Generationen

Im besten Alter

Notwendig ist es, auch auf die zu hören, die in absehbarer Zeit jüdisches Leben in Deutschland repräsentieren werden. Foto: imago

Der demografische Wandel ist seit einigen Jahren ein herausragendes Thema der mit der Erstellung von Statistiken beauftragten Behörden, von Wissenschaftlern und Sozialpolitikern, die sich mit dem voraussehbaren Verlauf der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland befassen. Nach Meinung der Experten wird sich die Zahl der Einwohner der Bundesrepublik in den kommenden Jahrzehnten drastisch reduzieren, was Folgen für die ökonomische Produktivität und Leistungsfähigkeit, die Höhe der Rentenzahlungen und nicht zuletzt die Lebensform und die Lebensqualität in Deutschland nach sich ziehen wird.

Diese Entwicklung war über lange Zeit kein Thema für die jüdische Gemeinschaft. Durch die Zuwanderung von Zehntausenden von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion schien vielmehr die jüdische demografische Kurve vielversprechend zu sein und in eine Richtung zu weisen, die dem allgemeinen Trend entgegenlief: Eine wachsende und stabile jüdische Bevölkerungsgruppe schien die Existenz der jüdischen Gemeinden zu garantieren und ein zunehmendes Gewicht der jüdischen Stimme in Aussicht zu stellen.

Zuwanderer Ein Blick auf die Mitgliederstatistik (Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, ZWST, Stand 31.12.2011) lässt jedoch erkennen, dass diese Perspektive sich ausschließlich an den Zahlen der Zuwanderer, aber nicht an deren Altersgliederung orientiert hat. Diese macht deutlich, dass die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden, die über 50 Jahre alt sind, weitaus höher ist als die Zahl der jüngeren Juden und dass die Alterskohorte zwischen 60 und 80 Jahren besonders groß ist.

Für die Gemeinden ist dies eine besorgniserregende Aussicht, weil die Zahl derjenigen Mitglieder, die gestaltend in ihnen tätig sein werden, eher überschaubar ist. Demgegenüber ist der Anteil der älteren Mitglieder hoch und wächst schneller an, als dies im bundesdeutschen Durchschnitt der Fall ist, da viele Migranten bereits eingewandert sind, als sie entweder kurz vor dem Ende ihrer beruflichen Laufbahn standen oder sie bereits hinter sich hatten.

Die demografische Entwicklung der jüdischen Bevölkerung hat mit Sicherheit Konsequenzen für die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Deutschland: Da funktionierende Gemeinden auf eine Infrastruktur angewiesen sind, die ihnen neben der religiösen Praxis auch Aufgaben der Bildung und Erziehung ermöglichen soll, ist vorauszusehen, dass es einen Konzentrationsprozess geben wird, bei dem Gemeinden entweder zusammengelegt oder bestimmte Aufgabenfelder untereinander aufgeteilt werden.

Geburtenrückgang So sehr wir uns darüber freuen können, dass Juden nach der Schoa in Deutschland wieder alt werden können, so müssen wir uns doch auf diesen Alterungsprozess vorbereiten. Der Geburtenrückgang, den wir in der deutschen Gesellschaft seit Langem beobachten, findet seine Entsprechung auch in der jüdischen Gemeinschaft.

Dies ist kein Grund zu besonderer Panik, aber sollte uns Maßnahmen ergreifen lassen, die eine solche Entwicklung berücksichtigen. In Anbetracht dieser Einschätzungen werden die Gemeinden nicht umhinkommen, sich mit ihrer eigenen Zukunftsplanung auseinanderzusetzen und bereits heute zu erkunden, wie sie sich insbesondere für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als attraktive Organisationen aufstellen können.

Gemeinden sich auch in Zukunft als Quelle jüdischen Wissens, Glaubens und Könnens etablieren, um generationenübergreifend Einfluss auf das jüdische Leben nehmen zu können. Die vielfältigen Ansätze dieses Lebens können auch im Rahmen arbeitsteilig organisierter Gemeinden aufrechterhalten werden, sofern sie sich profilieren und sich über ihre eigenen Perspektiven mit möglichst vielen Mitgliedern verständigen.

Würde Hierbei ist es unbedingt notwendig, in einen kommunikativen Austausch mit den jüngeren Generationen zu treten. Dies ist nicht nur wichtig, weil sie es sein werden, die in absehbarer Zeit jüdisches Leben in Deutschland repräsentieren werden. Sie werden auch dafür zu sorgen haben, dass die ältere Generation in ihren Gemeinden würdevoll behandelt wird, sodass diese sie als Orte sozialer, religiöser und kultureller Vergewisserung annehmen.

Der demografische Wandel ist eine Herausforderung für die jüdische Gemeinschaft. Anders als vor der großen Zuwanderung geht es diesmal nicht um die quantitative Existenz, sondern um die irreversible Verankerung jüdischen Lebens in der deutschen Gesellschaft – unter Bedingungen des demografischen Wandels, der nicht mehr und nicht weniger als Ausdruck des Strukturwandels aller modernen Gesellschaften ist.

Der Autor ist Professor für Interkulturelle Pädagogik an der Fachhochschule Erfurt.

Jom Hasikaron

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