerichtet habe. »Ich bekomme dort alle israelischen Sender und über Facebook oder Skype bin ich sowieso immer in Kontakt mit meinen Freunden und meiner Familie.«

jubeln Die Rede kommt nun auf die religiösen Feiertage, ein Thema, auf das die beiden in jedem Interview angesprochen werden, wie FCK-Pressechef Christian Gruber berichtet. »Ich bin weniger religiös als Itay«, berichtet Vermouth, der die Frage verneint, ob er an allen Hohen Feiertagen auf das Training verzichten würde. »Aber auch ich würde an Jom Kippur kein Fußball spielen – selbst, wenn ich dadurch ein wichtiges Spiel verpassen würde. In Israel würde das die Menschen befremden. Das respektiere ich.«

Auch in Fragen der Ernährung ist Vermouth weniger streng als Shechter, der koscher isst, in die Kaiserslautener Synagoge geht und in der vergangenen Saison in Salzburg eine Gelbe Karte kassierte, weil er nach einem Tor eine Kippa aus dem Stutzen zog und zum Gebet niederkniete. Der einzige Verzicht, den er übt, ist der auf Schweinefleisch.

rosch haschana In Nürnberg spielt ein weiterer Israeli in der Bundesliga: Almog Cohen, der in der vergangenen Saison von Maccabi Netanya zum Club kam und sich schnell mit den beiden Muslimen Ilkay Gündogan und Mehmet Ekici anfreundete. Die beiden haben den Club mittlerweile verlassen. Umso mehr freut sich Cohen, dass zwei »alte Kumpel«, wie Vermouth sagt, in nur 300 Kilometern Entfernung leben. »Zu Rosch Haschana fahren Itay und ich für drei Tage zu Almog und dann feiern wir zusammen.«

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