Der Zugriff der Geheimagenten in Jekaterinburg im März 2023 wird für den US-Reporter Evan Gershkovich zum echten Horrortrip in Russlands Gefängnishölle. Er trifft sich mit einem Informanten aus einer Panzerfabrik. Als Korrespondent des »Wall Street Journal« hofft er auf die große Story über Russlands Rüstungsindustrie in dem von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Krieg gegen die Ukraine.
Aber das wie eine Geheimoperation eingefädelte Treffen entpuppt sich als Falle, wie der 34-jährige Gershkovich nun in seinem Buch »Dieses verfluchte wunderschöne Land« (DVA) spannend erzählt.
Maskierte Agenten nehmen den Journalisten damals fest, ziehen ihm einen Sack über den Kopf, schlagen ihn. In Handschellen, die ihm das Gelenk wund scheuern, kehrt er im Flugzeug nach Moskau zurück. Vorläufige Endstation: das berüchtigte Untersuchungsgefängnis Lefortowo. Damit nimmt die jahrelange Arbeit des Amerikaners, dessen Eltern aus der Sowjetunion stammen, als Russland-Korrespondent ein jähes Ende.
Alptraum für Journalisten
Und es beginnt ein Alptraum, den viele westliche Journalisten, Unternehmer und Diplomaten fürchten: als Spion angeklagt zu werden, in Haft zu kommen als »Geisel« für einen möglichen Gefangenenaustausch gegen einen inhaftierten Russen. 491 Tage verbringt der Jude Gershkovich hinter Gittern.
Putin will damals unbedingt den als »Tiergarten-Mörder« in Deutschland inhaftiertem Wadim Krassikow. Um den Killer und Geheimdienstagenten freizupressen, braucht Moskau Gefangene als Tauschmaterial.
In Russland ist der Inlandsgeheimdienst FSB bekannt dafür, Ausländern Fallen zu stellen. Die Gefahr, Putins Agenten ins Netz zu gehen, ist zu der Zeit groß. Auch die USA warnen nach der Festnahme mehrerer Amerikaner vor solchen Risiken.
»Ich brauche das Abenteuer«
Gershkovich fühlt sich vergleichsweise sicher. »Ich bin ein Adrenalin-Junkie und brauche das Abenteuer«, schreibt er. »Allein schon der Gedanke, dass ich vom FSB verfolgt wurde, hatte etwas Elektrisierendes.« Nur bei echten Erfahrungen »fühlte sich das Leben am klarsten an«, erklärt er.
Ratschläge von Bekannten, mitten im Krieg und angesichts der verschärften Zensurgesetze lieber nicht über Russlands Rüstungsindustrie investigativ zu recherchieren, schlägt er in den Wind. Während einige westliche Korrespondenten aus Angst ihre Zelte abbrechen und Büros schließen, geht Gershkovich, der selbst nur noch zeitweilig ins Land kommt, in die Vollen.
Für Putins Agenten eine Steilvorlage, sie legen ihm das Sammeln geheimer Information prompt als Spionage aus. Das Urteil lautet: 16 Jahre Haft.
Der Fall macht nicht nur weltweit Schlagzeilen, weil diesmal ein Journalist mit einer Akkreditierung des russischen Außenministeriums festgesetzt wird. Die Inhaftierung schickt auch Schockwellen durch die Büros der Auslandskorrespondenten in Moskau. Die Angst geht um, dass Putin im Austausch gegen Krassikow auch einen Deutschen schnappen lassen könnte.
Während der US-Kollege in Haft sitzt, trommelt das Außenministerium die Korrespondenten zusammen. Minister Sergej Lawrow selbst warnt bei dem Treffen hinter verschlossenen Türen davor, sich in die Nähe von Rüstungsbetrieben und militärischen Objekten zu wagen. Klar wird, dass es keine Garantie für die Sicherheit ausländischer Journalisten gibt.
In seinem fast 500-seitigen Buch weist Gershkovich nicht nur kategorisch zurück, jemals im Auftrag der US-Regierung, wie der FSB das behauptete, geheime Informationen gesammelt zu haben. Er schildert, unter welchen Gefahren Korrespondenten in Russland ihre Arbeit machen.
Russlands brutale Seite
Immer wieder kreisen seine Gedanken in der Gefängniszelle darum, wie es so weit kommen konnte - das Russland, das er lieben lernt, von seiner brutalen Seite zu erleben. Gershkovichs Buch ist bei aller schonungsloser Selbstbetrachtung auch eine Liebeserklärung an Moskau - und ein Porträt des Landes im Wandel zu immer autoritäreren Strukturen.
Als Journalist ergibt sich Gershkovich nicht einfach seinem Schicksal. Er macht aus der schweren Lage die Story seines Lebens. Minutiös dokumentiert er seinen Gefängnisalltag. Er gibt dabei sicher nicht zur Freude der russischen Behörden schaurige Einblicke in das skrupellose System, das verurteilte Straftäter an die Front schickt. Sie sollen sich im Krieg von ihrer Schuld reinigen.
Gershkovich trifft nach seiner Verlegung aus Moskau in ein Gefängnis in Jekaterinburg auch jene, die nach dem Krieg in den Alltag zurückkehren, wieder straffällig werden, erneut einsitzen und auf den nächsten Einsatz an der Front lauern - nur, um nicht die harte Haft ertragen zu müssen. Die für die Betroffenen oft tödliche Praxis bekommt durch Gershkovichs dichte Schilderungen eine eindrucksvolle menschliche Dimension.
Persönliche Betroffenheit
Bei aller Nähe zu den tragischen Schicksalen der Insassen hält Gershkovich auch in der Haft trotz persönlicher Betroffenheit die Distanz als Beobachter. Er inszeniert sich nicht als Opfer und merkt selbst an, dass er als Faustpfand für den Gefangenenaustausch noch vergleichsweise gut behandelt werde.
Für Gershkovich gibt es ein Happy End. Im August 2024 kommt er mit anderen politischen Gefangenen, darunter prominente Kremlgegner und einige Deutsche, im Tausch gegen russische Agenten, darunter Krassikow, frei. Die Erlebnisse der Zeit hinter Gittern und »Schuldgefühle« wegen der Freilassung des »Tiergarten-Mörders« lassen ihn lange nicht los. Er sucht Hilfe.
Das Glück aller Gefangenen damals ist, dass US-Präsident Joe Biden, der Gershkovich nach der Freilassung auf einer Airbase empfängt, und Kanzler Olaf Scholz (SPD) diesen beispiellosen Austausch zulassen. Der Journalist würdigt in tiefer Dankbarkeit die Rollen der beiden Politiker. Dabei will er die vielen politischen Gefangenen, Kriegsgegner, die weiter in Putins Gefängnishölle schmoren, nicht vergessen wissen.