Essay

Jetzt müssen konkrete Taten folgen

Der Angriff auf einen Berliner Rabbiner sorgt für Schlagzeilen. Foto: Marco Limberg

Die Übergriffe mit antisemitischem Hintergrund nehmen zu. Der Angriff auf Rabbiner Daniel Alter und seine Tochter stellt in seiner Brutalität eine ganz neue Dimension dar. Und dennoch müssen wir berücksichtigen, dass es darüber hinaus eine unübersehbare Dunkelziffer von anderen Vorfällen gibt, die nicht zur Anzeige kommt oder öffentlich wird, weil die Betroffenen sich schämen oder traumatisiert sind.

Dass es sich bei den Tätern vermutlich um junge arabischstämmige Migranten handelt, schockiert, aber überrascht nicht. Der gewalttätige Antisemitismus unter jungen Muslimen ist nicht neu, ebenso wenig wie der unter Jugendlichen der Neonazi-Szene. Wir müssen uns fragen, ob wir das Thema nur dann ernst nehmen, wenn es eine Häufung derartiger Fälle gibt. Jeder Einzelfall ist einer zu viel!

solidarität Die deutsche Öffentlichkeit reagiert nun mit deutlichen Zeichen der Solidarität. Das ist auch gut so. Es ändert aber nichts an der Ursache des Problems. Die Einsicht, dass Gewalt kein Weg zur Lösung von sozialen, wirtschaftlichen oder persönlichen Problemen ist, ist eine Frage der Erziehung und Erfahrung, wie Vorbilder ihrerseits Herausforderungen lösen.

Die Beileids- und Solidaritätsbekundungen unserer muslimischen Freunde, speziell im vorliegenden Fall, sind ernst gemeint, und wir schätzen diese Gesten. Es wäre aber schön, wenn den Worten auch konkrete Taten folgen würden, wenn es darum geht, Gewalt und Antisemitismus in den eigenen Reihen nicht nur zu verurteilen, sondern konkret mit Bildungs- und Aufklärungsprogrammen zu bekämpfen. Es gibt Initiativen, aber viel zu wenige.

prävention Was wir brauchen, ist mehr und vor allem bessere Prävention. Wir brauchen Intervention und Repression. Wir brauchen mehr qualifizierte Jugendarbeit und Erziehung statt weniger. Initiativen zur gewaltlosen Schulung und Kompetenzstärkung im Umgang mit anderen Religionen, Kulturen oder Minderheiten müssen schon im Kindergarten ansetzen und in allen Teilen der Gesellschaft angeboten werden, nicht nur unter kosmopolitischen Eliten. Sie sollten gesellschaftlicher Konsens sein. Davon sind wir aber weit entfernt.

Schließlich sollten Strafen mit Blick auf die Verwerflichkeit der Motive schneller ausgesprochen und vollstreckt werden. Antisemitische Angriffe sind keine Lausbubenstreiche, sondern Gewaltakte, die Verletzte und traumatisierte Opfer zurücklassen. Im konkreten Fall ist es die siebenjährige Tochter des Rabbiners, die verbal und körperlich bedroht wurde.

Wir dürfen aber nicht erst aufschreien, wenn Blut fließt. Wir benötigen einen gesellschaftlichen Konsens, auch unter Minderheiten, dass jegliche Form von Gewalt, verbale eingeschlossen, in der Auseinandersetzung tabu ist.

gewalt Wie gehen wir Juden nun mit diesem Phänomen um? Wer jetzt empfiehlt, dass Juden ihre Religionszugehörigkeit nicht offen zeigen sollen, der muss sich fragen, wes Geistes Kind er ist. Hinter diesem Ratschlag verbirgt sich nämlich die Aussage, dass das Opfer eigentlich die Ursache des Angriffs geliefert hat und damit mindestens mittelbar selbst dafür verantwortlich ist. Das behaupten auch Antisemiten gerne. Eine derartige Empfehlung ermuntert die Straftäter doch geradezu. Denn offensichtlich erreichen sie genau dann ihre Ziele, wenn sie Angst und Schrecken durch Gewalt verbreiten. Das wäre die Kapitulation der freien Gesellschaft und des Rechtsstaates vor dem Terror. Das ist, um es höflich zu formulieren, perfide!

Im Angesicht solcher Angriffe kann die Antwort nicht heißen, dass wir als Juden uns verstecken. Wir beugen uns nicht dem antisemitischen Terror auf deutschen Straßen, gleichgültig, ob es radikale Muslime oder Neo-Nazis sind, die uns und damit die Gemeinschaft bedrohen. Es ist Aufgabe der Sicherheitsbehörden und der Gesellschaft, sich diesem Terror gegen Mensch und Ding entgegenzustellen und nicht zurückzuweichen oder gar den Kampf den Betroffenen selbst zu überlassen.

Jom Haschoa

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