Dokumentation

»In der Bedrängnis der anderen die eigene erkennen«

Stolz auf die Auszeichnung: Volker Beck bei seiner Dankesrede zum Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: Marco Limberg

Dokumentation

»In der Bedrängnis der anderen die eigene erkennen«

Auszüge aus der Dankesrede von Volker Beck nach der Verleihung des Leo-Baeck-Preises

 11.11.2015 09:11 Uhr

Leo Baeck war ein ganz Großer, a Mentsch. Er war Theologe, Seelsorger und – heute würde man sagen – ein mutiger und standhafter Menschenrechtsverteidiger. Es ist eine unermesslich große Ehre, diesen Preis verliehen zu bekommen. Die Größe seines Namens und Werkes, die Liste der bedeutenden Frauen und Männer, die diesen Preis vor mir erhielten, beeindrucken mich, und deshalb stehe ich – gar nicht so meine Art – etwas kleinlaut und vor allem demütig vor Ihnen. Aber auch voller Stolz darauf, dass Sie mich für würdig befunden haben.

Denn was habe ich schon Besonderes getan? Nichts. Es sollten eigentlich alles Selbstverständlichkeiten sein: dass Opfer des Nationalsozialismus eine Entschädigung bekommen, ohne dass immer wieder bürokratische Hürden aufgebaut werden, dass Juden in Deutschland ihre Religion frei von der Verfolgung durch deutsche Staatsanwälte leben können, dass man in unserem Land nicht gegen Juden hetzen darf, dass der jüdische und demokratische Staat Israel nicht strengeren Maßstäben unterworfen wird als andere Staaten. (…)

Verpflichtung Aus der Schoa erwächst eine Verpflichtung, die über den, oft leichthin verwendeten Ausspruch »Nie Wieder« hinauswächst. (…) Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie schnell die Stimmung im Deutschland der Sommermärchen kippen kann. Ich erinnere an die rassistischen und antisemitischen Auswüchse in der Beschneidungsdebatte, an die »Juden ins Gas«-Rufe während antiisraelischer Demonstrationen und an über 600 Angriffe und Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in diesem Jahr.

(…) Ich kann in der heutigen Flüchtlingsdiskussion die Befürchtungen in den jüdischen Gemeinden nachvollziehen, dass syrische Flüchtlinge ein anerzogenes Feindbild von Israel und den Juden mitbringen könnten und dass dies in Bedrohung und Gewalt umschlagen könnte. Aber ich warne auch vor einer selffulfilling prophecy. (…) Dieses Deutschland wird jünger und vielfältiger. Es wird sich verändern, ebenso werden dies die Menschen tun, die nun neu zu uns kommen. Grundlage unseres Zusammenlebens ist das Grundgesetz, sind Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und die Lehren und die Verantwortung vor unserer Geschichte. (...) Wer hier dazugehören will, der muss Nein sagen zu Antisemitismus, Rassismus und Homophobie – egal, ob er aus Dresden oder Damaskus kommt. (...)

Herr Schuster, Sie haben meinen Einsatz für die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus erwähnt. Wie kam das eigentlich? Ich will das nur kurz erzählen, weil es mich tief geprägt hat. In den 80er-Jahren gelang es, das Thema der »vergessenen Opfer« des Nationalsozialismus auf die politische Tagesordnung zu setzen, die in Wirklichkeit ausgegrenzte Opfer waren. Homosexualität war zu der Zeit zwar nicht mehr strafbar. Aber wohl lebten wir schwulen Männer am Rand der Gesellschaft, zum Teil noch mit Rosa Listen geächtet. (...) Ich musste lernen: Auch vielen Angehörigen der anerkannten Opfergruppen, Juden, Sinti und Roma, Oppositionelle, war durch eine Vielzahl von Bestimmungen und Fristen der Zugang zu

Ignatz Bubis Entschädigungsleistungen verwehrt. (...) Als ich Ignatz Bubis sel. A. in den 90er-Jahren kennenlernte, haben wir eine ungewohnte Solidarität erlebt. Dass damals der Zentralrat der Juden gemeinsam mit uns Gerechtigkeit und Gedenken für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus einforderte, war eine starke Geste. Die Geschichte von Ausgrenzung und Diskriminierung prägt uns Angehörige von Minderheiten, und man erkennt in der Bedrängnis der anderen die eigene. (…)

Heute (am Tag der Preisverleihung, Anm. der Redaktion) vor 20 Jahren, am 4. November 1995, starb mit Yitzhak Rabin durch die Kugeln eines Extremisten nicht nur ein Mensch, sondern auch eine Idee. (…) Die israelische Regierungspolitik macht es uns nicht immer leicht, deren Handeln nachzuvollziehen. (...) Wäre ich Israeli, ich hätte diese Regierung nicht gewählt. (…) Es gibt manches, worüber man in Israel streitet und mit der israelischen Regierung streiten möchte. Ich wünsche mir aus Deutschland mehr Empathie und mehr Fairness, wenn Israel dämonisiert, delegitimiert und mit doppelten Standards angegriffen wird. (…) Vielen Dank und Toda Raba.»

Krieg

USA melden Zerstörung iranischer Schnellboote

Seit Anfang April gilt im Iran-Krieg eine Waffenruhe. Doch ein neuer US-Vorstoß hat die Lage an der Meerenge von Hormus verschärft. Nun melden die USA einen Angriff auf iranische Schiffe

 04.05.2026

Nahost

Bennett sieht Angriffe auf Emirate als Kriegserklärung Irans

Der israelische Oppositionspolitiker Bennett bewertet die Angriffe des Iran auf die Emirate als Wiederaufnahme des Kriegs. Die Anweisungen des Zivilschutzes in Israel bleiben vorerst unverändert

 04.05.2026

Abu Dhabi

Emirate: Großbrand nach iranischem Drohnenangriff

Seit Beginn der Waffenruhe vor knapp vier Wochen mussten die Emirate ihre Bevölkerung nicht mehr vor iranischen Angriffen warnen. Nun scheint die Lage sich wieder zuzuspitzen

 04.05.2026 Aktualisiert

Frankreich

Mit einer Prise Antisemitismus in den Elysée?

Mit 74 Jahren nimmt Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon zum vierten Mal Anlauf auf das Präsidentenamt. Dabei operiert er gezielt mit antisemitischen und antiisraelischen Narrativen

von Michael Thaidigsmann  04.05.2026

Kiel

Minenjagdboot »Fulda« mit Ziel Mittelmeer gestartet

Das deutsche Minenjagdboot »Fulda« steht für einen möglichen Einsatz in der Straße von Hormus bereit. Nun ist die Besatzung von Kiel aus gestartet – näher an das mögliche Einsatzgebiet

 04.05.2026

Tampa

US-Militär dementiert iranischen Angriff auf Kriegsschiff

Aus dem Iran gibt es Berichte über Raketenangriffe auf ein US-Militärschiff. Die USA äußern sich prompt. Zu einer anderen Behauptung wird zunächst geschwiegen

 04.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  04.05.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Washington D.C.

USAID-Ermittlungen: Mehr UNRWA-Mitarbeiter waren am 7. Oktober beteiligt

Drei UNWRA-Lehrern sowie einem Sozialarbeiter der Organisation wird vorgeworfen, entweder an terroristischen Aktivitäten beteiligt gewesen zu sein oder Geiseln festgehalten zu haben

 04.05.2026