Berlin

Jüdische Gemeinde in der Brunnenstraße meldet zweiten Angriff

Seit 3:00 Uhr gab es gleich zwei versuchte Anschläge auf das Jüdische Gemeindezentrum in der Berliner Brunnenstraße. Foto: picture alliance/dpa

Am Mittwoch um kurz vor 9 Uhr kam es zu einem versuchten Anschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum in der Berliner Brunnenstraße im Bezirk Mitte. Trotz einer weiträumigen Polizei-Absperrung, die wegen eines früheren Anschlagversuchs zu dem Zeitpunkt bestand, raste »ein Mann mit einem Palästinensertuch vor dem Gesicht auf einem E-Roller« zum Eingang des Gemeindezentrums, wie es in einer Pressemitteilung der betroffenen Gemeinde hieß.

Der Täter versuchte dort demnach, einen Gegenstand aus seiner Tasche zu ziehen, wurde allerdings »von der anwesenden Polizei sofort verhaftet«. Das Gemeindezentrum beherbergt die Synagoge der Kahal Adass Jisroel Gemeinde, eine jüdische Schule und Kita sowie das Hildesheimer Rabbinerseminar zu Berlin.

Schon einige Stunden zuvor, am Mittwoch um 3:00 Uhr früh, war es zu einem versuchten Anschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum gekommen, bei dem niemand verletzt wurde. Unbekannte warfen dabei zwei Molotow-Cocktails von der Straße aus in Richtung des Gebäudes, wie aus einer weiteren Pressemitteilung hervorgeht. »Personen und Gebäude blieben dabei unversehrt.«

Bestürzung und Verunsicherung

Nach diesem Vorfall war das Gebiet um das Gemeindezentrum weiträumig von der Polizei abgesperrt worden. Der Staatsschutz beim Berliner Landeskriminalamt ermittelt.

»Wir sind bestürzt von dem Anschlag auf unser Gebäude, das Synagoge, Schule und Kindergarten beherbergt«, erklärte Kahal Adass Jisroel. »Eltern und Kinder sind sehr verunsichert, sind aber nicht bereit, aktives jüdisches Leben einzustellen. Es zeigt, wie wichtig und notwendig der größtmögliche Schutz unserer Einrichtungen ist und wir werden uns an die Jüdische Gemeinde zu Berlin und den Senat wenden, um diesen sicherzustellen.«

Auch der Zentralrat der Juden nahm Stellung: »In den Morgenstunden des 18. Oktober 2023 haben zwei Täter die Synagoge in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte mit Molotow-Cocktails attackiert. Das Gebäude, in dem sich neben der Synagoge noch eine jüdische Schule und Kita befindet, ist glücklicherweise nicht in Brand geraten«, so die jüdische Dachorganisation.

Psychischer Terror

»Wir alle sind erschüttert über diesen Terroranschlag. Vor allem sind die Familien aus dem Umfeld der Synagoge schockiert und verunsichert«, erklärte der Zentralrat. »Aus Worten werden Taten. Die Vernichtungsideologie der Hamas gegen alles Jüdische wirkt auch in Deutschland.« Der »Tag des Zorns« sei nicht nur eine Phrase. »Es ist psychischer Terror, der in konkrete Anschläge mündet.«

»Auch wenn die genauen Hintergründe des Brandanschlages noch ermittelt werden müssen, ist eine Verbindung zu den fortdauernden antisemitischen Ausschreitungen in Berlin naheliegend«, schrieb der Zentralrat der Juden am Mittwoch. »In der Nacht auf den 18. Oktober sammelte sich ein islamistischer Mob von mehreren hundert, vor allem jungen, Menschen am Brandenburger Tor.«

»Angefacht wurden Sie durch die Meldung der Hamas, die den Raketentreffer eines Krankenhauses in Gaza der israelischen Armee zuschrieb«, hieß es. »Obwohl schon generell die Erklärung einer Terrororganisation infrage gestellt werden muss, verbreiteten auch viele deutsche Medien diese Meldung schlagzeilenartig. Schnell wurde klar, dass mit großer Wahrscheinlichkeit eine verunglückte Terrorrakete für den tragischen Treffer verantwortlich war.« Für die Social Media Feeds sei dies »natürlich irrelevant« gewesen.

Intensivierte Sicherheitsmaßnahmen

Laut Zentralrat ist das ist »auch vor dem Hintergrund des späteren Anschlages auf die Synagoge in der Brunnenstraße mehr als tragisch. Wir haben alle eine Verantwortung dafür, dass unschuldige tragische Opfer nicht für widerwärtige Terrorpropaganda missbraucht werden.«

Nach dem großangelegten Terrorangriff der Hamas auf Israel, bei dem am 7. Oktober 1400 Israelis ermordet und mindestens 199 als Geiseln genommen wurden, hatte Berlin die Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen verstärkt. Die jüngsten Ereignisse - darunter sowohl die versuchten Anschläge als auch die vielen antisemitischen Demonstrationen - könnten eine weitere Intensivierung erforderlich machen.

Sarah Serebrinski, die Geschäftsführerin des im Jüdischen Gemeindehaus untergebrachten Rabbinerseminars zu Berlin, kommentierte die versuchten Anschläge ebenfalls. Diese seien erschreckend, sagte sie. »Natürlich bleibt ein bisschen Angst, doch wir lassen uns nicht einschüchtern. Stattdessen sind wir zuversichtlich, dass der Schutz der Einrichtung intensiviert wird.«

»Israelfeindliche Parolen«

Am späten Vormittag veröffentlichte die Polizei schließlich eine Erklärung. Wegen schwerer Brandstiftung werde ermittelt, hieß es darin. Die Molotow-Cocktails der Personen, die den ersten Anschlag verüben wollten, brannten demnach, als sie in Richtung der Synagoge geworfen wurden. Auf dem Gehweg seien sie zerbrochen, worauf die Feuer von selbst erloschen.

»Anschließend rannten die beiden Vermummten davon«, so die offizielle Pressemitteilung der Berliner Polizei. »Dort, wo sie sich zuvor befanden, brach anschließend ein kleines Feuer aus, das umgehend von einem Mitarbeiter des Zentralen Objektschutzes mit einem Feuerlöscher gelöscht wurde, wodurch weitere Folgen verhindert wurden. Die Absuche der Umgebung durch zur Unterstützung alarmierten Einsatzkräfte verlief erfolglos. Die Ermittlungen dauern an.«

Der Täter, der später den zweiten Anschlag in der Brunnenstraße verüben wollte, ist 30 Jahre alt. Bei seiner Verhaftung vor Ort leistete er Widerstand und rief »volksverhetzende sowie israelfeindliche Parolen«. Nach einer Identitätsfeststellung wurde der Mann am Ort entlassen. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt auch in diesem Fall.

Radikalismus und barbarische Einheiten

Die israelische Botschaft in Berlin erklärte, der Angriff auf die Berliner Synagoge mit Molotow-Cocktails sei nur ein paar Tage nach der Kennzeichnung von Häusern mit jüdischen Bewohnern mit Davidsternen erfolgt. »Wir vertrauen darauf, dass die deutschen Sicherheitsbehörden den Fall mit der gebotenen Härte behandeln werden«, schrieb die Botschaft auf X.

»Dies ist ein entscheidender Moment für jede Demokratie«, so die Botschaft. Es gehe darum, zu entscheiden, »ob wir an der Seite derjenigen stehen, die Terror, Radikalismus und barbarische Einheiten bekämpfen, oder ob wir schweigen und das Böse ermöglichen, das von Terroristen und ihren Unterstützern begangen wird – sei es im Nahen Osten oder mitten in Europa.«

Am Nachmittag äußerten sich die Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER) und der Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) in einer gemeinsamen Erklärung: »Mit großem Entsetzen müssen wir sehen, wie sich der Nahostkonflikt inzwischen auch auf den Straßen in Deutschland entlädt.«

Parallelsystem an Unterstützern

Wer jetzt jüdische Einrichtungen wie in Berlin und die hier lebenden jüdische Gemeinde aus einem falschem Solidaritätsverständnis für die alles andere als friedliche palästinensische Sache angreife, habe nichts verstanden und mache sich zum nützlichen Idioten der Terrororganisation Hamas, so die CER und der ORD-Vorstand.

»Es ist offensichtlich, dass in Deutschland ein Parallelsystem an Unterstützern und Mitläufern des islamistischen Terrors, ob nun Hamas, Hisbollah oder Daesh (IS) entstanden ist und die Gastfreundschaft Deutschlands von solchen Personen inzwischen so schamlos missbraucht, dass diese nicht nur die nationale Sicherheit und das Leben der hier lebenden Jüdinnen und Juden gefährden, sondern damit auch ihr Recht auf einen weiteren Aufenthalt hierzulande verwirkt haben«, erklärten die beiden Organisationen.

Wenn auf offene Anfeindungen und Angriffe nicht mit absoluter Härte reagiert werde, »müssen wir damit rechnen, dass sich diese Angriffe gegen die allgemeine Bevölkerung in Deutschland fortsetzen werden, so wie sich die Angriffe der Isis in Frankreich zunächst gegen Juden, dann aber auch gegen die allgemeine Bevölkerung richteten.« im

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