Einspruch

Irrungen und Wirrungen

Thilo Sarrazin irrt sich. Er formuliert einige zutreffende Beobachtungen über die verfehlte Integrationspolitik in einem Land, das zwischen dumpfer Ablehnung und erdrückender Umarmung alles Fremden schwankt und weiter eine vernünftige, zugleich menschenfreundliche Haltung zu Einwanderern sucht. Er gibt ein paar Statistiken korrekt wieder und legt Fehlentwicklungen in einem Sozialstaat offen, der viel Geld einsetzt und damit zu wenig erreicht. Er fordert jene Bildungs- und Integrationsoffensive, die alle anderen auch fordern. Dennoch: Sarrazin irrt sich.

Fruchtfliegen Weil er erfüllt ist von der Angst, dass alles immer schlimmer wird – aus demografischen und kulturellen oder gar biologischen Gründen. Weil er geradezu obsessiv auf Reproduktionsquoten von Menschengruppen herumreitet, als handele es sich um Fruchtfliegen. Weil er falsche Begriffe verwendet – etwa bei der angeblich höheren Fruchtbarkeit der muslimischen Einwanderer – und genau an jenen Punkten oberflächlich ist, an denen man genau sein muss. Das zeigt sich an dem unseligen Zitat über Juden, die angeblich alle ein bestimmtes Gen teilen. Da hat Sarrazin eine Studie des Amerikaners Harry Ostrer über genetische Indizien für die tatsächliche Existenz eines jüdischen Volkes mit einem Ursprung im Nahen Osten nicht nur falsch verstanden, sondern auch falsch zitiert.

Allerdings irrt sich Sarrazin in einem entscheidenden Punkt nicht. Sein Buch spiegelt ein Unbehagen in breiten Teilen der Bevölkerung wider. Die Phänomene zu leugnen, die dieses Unbehagen verursachen, und Sarrazin als Mini-Hitler zu brandmarken, ist eine Reaktion, die der Debatte nicht nützt. Zu einer freien Gesellschaft gehört, dass Menschen Falsches äußern dürfen. Es ist ein großer Fehler, jemanden wie Sarrazin zum Meinungsmärtyrer zu machen. Wer an Demokratie glaubt, muss bessere Argumente vorbringen. Im Falle Sarrazin wäre das einfach. Denn er irrt sich.

Der Autor ist stv. Leiter von www.ksta.de, dem Internetauftritt des Kölner Stadtanzeigers.

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Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

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