Justizreform

Herzog warnt vor Staatskrise

Präsident Isaac Herzog Foto: Flash90

Israels Präsident Isaac Herzog hat angesichts des erbitterten Streits um die Justizreform der rechts-religiösen Regierung vor einer Staatskrise gewarnt. »Wir sind in einer schlimmen, sehr schlimmen Lage«, mahnte Herzog am Montagabend. Er sprach von einem »inneren Kampf, der uns zerreißt«.

Es müsse mit aller Macht eine Einigung erzielt werden, um Israel aus der Krise zu führen. Kritiker werfen der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor, die unabhängige Justiz des Landes schwächen zu wollen und damit faktisch die demokratische Gewaltenteilung aufzuheben.

Proteste Trotz wiederholter Massendemonstrationen im eigenen Land treibt die Regierung ihre Justizreform im Parlament weiter voran. Die Knesset in Jerusalem billigte am Montagabend nach stundenlangen Debatten eine Gesetzesänderung, die es deutlich schwerer machen soll, einen Ministerpräsidenten für amtsunfähig zu erklären. 61 von 120 Abgeordneten stimmten in erster Lesung dafür und 51 dagegen.

Bis die Änderung in Kraft tritt, sind noch zwei Lesungen notwendig. Der Entwurf legt fest, dass für die Abberufung eines Ministerpräsidenten eine Dreiviertelmehrheit im Parlament nötig ist. Zur Begründung dürften nur gesundheitliche Gründe herangezogen werden.

Eine Nichtregierungsorganisation reichte jüngst eine Petition beim Höchsten Gericht ein, damit Netanjahu wegen eines gegen ihn laufenden Korruptionsprozesses für amtsunfähig erklärt wird. Aus ihrer Sicht ist die Gesetzesänderung auf seine persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten und soll ihn vor Strafe schützen.

Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara warnte vor »absurden Situationen« und einem »schwarzen Loch«, wenn der Ministerpräsident nicht mehr aufgrund eigener Verfehlungen abberufen werden könne.

Weil Israel keine schriftliche Verfassung hat und der Staat stattdessen auf einer Sammlung von Grundgesetzen fußt, kommt dem Höchsten Gericht besondere Bedeutung bei der Wahrung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten zu.

Staatspräsident Herzog hatte bereits im Februar vor einem verfassungsrechtlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch Israels gewarnt, falls die Regierung ihre Pläne gegen alle Widerstände durchsetzen sollte. Netanjahus Regierung argumentiert dagegen, das Höchste Gericht übe derzeit zu viel politischen Einfluss aus. Die Koalition ist die am weitesten rechts stehende, die das Land je hatte.

In der Nacht zum Dienstag waren im Parlament zudem eine Debatte und Abstimmung über weitere Teilaspekte der Justizreform geplant. Die Volksvertretung soll demnach Entscheidungen des Höchsten Gerichts aufheben können - und das mit einfacher Mehrheit. Außerdem soll die Fähigkeit des Gerichts einschränkt werden, Gesetze aufzuheben. Kritiker sehen dadurch die Gewaltenteilung als Pfeiler der Demokratie in Gefahr. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte sich bereits besorgt über das umstrittene Vorhaben geäußert.

Nach Medienberichten will die Regierung noch in diesem Monat Kernelemente der Reform im Schnellverfahren durchsetzen. Ziel ist auch, dass Politiker mehr Einfluss bei der Ernennung von Richtern erhalten. Netanjahus Regierung wäre dann die erste, die davon profitieren und unliebsame Kandidaten verhindern könnte.

Nach mehreren Massenprotesten auf den Straßen des Landes häufen sich inzwischen die Warnungen, Israel steuere auf eine gefährliche Staatskrise hin. Netanjahu warf den israelischen Medien am Montag vor, gezielt Falschmeldungen zu dem Thema zu verbreiten. Allerdings wächst inzwischen auch die Kritik traditioneller Verbündeter wie der USA am Vorgehen der Regierung Netanjahus.

Herzog sagte, er spreche mit allen beteiligen Seiten, um eine Lösung zu finden, »die die Grundsätze des Staates Israel für viele Generationen« absichere. Es handele sich dabei »nicht um einen politischen Kompromiss, sondern um eine Sisyphusarbeit im Bemühen, die richtige Formel des Ausgleichs und der Hoffnung zu finden«. dpa

Potsdam

Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye ist tot

Der Journalist und Autor prägte als Gründer von »Gesicht Zeigen!« den Kampf gegen Rechtsextremismus. Nun ist seine Stimme verstummt

 04.08.2026

Dessau-Roßlau

Schulze: Ich habe eine andere Meinung zum Thema Völkermord

Auftritte des Kabarettisten Dieter Hallervorden bei CDU-Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt hatten bei den Christdemokraten teils für große Irritationen gesorgt. Der Spitzenkandidat verteidigt das Format

 04.08.2026 Aktualisiert

Washington D.C./Teheran

Trump kündigt Iran-Gespräche an – Eigene Regierungsbeamte und Teheran widersprechen Darstellung

Der Sprecher des iranischen Außenministeriums sagt, derzeit gebe es keinerlei direkte Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten. Der US-Präsident wirft den Iranern eine »Doppelzüngigkeit« vor

 04.08.2026

Spanische Nordafrika-Exklave

Wie kam es zur Ceuta-Krise?

Die Ereignisse in Ceuta werfen viele Fragen auf: Duldeten marokkanische Sicherheitskräfte den Ansturm? Welche Motive könnte es gegeben haben? Und wer profitierte von den chaotischen Szenen?

 03.08.2026

Schifffahrt

Iran und Oman planen Rundkurs in Straße von Hormus

Als Folge des Konflikts mit den USA verhandelt Teheran mit Maskat über neue Fahrrinnen im Nadelöhr des internationalen Gas- und Ölhandels. Im Gespräch ist ein neues Routenmodell

 03.08.2026

Montréal

Verdacht auf Brandanschlag: Koscheres Restaurant zerstört

Die Behörden untersuchen den Vorfall als möglichen Brandanschlag. War auch diese Tat antisemitisch motiviert?

 03.08.2026

Studie

Spaniens Migrationskrise wird online mit antisemitischen Verschwörungsmythen verknüpft

Innerhalb von zwei Tagen erreichten Beiträge, die Israel für den Flüchtlingssturm auf Ceuta verantwortlich machen, beinahe 60 Millionen Nutzer

 03.08.2026

Nahost

Trump kündigt neue Gespräche mit Iran an – Verhandlungen sollen heute beginnen

»Eine Vereinbarung steht unmittelbar bevor«, erklärt der amerikanische Präsident. Israel, das an dem zunächst geplanten Angriff auf den Iran mitwirken sollte, erfuhr von dessen Absage in sozialen Medien

 03.08.2026

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und die Debatte über die Religionsfreiheit

von Michael Thaidigsmann  02.08.2026