Israel

Im Süden nichts Neues

Löchriger Friede: ein Haus in Sderot nach dem Einschlag einer Rakete aus dem Gazastreifen Foto: Flash 90

Nadav Tsabari kann der Hamas nicht trauen. »Als letzte Woche schon eine Waffenruhe in Kraft war, schlug auf dem Gelände unseres Wohnheims eine Rakete ein«, erzählt der 25-jährige Student. »100 Meter von unserem Schutzraum entfernt.« Beim Schildern der Detonation spürt er, wie sein Herz wieder heftig schlägt. Seit sechs Jahren wohnt Tsabari im südisraelischen Sderot, keine sieben Kilometer vom Gazastreifen entfernt, wo die radikalen Islamisten seit 2001 Raketen und Mörsergranaten auf Israel abfeuern.

Mit seiner Befürchtung, dass dies nicht der letzte Beschuss aus Gaza war, hatte Tsabari leider recht: In der Nacht zum Mittwoch brach die Hamas zum bereits zehnten Mal eine verabredete Waffenruhe: Erst wurde Beer Sheva im Negev beschossen, dann folgten Raketen auf Vororte von Tel Aviv und sogar in die Nähe von Jerusalem.

demonstration Am vergangenen Donnerstag stand Tsabari mit 10.000 anderen Israelis auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv. Die Demonstranten, die einem Aufruf der Kommunen aus dem Süden gefolgt waren, hielten Transparente hoch, auf denen sie zu Frieden mit den Palästinensern aufriefen, aber auch forderten: »Besetzt Gaza – jetzt«. Dabei war auch der Bürgermeister der 20.000-Einwohner-Stadt Sderot, Alon Davidi. »Führt die Sache endlich zu Ende. Wir wollen in Frieden leben«, rief er.

Kurz vor seinem Auftritt waren Davidi und andere Kommunalvertreter aus dem Grenzgebiet zu Gaza von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu empfangen worden. Am Montag war der Premier sogar persönlich in Sderot, um den Menschen seine Solidarität zu bekunden. Netanjahu spürt, wie der öffentliche Druck auf ihn wächst, nicht weiter unter ägyptischer Vermittlung mit den Palästinensern zu verhandeln. »Es ist nicht genug, nur stark zu sein, wir müssen auch Geduld haben«, mahnt er.

schulanfang Derweil verkündete Bürgermeister Davidi, dass der für den 1. September vorgesehene Schulanfang verschoben werden muss. Zudem sollen sich alle Bürger in der Nähe von sicheren Unterständen aufhalten.

»Mama, warum wollen sie uns töten?«, fragt die Jüngste von Mechi Fendels sieben Kindern ein ums andere Mal, wenn sie wieder alle in den Schutzraum ihres Hauses flüchten müssen, weil über Fernsehen oder Radio eine Raketenwarnung kommt. In Sderot bleiben den Menschen 15 Sekunden, um Schutz zu suchen. »Meine drei jüngeren Kinder kennen gar nichts anderes, als mit der Raketenbedrohung zu leben«, erzählt die 46-Jährige. »Die Hamas ist wie ein Hornissennest – das muss richtig entfernt und vernichtet werden.«

Fendel fürchtet, dass sie sich zu extrem anhört. Sie will nicht mit Nachbarn in einen Topf geworfen werden, die während der heißen Phase der Gefechte auf Hügeln standen und bei jeder Rauchwolke, die aus Gaza aufstieg, jubelten. »Ich will wirklich Frieden mit den Palästinensern. Die Terrorzellen bedrohen doch auch die Menschen in Gaza.«

Die israelische Friedensbewegung ist in diesen Wochen fast nicht mehr vernehmbar. Auch Arbeitsparteichef Isaac Herzog unterstützt den Armeeeinsatz in Gaza. Immerhin: Am vergangenen Samstag fanden sich auf dem Rabin-Platz erneut mehrere Tausend Demonstranten ein. Aufgerufen hatten dieses Mal die linke Meretz- Partei, die Kommunisten von Chadasch und die Aktivisten von »Peace Now«. Ein starkes Polizeiaufgebot stellte sicher, dass es nicht zu Zusammenstößen mit rechtsradikalen Gegendemonstranten kam.

Der Abgeordnete Nitzan Horowitz von Meretz kritisierte auf der Demonstration, dass Netanjahu Palästinenserpräsident Mahmud Abbas geschwächt und so die Hamas stark gemacht habe. Der Schriftsteller David Grossman forderte, die im Juni gebildete Einheitsregierung von Fatah und Hamas anzuerkennen.

zukunft »Traumatisiert? Sicher sind wir das hier alle«, sagt Bar Pariente. Die 26-jährige Studentin ist in Sderot aufgewachsen. »Weglaufen? Wie denn? Das hier ist mein Zuhause.« Vor zehn Jahren hat sie eine sehr gute Freundin verloren. Die war auf offener Straße, als die Rakete kam. Ihren kleinen Bruder konnte sie mit ihrem Körper schützen, sie selbst wurde durch Schrapnelle schwer verletzt und starb. »Ich glaube nicht an einen Waffenstillstand. Aber den Gazastreifen zu besetzen, kostet zu viele Ressourcen.« Bar Parientes Lösung: »Israel muss darauf hinwirken, dass dort eine starke Regierung ohne die Hamas regiert.«

In eigener Sache

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