Staatsräson

Israels Sicherheit

Angela Merkel am 18. März 2008 in der Knesset Foto: dpa

Kann sich Israel im Notfall auf Deutschland verlassen? Ja, sagten in der Israeldebatte des Bundestags eigentlich alle Parteien. Stimmt das?

Ein Blick aufs Gestern: 1956 war US-Präsident Eisenhower über Israel erbost. Er bat Kanzler Adenauer, die Wiedergutmachungszahlungen an Israel einzufrieren. Der sagte Nein – und lieferte mithilfe von Franz Josef Strauß den Israelis sogar Waffen. Vor dem Junikrieg 1967 schien Israel die Auslöschung durch Ägypten und Syrien zu drohen. Die Große Koalition von Kanzler Kiesinger und Außenminister Brandt blieb »strikt neutral« und war »mit dem Herzen« bei Israel. Israel siegte trotzdem.

jom-kippur-krieg 1973 hätte Kanzler Brandt zur Verhinderung des Jom-Kippur-Kriegs beitragen können. Golda Meir hatte ihn um Vermittlung gebeten. Was tat er? Nichts – und wollte dann sogar den USA den von Israel dringend benötigten Waffennachschub aus ihren BRD-Depots verbieten. Seit 2006 kreuzt die deutsche Marine vor dem Libanon. Sie soll iranische und syrische Waffenlieferungen an die Hisbollah-Terroristen verhindern. Sie wurden fortan über Land transportiert.

Unsere Leitfrage zum Morgen ist heute anders zu stellen: Könnte sich Deutschland auf Israel in sicherheitspolitischen Fragen verlassen? Ja! Deutschland kann seit Jahr und Tag bezüglich seiner inneren und äußeren Sicherheit auf Israel setzen.
Im Kalten Krieg profitierten Deutschland und andere NATO-Staaten von Israels Erfahrungen mit sowjetischen Waffen. Diese hatten seit 1955 besonders Ägypten (bis Mitte der 70er-Jahre) sowie der Irak und Syrien erhalten. Israel hat sie in Kampfhandlungen mehrfach ausgeschaltet oder erbeutet. Besonders den USA und Deutschland stellte Israel seine Erkenntnisse und nicht selten die erbeuteten sowjetischen Kriegsgeräte zur Verfügung.

In der präventiven und reaktiven Terrorabwehr ist Deutschland seit den späten 60er-Jahren mehr auf Israels Hilfe angewiesen als umgekehrt.

drohnen Verglichen mit Israel ist Deutschland militärtechnologisch fast ein Entwicklungsland. Drohnen leiht es sich von Israel, und das deutsche Anti-Raketen-Raketen-System ist mit dem israelischen nicht vergleichbar. Womit könnte die Bundeswehr auf Israel zielende iranische Mittelstreckenraketen abfangen? Auch im Bereich der Cyberoffensive und -defensive wird Deutschland ohne israelische Nachhilfe seinen Rückstand nicht so schnell aufholen.

Man übersehe nicht die teils jämmerliche Einsatzbereitschaft der seit Jahren unterfinanzierten und auch deshalb überforderten Bundeswehr. Wie soll und kann die schwache Bundeswehr, selbst wenn sie es – der deutschen Politik folgend – will, dem so starken Israel helfen? Denken wir an die derzeit in Jordanien stationierten deutschen Tornados. Sie bekämpfen den Islamischen Staat in Syrien – und stabilisieren somit – zwar nicht gewollt, aber faktisch – die Diktatur des Massenmörders Assad. Ihre Wirksamkeit überschätze man nicht, denn sie dürfen und können (nach Anfangspannen) nur fotografieren, nicht bombardieren.

Die deutsche Gesellschaft steht bereits den bisherigen Bundeswehreinsätzen mehr als kritisch gegenüber. Je gefährlicher der Einsatz, desto weniger Zustimmung in Deutschlands »postheroischer« Gesellschaft. Das deutsche Nach-, Nicht- und Anti-Heldentum kann man historisch und psychologisch erklären, nicht jedoch bestreiten. Im Vergleich zu einer etwaigen Rettungsaktion gegen mögliche Aggressoren wie den Iran und für Israel sind die jetzigen Afghanistan- oder Mali-Einsätze Spaziergänge.

umerziehung »Israel retten? Nein, danke!«, wird es der Politik aus der Gesellschaft entgegenschallen. Jene wird dankbar aufatmend sagen: »Ich will, aber darf und kann nicht.« Kann nicht, weil die Bundeswehr ein Papiertiger ist. Darf nicht als guter Demokrat, weil der deutsche Michel es nicht will. Er will nicht, weil er durch die – nicht zuletzt von »euch Juden und Israelis« gewollte – Umerziehung gelernt hat, kein Strammer Max, Hunne, Mitläufer oder gar Mittäter zu sein. Israel und die westliche Welt ernten die bitteren Früchte der Umerziehung, und den neuen Deutschen schmecken sie köstlich süß.

Wer heute in die Welt posaunt, Israel könne sich im Notfall auf Deutschland verlassen, ist entweder von allen Tatsachen-Geistern verlassen, rührend naiv oder heuchlerisch.

Ernst zu nehmen ist dagegen die im März 2008 von Bundeskanzlerin Merkel in der Knesset verkündete und im April 2018 nicht wörtlich, doch im Kern wiederholte Aussage, dass ein Angriff auf Israel einem Angriff auf Deutschland gleichkomme. Durch diesen Satz wird die schwache Bundeswehr nicht stark, aber Israel einem

NATO-Mitglied gleichgestellt. Wenn nämlich ein Angriff auf Israel von Deutschland als Attacke aufs eigene Territorium aufgefasst wird, tritt der NATO-Bündnisfall ein. Erdogans Türkei wird sich verweigern, andere auch. Die Bundeswehr wird, wie wohl die Niederlande, ein Sanitätskorps entsenden. Darauf kann sich Israel im Notfall verlassen.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Zuletzt erschien von ihm: »Deutschjüdische Glückskinder: Eine Weltgeschichte meiner Familie«.

Debatte

UN-Experten rügen Umgang mit Epstein-Akten

Der Fall Epstein setzt US-Behörden unter Druck: Teils wurden Namen von Opfern veröffentlicht, teils Ermittlungen unterlassen. Aus Sicht von UN-Sachverständigen steht die Glaubwürdigkeit von Regierungen auf dem Spiel

 16.02.2026

Karneval

Gegen Judenhass in de Bütt gestiegen - diesen Redner muss man lieben

Bei der Mainzer Fastnacht hält »Till« eine bemerkenswerte Rede über den wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Eine Wohltat für den sonst so schrecklich unpolitischen Karneval

von Martin Krauß  16.02.2026

Erfurt

Scharfe Kritik an Termin für AfD-Parteitag in Erfurt

Die AfD will ihren Bundesparteitag im Juli in Erfurt abhalten. Die Wahl des Termins ruft Kritiker auf den Plan. Genau 100 Jahre zuvor fand in Weimar ein NSDAP-Parteitag statt

 16.02.2026

Nahost

Analyse: Iran repariert Raketenanlagen schneller als Nuklearzentren

Während mehrere beschädigte Raketenstandorte offenbar zügig instand gesetzt wurden, kommen die Arbeiten an zentralen Nuklearanlagen deutlich langsamer voran

 16.02.2026

Paris

Epstein-Affäre: Durchsuchung nach Ermittlung gegen Jack Lang

Es geht um Verdacht auf Geldwäsche und Steuerbetrug. Wie tief ist Frankreichs Kultur-Ikone verstrickt?

 16.02.2026

Bosnien-Herzegowina

Jüdischer Protest gegen rechtsextrexmen Sänger Thompson

Vergangenes Jahr hatte der kroatische Sänger Thompson mit einem Megakonzert in Zagreb einen Zuschauerrekord gebrochen. Bekannt ist er für rechtsnationalistische Auftritte. Jetzt provoziert er erneut

von Markus Schönherr  16.02.2026

Madrid

Museum wirft israelische Besucherinnen raus

Drei ältere Touristinnen werden von Besuchern bepöbelt, weil sie Davidsterne und eine israelische Fahne tragen. Doch statt ihnen zu helfen, setzt das Museum sie vor die Tür

 16.02.2026

Diskussionsveranstaltung

Francesca Albanese soll in Berlin auftreten, Absage gefordert

Es könne nicht sein, dass die Senatsverwaltung für Kultur durch die Förderung des Veranstaltungsortes ermögliche, dass antisemitische Veranstaltungen durch Steuergelder finanziert würden, so die Organisation »Gegen jeden Antisemitismus«

von Imanuel Marcus  16.02.2026

Atomprogramm

Iran: Nächste Verhandlungsrunde mit den USA in Genf

US-Präsident Donald Trump fordert vom Teheraner Regime, sein Atomprogramm zu beenden. Doch die iranische Regierung ist nur zu Zugeständnissen bereit

 16.02.2026