Meinung

»Israelkritik« und akademische Freiheit

Bernd Ladwig Foto: Bernd Wannenmacher

Zu Jahresbeginn geriet eine Lehrbeauftragte des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin in die Kritik. Eleonora Roldán Mendivil habe in politischen Texten Israelhetze betrieben und antisemitische Stereotype bemüht. Wir nahmen dies zum Anlass, die Vorwürfe prüfen zu lassen.

Dabei ging es uns nie um Zensur. Wir führten auch keinen Feldzug gegen kritische Lehre; diese ist jederzeit möglich. Vollends absurd ist der Vorwurf, der lange Arm der Regierung Netanjahu verhindere jetzt auch in Deutschland eine Kritik an Israels Besatzungspolitik. Auch manche israelische Unterstützer Roldán Mendivils scheint diese Sorge umzutreiben. Nur übersehen sie, dass die Kritik hierzulande von FAZ bis taz Allgemeingut ist.

sorgfalt Worum geht es uns dann? Kurz gesagt: um Sorgfalt bei der Auswahl des wissenschaftlichen Lehrpersonals. Dabei haben wir durchaus Gründe, die Grenzen der wissenschaftlichen Redefreiheit großzügig zu ziehen. In akademischen Kontexten sollte auch Antidemokratisches und moralisch Abwegiges diskutiert werden dürfen. Keine Lehrveranstaltung über Platon, Hobbes oder Nietzsche wäre sonst möglich.

Beschränkungen der wissenschaftlichen Redefreiheit gehen aus dem Zweck von Wissenschaft selbst hervor. Man muss etwas Sinnvolles zum Stand einer Fachdiskussion sagen. Begriffliche Genauigkeit und argumentative Sorgfalt sind dabei Grundtugenden. Wer eklatant gegen sie verstößt, schließt sich selbst aus.

kolonialstaat Frau Roldán Mendivil hat Israel einen Kolonialstaat genannt und ihm einen fortwährenden »Genozid an den Palästinensern« unterstellt. Das sind dämonisierende Vorwürfe, die Israel als Staat infrage stellen. Vor allem aber offenbaren sie ein verwahrlostes und historisch kenntnisfreies Begriffsverständnis.

Auch wenn der Kontext der Äußerungen ein politischer und kein wissenschaftlicher war: Wer sich im revolutionären Furor so gehen lässt, muss sich nicht wundern, wenn Zweifel an seiner Eignung zur wissenschaftlichen Lehre aufkommen.

Der Autor ist Professor für politische Theorie und Philosophie am Otto-Suhr-Institut.

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