Wuligers Woche

Kalt bis ins Herz

»Nach dem Massaker von Pittsburgh stand ich unter Schock. Wäre ich zu dem Zeitpunkt gebeten worden, darüber zu schreiben, ich hätte abwinken müssen.« Foto: imago/Levine-Roberts

Vielleicht bin ich überempfindlich. Nach dem Massaker von Pittsburgh stand ich jedenfalls unter Schock. Wäre ich zu dem Zeitpunkt gebeten worden, darüber zu schreiben, ich hätte abwinken müssen. Die innere Distanz, die es dazu braucht, hatte ich nicht.

Andere scheinen da seelisch robuster zu sein. Armin Langer zum Beispiel, der Lieblingsjude der deutschen Linksliberalen. Die Toten waren noch nicht begraben, da instrumentalisierte Langer sie bereits zu Kronzeugen seiner politischen Agenda.

»Die Gemeinde Tree of Life (...) engagiert sich seit Jahren beim HIAS, einem jüdischen Verein, der Geflüchtete in den USA unterstützt«, postete er Sonntagfrüh auf seinem Facebook-Account. »Der Hass gegen Muslime und Geflüchtete betrifft auch Juden. Eine Allianz zwischen unseren marginalisierten Gemeinschaften ist wichtiger denn je.« Punkt. Absatz. »Mein Beileid mit den Familien der Opfer.«

zwecke Armin Langer ist nicht der Einzige, der den Massenmord von Pittsburgh für seine eigenen Zwecke nutzte. Er steht in einer Reihe mit Donald Trump, der den Opfern quasi Mitschuld an ihrem Tod gab, weil die Synagoge kein bewaffnetes Sicherheitspersonal hatte. Ganz zu schweigen von den Israelkritikern, die nichts Besseres zu tun hatten, als einen kausalen Zusammenhang zur Lage in Nahost zu konstruieren.

Ein besonders widerwärtiges, wenngleich bei Weitem nicht das einzige Exempel, war ein Tweet des britischen Oberhausmitglieds Baroness Jenny Tonge: »Absolut schrecklich und verbrecherisch. Aber haben Bibi und die gegenwärtige israelische Regierung mal darüber nachgedacht, dass ihr Verhalten gegenüber den Palästinensern den Antisemitismus vielleicht neu entfacht?«

Das sind nur drei von vielen Beispielen. Sich damit inhaltlich auseinanderzusetzen, macht wenig Sinn. Es handelt sich nicht um ein politisches Phänomen. Erklären lässt es sich am ehesten mit einer Kategorie aus der Psychologie. Die spricht von Indolenz, der seelischen Unempfindlichkeit gegenüber eigenem Schmerz und vor allem dem anderer, als Zeichen innerer Verrohung.

teilnahmslos Der Zufall will es, dass dieser Tage im Berliner Verlag Hentrich & Hentrich ein Buch erscheint: Vor aller Augen. Die Deportation der Juden und die Versteigerung ihres Eigentums, herausgegeben von Andreas Nachama und Klaus Hesse.

Man sieht dort, wie die Bewohner der badischen Stadt Lörrach teilnahmslos dabei zuschauen, wie ihre jüdischen Mitbürger von der Polizei auf Lkws abtransportiert werden, um sich wenige Tage später fröhlich in Schlussverkaufsmanier bei einer Versteigerung des Hab und Guts der Deportierten um die Schnäppchen zu drängen.

Indolenz damals, Indolenz heute. Ja, ich weiß: Man muss mit historischen Parallelen vorsichtig sein. Aber das Gefühl beschleicht mich, dass meine lebenslange Hoffnung, die Menschen hätten aus der Geschichte gelernt, wohl eine Illusion war, oder besser: eine Selbsttäuschung. Doch das ist natürlich subjektiv. Vielleicht bin ich überempfindlich.

Rom

»Jagd auf Juden«: Jüdische Organisationen verurteilen Doppel-Angriff auf Tourist mit Kippa

Einer von meheren mutmaßlichen Tätern ist gefasst. Jüdische Organisationen in Italien zeigen Solidarität mit dem Opfer

 13.08.2026

Offener Brief

Lieber Heinz Rudolf Kunze, ...

Malca Goldstein-Wolf schreibt dem Sänger Heinz Rudolf Kunze einen Offenen Brief, denn was sie von ihm im Fernsehen hörte, machte sie fassungslos

von Malca Goldstein-Wolf  12.08.2026

Die iranische Atomanlage Fordo vor den amerikanischen Angriffen

Iranisches Atomprogramm

Fordo: Der Mossad war da

Yossi Cohen leitete den israelischen Auslandsgeheimdienst von 2015 bis 2021. Unter seiner Ära hätten israelische Spione die iranische Atomanlage Fordo mehrmals in Augenschein genommen

 12.08.2026

Meinung

Warum die Begründung des OLG Zweibrücken nicht überzeugt

Der Beschluss des Pfälzischen Oberlandesgerichts zur Gleichsetzung von Davidstern und Hakenkreuz zeigt, wie die bestehende Dogmatik angesichts des Anstiegs des Antisemitismus in der Gesellschaft an Grenzen stößt

 12.08.2026

Kommentar

UNRWA: Fakten statt Tabus

Warum Kritik am Palästinenserhilfswerk auf Schweigen und Ablehnung stößt

von Duki Dror  12.08.2026

Nordhessen

Vier Meter großes Hakenkreuz in Asphalt gebrannt

Die Polizei sucht nun nach den Täter, der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen

 12.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Vorfall

»Hitler« und »Freies Palästina«: Jüdisches Gebetbuch antisemitisch beschmiert

Ein Mitarbeiter des deutsch-jüdischen Vereins »WerteInitiative« bestellte einen Machsor für die anstehenden Feiertage – doch als er ihn zu Hause öffnete, fand er darin eindeutige Schmierereien

von Mascha Malburg  12.08.2026

Tel Aviv/Gaza/Brüssel

Israel verlängert zwei EU-Missionen in Palästinensergebieten

Die EU hilft bei der Ausbildung palästinensischer Polizisten und der Überwachung des Rafah-Grenzübergangs. Beide EU-Missionen können nun aus Sicht Israels bis 2027 weitergehen

von Cindy Riechau  12.08.2026