#2021JLID

Judentum gehört zu Deutschland

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält »Meet a Jew« für ein überzeugendes Projekt. Foto: pr

#2021JLID

Judentum gehört zu Deutschland

Grußwort von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

 19.02.2021 11:37 Uhr

Welch beeindruckende Zeitspanne! 1700 Jahre jüdisches Leben feiern wir überall in Deutschland in diesem Jahr, und es war mir eine Freude und ein ganz besonderes Anliegen, als Bundespräsident die Schirmherrschaft für dieses Festjahr zu übernehmen – ein Jahr, in dem wir uns überall in unserem Land auf die Spuren jüdischen Lebens, jüdischer Kultur begeben.

Erstes offizielles Zeugnis jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands ist das Edikt des römischen Kaisers Konstantin im Jahr 321, das es Juden in Köln erlaubte, öffentliche Ämter zu bekleiden. Seither gehört das Judentum zu Deutschland, gehören Juden zu Deutschland – ich glaube, vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie tief das Judentum verwoben ist mit der Geschichte und Kultur unseres Landes, wie sehr es sie mitgeschrieben und mitgeprägt hat. Und ich hoffe und wünsche mir sehr, dass es in diesem Festjahr gelingt, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen!

vielfalt Ich bin zutiefst dankbar, dass nach dem Zivilisationsbruch der Schoa wieder jüdisches Leben in Deutschland möglich ist, dass es wieder aufblühen konnte und heute so vielfältig, jung und voller Schwung ist. Das ist ein unermessliches Glück für unser Land.

Und deshalb freue ich mich so auf dieses Festjahr. Es ist ein ganz wichtiges Signal. Ich bin sicher, dass es da sehr viel Neues und Faszinierendes zu lernen und zu entdecken gibt aus dieser langen Geschichte, nicht nur in den großen Städten, sondern gerade auch in den vielen kleineren Orten auf dem Land, in denen es einst blühende jüdische Gemeinden gab.

Aber es geht natürlich nicht nur um einen Blick zurück. Jüdisches Leben mit all seiner Vielfalt, seinen Traditionen und Feiertagen ist auch heute wieder ein Teil unseres Alltags, es gehört zu uns und es bereichert uns. Ich würde mir wünschen, dass wir uns dessen stärker bewusst werden und dafür offen aufeinander zugehen, Juden und Nichtjuden, Christen, Muslime und Menschen, die nicht religiös sind.

Wir alle, der Staat und die Sicherheitsbehörden, aber auch jede und jeder Einzelne müssen dafür einstehen, dass Jüdinnen und Juden sich in Deutschland sicher und zu Hause fühlen.

Diese Offenheit, diese Neugier, dieses Aufeinanderzugehen, das ist es, was wir in einer toleranten, liberalen Gesellschaft brauchen! Es erfüllt mich mit Sorge, dass die Gräben in den vergangenen Jahren tiefer geworden sind. In einer Zeit, in der Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit sich viel offener zeigen, in der ein von Hass getriebener Attentäter am höchsten jüdischen Feiertag eine voll besetzte Synagoge angreift und zwei Menschen ermordet, in einer solchen Zeit fragen sich viele Juden in unserem Land erneut, ob das noch ihr Land ist. Das schmerzt mich! Das dürfen wir nicht hinnehmen! Da müssen wir aktiv gegensteuern.

Wir alle, der Staat und die Sicherheitsbehörden, aber auch jede und jeder Einzelne müssen dafür einstehen, dass Jüdinnen und Juden sich in Deutschland sicher und zu Hause fühlen. Wir müssen aufstehen, wenn Juden verunglimpft, verhöhnt oder gar gewaltsam angegriffen werden! Wegschauen ist nicht erlaubt! Nur so können wir Antisemitismus, Vorurteile und Klischees, Hass und Hetze bekämpfen – und wir wollen sie bekämpfen!

dank Mein ganz herzlicher Dank geht an den Verein »321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« in Köln. Ohne ihn könnte dieses Festjahr nicht stattfinden. Und ich danke den jüdischen Gemeinden und all den vielen Menschen in den Ländern, Städten und Gemeinden, die die zahlreichen Ausstellungen, Gesprächsrunden, Konzerte, Lesungen, Theatervorführungen, Workshops und vieles mehr mit so viel Kreativität und Energie vorbereiten.

Ich wünsche Ihnen und uns allen ein schönes, bereicherndes, inspirierendes Festjahr! Hoffentlich können später im Jahr möglichst viele Veranstaltungen doch noch stattfinden, damit wir uns tatsächlich begegnen können!

Das Grußwort von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist erschienen in unserem 92-seitigen Magazin zu »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«.

Debatte

Zentralrat der Juden positioniert sich zum Thema AfD-Verbot

 05.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Terrorismus

In diesem Land gibt es keinen Platz für Islamisten. Sie sollten konsequent abgeschoben werden

Eine Klarstellung

von Jessie Katz  05.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Parteien

AfD-Chefin Alice Weidel äußert sich zu möglichen Koalitionen mit der CDU

Wie hält es die rechtsextreme Partei ihrerseits mit einer Annäherung an die Union?

 04.07.2026

Parteitag

AfD bestätigt Führungsduo – Chrupalla verliert an Rückhalt

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. Chrupalla muss allerdings Federn lassen. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter

von Anne-Beatrice Clasmann  04.07.2026

Essay

Die Sprache der AfD

Gewalt, NS-Bezüge und Antisemitismus: Wie die rechtsextreme Partei auch rhetorisch die Grenzen verschiebt. Eine linguistische Analyse

von Deborah Kämper  04.07.2026

Thüringen

Mehr als 30.000 Menschen protestieren gegen AfD-Parteitag

Trotz Blockaden bleibt die Stimmung meist friedlich – doch es gibt auch Zwischenfälle mit Pyrotechnik und Flaschenwürfen

von Simone Rothe  04.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026