Bundeswehr

Kamerad Rabbiner

Um acht Uhr ist Abfahrt. Sieben Kinder hat er da bereits auf Schulen und Kitas verteilt, das jüngste ist gerade anderthalb. Heute nimmt ihn eine Kollegin mit, Treffpunkt Militärrabbinat in Berlin-Mitte. Rabbiner Oleg Portnoy, leicht untersetzt, schwarzer Anzug, dunkle Turnschuhe, verbreitet heimelige Ruhe auf der Rückbank. Er checkt die Smartphones, das private und das dienstliche, Bauarbeiten auf der Avus. Streicht durch den dichten Bart. »Logistik ist das Wichtigste. Die Handys sind uns zur natürlichen Körperverlängerung geworden.«

Er blickt auf die grau verhangene Landschaft, öffnet eine Flasche Almdudler. »Absolut koscher«, sagt er, dreht sich um und lächelt. Das wisse er über die App, die der Kollege Militärrabbiner Shlomo Afanasev für sichere Lebensmittel entwarf. Im letzten Monat hat Portnoy 3000 Kilometer allein im Dienstwagen zurückgelegt. Von Leipzig aus ist er zuständig für 48 Standorte in vier Bundesländern. Da braucht es österreichische Kräuterlimonade.

Zehn Militärrabbiner sollen es werden, an jedem Standort ist jeweils ein orthodoxer und ein liberaler vorgesehen

Zu seinen Aufgaben gehören auch Gelöbnisse, Kommandoübergaben, Gedenkveranstaltungen, Sommerfeste. Die jüdischen Seelsorger sind viel beschäftigt, seit im Juni 2021 Zsolt Balla als Militärbundesrabbiner in sein Amt eingeführt wurde, als erster in der Geschichte der Bundeswehr. Dann kamen die fünf Außenstellen, zuletzt Köln. Zehn sollen es werden, an jedem Standort ist jeweils ein orthodoxer und ein liberaler Rabbiner vorgesehen. »Für die jüdischen Soldaten markiert das einen Unterschied, für die anderen Soldaten ist es nicht wirklich relevant«, sagt Portnoy.

Im Frühjahr 2024 war Rabbiner Konstantin Pal als Teil der »Standing NATO Mine Countermeasures Group 1« im Einsatz. Drei Monate betreute er den deutschen Verband an Bord des Tenders »Donau« im Nordatlantik, in der Nord- und Ostsee. Es war der erste Einsatz eines deutschen Militärrabbiners seit dem Ersten Weltkrieg. Aber die jüdisch-militärische Seelsorge sei wesentlich älter, meint Portnoy. »Pinchas, Sohn von Eliezer, war ein Kohen, ein Priester, speziell für die Armee und den Kriegsfall gesalbt. Er sprach mit den Soldaten, wenn sie Angst hatten.« Viertes Buch Mose. Portnoys dunkle Augen blitzen. Ein noch früherer Militärgeistlicher sei ihm nicht bekannt. Baustelle bei Dessau.

Nils Ederberg ist jetzt als Militärrabbiner in Hamburg für sechs Jahre verbeamtet. »Die christlichen Kollegen sind auf Lebenszeit bei den Kirchen angestellt und werden an die Militärseelsorge ausgeliehen. Rabbiner hingegen haben keine Anstellung, in die sie zurückkehren könnten«, sagt er.

Sein Standort ist die Clausewitz-Kaserne in Blankenese. Die Führungsakademie der Bundeswehr ist ein moderner, lichtdurchfluteter Komplex aus Glas, Beton, Klinker und vielen Hörsälen. Von dort aus ist der liberale Rabbiner wie sein orthodoxer Kollege Portnoy »in großer Fläche unterwegs« und zuständig für Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen sowie Mecklenburg-Vorpommern. 40.000 Soldaten, Marine und Luftwaffe. »Ich finde den gesamtgesellschaftlichen Auftrag interessant.«

In der Truppe herrscht eine Neigung zu Kürzeln. 15 Uhr: K. u. K. – Kaffee und Kuchen.

Der kräftige Mann spricht mit einem Lächeln auf den Lippen: »Wir sind Exoten, und das wird angenommen.« Rabbinatsausbildung am Abraham Geiger Kolleg, Magister in Judaistik an der FU Berlin. Neun Jahre unterrichtete Ederberg jüdische Theologie in Potsdam. Jetzt seien die Kinder aus dem Haus, und er habe die nötige Freiheit, nur am Wochenende bei der Familie zu sein. »Die Arbeit hat auch einen Aspekt von Abenteuer.«

Und so langsam kommt Schwung in die Sache. »Wir haben zwei Aufgaben: einerseits Seelsorge und religiöse Begleitung. Für alle, egal welcher Konfession. Dass wir uns besonders um Juden kümmern, ist selbstverständlich.« Wer sich an den Militärrabbiner wende, tue dies »individuell und freiwillig«. Die zweite Aufgabe ist der Lebenskundliche Unterricht. Der ist für alle Soldaten 16 Stunden im Jahr verpflichtend und muss religionsneutral gehalten werden.

In der Bundeswehr herrscht eine natürliche Neigung zur Abkürzung. Oleg Portnoy besucht das FBZ Leipzig, das Familienberatungszentrum der General-Olbricht-Kaserne. An diesem Standort hat er sein Büro und bereitet den LKU vor, den Lebenskundlichen Unterricht, der unter Pol-Bil läuft, Politischer Bildung. Um 15 Uhr gibt es K. u. K, Kaffee und Kuchen, was unter den Soldaten wieder LeKu genannt wird, kurz für Lecker Kuchen. »Man gewöhnt sich an die Abkürzungen und Dienstgrade«, stöhnt Portnoy.

Der 47-Jährige wurde in Nikolaev in der Ukraine geboren. Mit Anfang 20 kam er nach Deutschland. Mutter Lehrerin, Vater Ingenieur, sollte er in einem besseren Land aufwachsen. In Hamburg studierte er Elektrotechnik. Besuchte in Berlin die Jeschiwa Bet Zion, nahm danach das Studium an der TU wieder auf, »bis ich merkte, dass ich für die Religion leben möchte«. Er absolvierte das Rabbinerseminar zu Berlin und wurde Rabbiner in Dessau. Seit 2018 betreut er die Jüdische Gemeinde in Halle. Bis heute. Als Militärrabbiner habe er jetzt eine Assistentin. »Ich muss lernen zu delegieren«, sagt er, mehr zu sich selbst.

Auf dem Kasernenrasen vor den Backsteingebäuden wachsen Champignons

Auf dem Kasernenrasen vor den Backsteingebäuden wachsen Champignons. Portnoy schultert Rucksack und den Hutkoffer. In seinem Büro fehlt noch eine Kaffeemaschine. In den Regalen die Rubin-Edition The Prophets, Für Schabbat und Feiertage; im Schrank der Schofar. Er zieht ein paar kolorierte Kalender aus der Schublade, die er heute mitbringt: »Rabbinische Antworten auf jede Frage.« Die hat seine Frau hergestellt.

10.30 Uhr. Im FBZ Leipzig warten die Oberstabsfeldwebel Conrad Döring und Stabsfeldwebel Heiko Stehr. Herzliche Begrüßung. Das Zentrum betreibt alles von der Kinderbetreuung bis zur Finanzberatung. Zusammen mit Portnoy, Pfarrern, Psychologen, Sozial- und Sanitätsdienst bilden sie das psychosoziale Netzwerk (PSN) der Truppe. »Wir sind die Spinne im Netz«, sagt Stehr, »und versuchen entsprechend zu vermitteln.« Portnoy muss kurz zum General, »habe ihn lange nicht gesehen«.

Kickertisch, Kekse, Spielecke. Wie Papa wieder lachen lernt steht neben einer Flasche Gin, Sonderedition »Fregatte Sachsen«, ein handfestes Geschenk »für die gute Unterstützung«. »Im Kern ist die Bundeswehr immer noch eine Männerdomäne«, sagt Stehr, »da outet man sich nicht so schnell«: Probleme des fernen Standorts. Schwerpunkt Einsatzbegleitung. Das Kind kommt nicht zurecht, die Mutter ist allein. »Wir sind froh, jemanden wie Rabbiner Portnoy zu haben«, bestätigen die Offiziere.

Und spätestens jetzt wird klar: Es geht um mehr als Ethik-Unterricht und warme Worte. »Natürlich ist es wichtig, ein Bild zu vermitteln, Vorurteile abzubauen«, sagt Portnoy. Aber die meisten »Bürger in Uniform« wenden sich an ihn, den orthodoxen Rabbiner, weil sie existenzielle Fragen haben. Und weil sie wissen, dass die Geistlichen schweigen. »Da ist es egal, ob sie jüdisch, evangelisch oder katholisch sind«, sagt Stehr. Im nächsten Jahr geht Portnoy selbst zwei Monate zur »Einsatzgleichen Verpflichtung« nach Litauen. Darüber sprach er mit dem General.

Auch Nils Ederberg wird nächstes Jahr voraussichtlich im europäischen Ausland im Einsatz sein, als einziger Seelsorger des deutschen Kontingents. Wo genau, ist noch unklar. »Die Soldaten sind raus aus dem Alltag, unter verschärften Bedingungen. Wir sind die Einzigen außerhalb der Hierarchien.« Und an der Akademie ist er ganz vorne dran an der Neuausrichtung der deutschen Verteidigung.

Vielen Soldaten dämmert: Der Krieg ist nicht weit weg. Sie rechnen mit dem Ernstfall.

»Die Bundeswehr stellt sich im Zuge der russischen Bedrohung neu auf und muss wachsam sein«, sagt Ederberg. Es sei wichtig, die Soldaten dabei zu begleiten. »Angesichts des Krieges in Europa stellt sich die Frage ganz aktuell, wie Menschen miteinander umgehen.«

Vielen Soldatinnen und Soldaten dämmert: Der Krieg ist nicht weit weg. »Wegen Putin rechnet man mit dem Ernstfall«, sagt Portnoy auf dem Weg nach Dresden. »Man befürchtet Sabotage, Angriffe auf die Infrastruktur. Es werden Szenarien durchgespielt, mit vielen Toten und Verletzten, und wie die Seelsorger dann helfen sollen. Wir müssen sensibilisieren.«

»Die Gespräche werden sehr geschätzt«, sagt Nils Ederberg. »Es geht um ethische Fragen: Wie verhalte ich mich im Kriegsfall? Wie kann ich unter diesen Bedingungen Recht und Gesetz aufrechterhalten? Was passiert, wenn Russland wirklich angreift? Wie kann ich mich so verhalten, dass ich morgens in den Spiegel sehen und ein guter Mensch bleiben kann?« Man müsse »zuhören, begleiten, ohne übergriffig zu sein«.

14 Uhr, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr. Ein metallenes Dreieck von Daniel Libeskind zerschneidet den Altbau, die Institution arbeitet eng mit der Offizierschule des Heeres und der Graf-Stauffenberg-Kaserne zusammen. Hier finden Lehrgänge statt, hält Portnoy Vorträge und den LKU, hier hat sein Sohn Praktikum gemacht. Heute geht es um Portnoys Beiträge zur nächsten Dauerausstellung. 15.30 Uhr. Treffen mit Militärdekan Klaus Kaiser in einem Altbausalon der Kaserne mit Blick auf herbstwelkes Laub. K. u. K.

Ziel sei die flächendeckende Seelsorge aller Konfessionen, sagt Militärdekan Klaus Kaiser

Kaiser, ein hochgewachsener Lutheraner mit nordischem Idiom, ist Dienstherr der Militärseelsorger. »Alle Soldaten sollen ihre Religion leben können«, sagt er. Das Judentum habe lange gefehlt, jetzt fehle noch der Islam. Das System Bundeswehr hat seine Tücken. »Sie kommen zu uns und fragen: Was passiert, wenn ich zu einem Psychologen gehe?«
Ziel sei die flächendeckende Seelsorge aller Konfessionen. Klaus Kaiser verweist auf die Tradition der Garnisonkirchen. »Das hat etwas mit der Armee zu tun. Ein Soldat, der in Krisen gerät, ist nicht einsatzfähig. Das ist von der Bundeswehr nicht ganz selbstlos.« Zum Abschied umarmt er den Rabbiner herzlich und flachst: »Eigentlich haben Sie einen Diensthubschrauber verdient.«

18.10 Uhr, Bahnhof Dresden-Neustadt. Der ICE nach Berlin hat 50 Minuten Verspätung. Rabbiner Portnoy steht am Gleis, zieht ein schwarzes Basecap aus seinem Rucksack und das private Handy aus der Tasche. Er ruft einen hebräischen Text auf und sagt das Abendgebet. Der Zug fährt ein. Die Truppe hat ihre Vorzüge. Der Rabbiner reist erster Klasse.

Jerusalem/Tel Aviv

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