Wittenberg

»Judensau« gehört ins Museum

Die als »Judensau« bekannte Schmäh-Skulptur an der Stadtkirche Wittenberg Foto: Gregor Zielke

Die Diskussion um das umstrittene »Judensau«-Relief an der Fassade der Wittenberger Stadtkirche geht weiter. Am Mittwoch plädierte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, dafür, die Schmäh-Skulptur zu entfernen.

Die Stadtkirchengemeinde sieht sich indes als »Erbin eines schwierigen Erbes, das nicht entsorgt werden soll, sondern als ein Geschichtszeugnis an Geschichte erinnern und über Geschichte aufklären soll«. Stadtkirchenpfarrer Johannes Block sagte, er setze sich für eine Weiterentwicklung dieser »Stätte der Mahnung« ein, die durch »eine künstlerisch zu gestaltende Wegmarke der Versöhnung« ergänzt werden sollte.

antijudaismus »Meiner Einschätzung nach gehört die Judensau ins Museum«, sagte Klein dem »RedaktionsNetzwerk Deutschland« (Mittwoch). Klein fügte hinzu: »An der Stelle, an der sich die Judensau jetzt befindet, sollte eine Hinweistafel angebracht werden. Die Tafel sollte aussagen, dass die evangelische Kirche mit der Entfernung der Judensau einen sichtbaren Beitrag zur Überwindung von Antijudaismus und Antisemitismus leistet.«

Pfarrer Block sagte: »Niemand in der Stadtkirchengemeinde ist glücklich über dieses Erbe. Ich teile das Entsetzen und den Schmerz über die Verspottung und Verunglimpfung des Judentums aus dem 13. Jahrhundert.« Seit 1988 sei die Schmähplastik aber kein Solitär mehr, sondern Teil einer »Stätte der Mahnung«, die auch von jüdischen Stimmen anerkannt werde.

Das Landgericht Dessau-Roßlau hatte Ende Mai entschieden, dass die Plastik vorerst an der Fassade der Stadtkirche Wittenberg hängen bleiben darf.

Eine Gedenktafel und eine Hinweistafel seien »Ausdruck der Trauer und der Distanzierung von der Geschichte des Antijudaismus und des Antisemitismus«. Die Gemeinde habe sich entschieden, das Erbe dieser Schmähplastik nicht zu verleugnen, sondern mit dem Originalstück am Originalplatz Geschichte zu präsentieren und aufzuarbeiten.

klage Durch eine laufende Klage sehe sich die Stadtkirchengemeinde in eine Position gerückt, als sei sie Befürworterin oder gar Auftraggeberin der Schmähplastik, fügte Block hinzu. Das Landgericht Dessau-Roßlau hatte Ende Mai entschieden, dass die Plastik vorerst an der Fassade der Stadtkirche Wittenberg hängen bleiben darf.

Das Vorhandensein des rund 700 Jahre alten Reliefs könne nicht als Kundgabe der Nichtachtung oder Missachtung gegenüber Juden in Deutschland verstanden werden, urteilte das Gericht. Es bestehe kein Beseitigungsanspruch seitens des jüdischen Klägers. Der Kläger Michael Düllmann hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Die Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Naumburg wurde auf den 21. Januar 2020 terminiert.

Das Sandsteinrelief war um das Jahr 1300 an der Südfassade der Stadtkirche angebracht worden. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz und in den After. Schweine gelten im Judentum als unrein. Ähnliche Spottplastiken finden sich an mehreren Dutzend weiteren Kirchen in Deutschland.  epd

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  28.10.2026

Brüssel

EU setzt nach Wahl in Israel auf enge Zusammenarbeit

Nach der Parlamentswahl in Israel stehen Verhandlungen über die nächste Regierung an. Die EU will mit ihr zusammenarbeiten – und zugleich bestehende Meinungsverschiedenheiten offen ansprechen

 28.10.2026

Meinung

Alice Weidel und die AfD-Leaks

Einer Partei, in deren Reihen NS-Verbrechen relativiert werden, dürfen der Schutz jüdischen Lebens und die Pflege der Erinnerungskultur niemals anvertraut werden.

von Michaela Dudley  28.10.2026

Vanessa Emde (Die Linke)

Berlin

So geht es im Streit um Vanessa Emde weiter

Die Linke tut sich schwer, einen Umgang mit der israelfeindlichen Abgeordneten zu finden, die sich über Fraktionsentschlüsse hinwegsetzt. »Hier geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit«, heißt es aus der Partei

 28.10.2026

Berlin

Polizei: Aufrufe zu Gewalt verfangen derzeit nicht

Bundesweite Aufrufe zum Protesttag an Halloween: Nach gewaltsamen Demonstrationen in Frankreich stellt sich die Berliner Polizei auf einen Großeinsatz ein. Hinweise auf Plünderungspläne gibt es nicht

 28.10.2026

Nürnberg

Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Reaktion

Laschet: Chancen auf politische Versöhnung in Israel gestiegen

Der Ausgang der Wahl in Israel ist unklar - die Auszählung dauert an. Doch CDU-Außenpolitiker Armin Laschet äußert sich in einer ersten Einschätzung zuversichtlich

 28.10.2026

Washington D.C.

Trump will Ben-Gvir offenbar aus Netanjahus nächster Regierung heraushalten

Angesichts der unklaren Mehrheitsverhältnisse nach der Parlamentswahl könnte der US-Präsident zudem auf eine nationale Einheitsregierung drängen

 28.10.2026

Meinung

Wieder ein »kleiner Geländegewinn«

Die Linken-Abgeordnete Vanessa Emde hat es erneut geschafft, die Regierungsunfähigkeit ihrer Partei zu demonstrieren

von André Anchuelo  28.10.2026